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Shonibare's

 

In Berlins Stadtgeschichtsschreibung finden Brandenburg-Preußens Deportation versklavter Afrikaner_innen, der von Berlin ausgehende deutsche Kolonialismus und die Entstehung rassistischer Gesellschaftsstrukturen kaum Erwähnung. Selbst so folgenschwere Ereignisse wie die Berliner Afrika-Konferenz von 1884/85 werden übergangen. Noch seltener werden die Geschichte der Schwarzen Deutschen und von People of Color, ihre Verfolgung im nationalsozialistischen Berlin und ihr (anhaltender) Kampf gegen Rassismus thematisiert.

Die Zeitleiste gibt einen Überblick über das, was hierzulande häufig ignoriert, verdrängt und geleugnet wird.

 

 


 

2012

Nach jahrelangem Einsatz migrantisch-diasporischer und entwicklungspolitischer NGOs beschließt der Bezirk Berlin-Mitte 2011 die Umwandlung des so genannten Afrikanischen Viertels zu einem "Lern- und Erinnerungsort über die Geschichte des deutschen Kolonialismus, seiner Rezeptionsgeschichte sowie über den Unabhängigkeitskampf der afrikanischen Staaten". Im Juni 2012 wird eine erste Informationstafel eingeweiht ...

Beschluss >

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Tafeleinweihung am 8.6.2012

2011

Beim Besuch einer namibischen Delegation von Nama und Herero, welche die zu "Forschungszwecken" nach Berlin entführten Gebeine ihrer Nachfahren heimholen wollen, kommt es aufgrund der Proteste von Aktivist_innen der Black Community zum Eklat, als die Bundesregierung erneut die Anerkennung des Genozids und die Bitte um Entschuldigung verweigert ...

 

 

Proteste der Black Community

2010

Feierliche Umbenennung des nach dem Begründer eines brandenburgisch-preußischen Sklavenforts benannten "Gröbenufers" in Berlin-Kreuzberg. Der neue Name "May-Ayim-Ufer" ehrt die prominente afrodeutsche Aktivistin May Ayim (1960-1996)...

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May-Ayim-Ufer

2009

Kampagne "125 Jahre Berliner Afrika-Konferenz: erinnern, aufarbeiten, wiedergutmachen" mit bundesweiten Veranstaltungen. Mehr als 50 zivilgesellschaftliche Initiativen fordern "einen grundlegenden Wandel" im Umgang mit der deutschen Kolonialvergangenheit...

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125 Jahre Berliner Afrika-Konferenz

 

1986

Das Buch "Farbe bekennen - Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte" erscheint im Orlanda-Frauenverlag...

 

 

Farbe bekennen

1985

Im Zusammenhang mit dem wegweisenden Buchprojekt Farbe bekennen (1986) wird in Berlin die "Initiative Schwarze Deutsche" gegründet (heute: Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, ISD-Bund e.V.)...

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ISD

1958

Benennung der "Ghanastraße" im so genannten Afrikanischen Viertel in Berlin-Mitte (Wedding) in Anwesenheit ghanaischer Studierender in Berlin, darunter der Sohn des ersten Präsidenten Nkrumah. Mit dieser ersten (und bislang einzigen) postkolonialen Straßenbenennung in Deutschlands größtem "Kolonialviertel" wird der erste unabhängige Staat Afrikas südlich der Sahara geehrt...

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Benennung der Ghanastraße, 1958

1941

Die jahrelangen Vorbereitungen der Nationalsozialisten für die Errichtung eines neuen deutschen Kolonialreichs in Afrika werden in einem Geheimbericht des Kolonialpolitischen Amtes der NSDAP als weitgehend abgeschlossen bezeichnet. Das zukünftige Reichskolonialministerium soll im Neuen Marstall am Berliner Schlossplatz residieren...

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NS-Reichskolonialministerium

1934

Die Oberrealschule Pankow (später Karl-Peters-Schule und heute Reinhold-Burger-Schule) eröffnet ihre von Schülern gestaltete "Kolonialschau". Die Ausstellung zeugt von der Zunahme kolonialrevisionistischer Propaganda im Bildungswesen nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten...

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1928

In der Berliner Wilhelmstraße 74 treffen sich Vertreter des Auswärtigen Amtes und der "Deutschen Gesellschaft für Eingeborenenkunde" (DGfE), welche die in Deutschland lebenden Afrikaner kontrollieren und zur Rückkehr drängen soll. Sie beschließen, alle diejenigen, "die unterstützt werden müssen, nach Afrika abzuschieben"...

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1927

Gründung des "Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik" der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Berlin-Dahlem (KWI-A). Auf der Grundlage "rassekundlicher" Studien und Gutachten der von Eugen Fischer (1874-1967) geführten Einrichtung werden 1937 im Rheinland 385 Afrodeutsche zwangssterilisiert...

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Eugen Fischer

1926

Mit Unterstützung Moskaus initiiert der deutsche Kommunist und Verleger Willi Münzenberg in Berlin die Gründung der "Liga gegen koloniale Unterdrückung". Im Folgejahr organisiert die Liga, die zu einem wichtigen Verbund antikolonialer Aktivisten aus aller Welt wird, den 1. Kongress gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus in Brüssel...

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Liga gegen koloniale Unterdrückung

 

1920

In Berlin lebende Studenten aus China erreichen mit ihren Protesten "gegen eine Herabsetzung des chinesischen Volkes" Ausfuhrbeschränkungen für das kolonialrassistische deutsche Mammut-Filmwerk "Die Herrin der Welt" (8 Teile) von Joe May, bei dem kriegsgefangene Schwarze und People of Color auftreten mussten...

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Chinesische Studierende in Berlin

1919

Triumphmarsch Paul von Lettow-Vorbecks (1870-1964) und seiner "Schutztruppe", die während des 1. Weltkriegs Deutschlands "Kolonialbesitz" in Ostafrika gegen die Allierten verteidigt hat, durch das Brandenburger Tor. Der Krieg des rechtsextremen Kommandeurs, der sich vorher am Überfall auf China und am Völkermord an den Herero und Nama beteiligt hat, kostete bis zu einer halben Million ostafrikanischer Menschen das Leben...

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Lettow-Vorbeck

1914

In Kamerun planen der in Berlin getaufte und zum Kolonialsoldaten ausgebildete Mebenga m'Ebono alias Martin Paul Samba (ca.1873-1914) und weitere prominente Führer den Widerstands gegen das deutsche Kolonialregime und werden hingerichtet. Große Teile der kamerunischen Bevölkerung unterstützen die heranrückenden Streitkräfte der Alliierten...

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Mebenga m'Ebono

1912

Ausführliche Reichstagsdebatte zur deutschen Kolonialpolitik. Die Parteien haben unterschiedliche Ansichten über Deutschlands Berechtigung zur Kolonisation sowie auch über deren Motive und Wesen. Zugleich wird ein breiter Konsens deutlich über die  vermeintliche "Höherwertigkeit" europäischer Kultur...

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Protokoll der Debatte >

Reichstag, Erster Deutscher Kolonialkongress, 1902

1909

Beginn der vom Berliner Museum für Naturkunde ausgesandten "Tendaguru-Expedition" in den Süden der Kolonie "Deutsch-Ostafrika" (heute Tansania). Bis 1913 werden hier 250 Tonnen versteinerte Dinosaurierknochen ausgegraben und nach Berlin abtransportiert - darunter der Brachiosaurus brancai, das Prunkstück der heutigen Sammlung...

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Dinosaurier im Naturkundemuseum

1907

Gründung des "Deutschkolonialen Frauenbundes", später "Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft" (FDKG), der sich für die Entsendung von jungen Weißen Frauen in die Kolonien engagiert. Ziel der Vereinigung mit Sitz in Berlin ist "die Erhaltung des Deutschtums" in den kontrollierten Gebieten und die Verhinderung des Anwachsens einer "Mischbevölkerung"...

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1906

Der Berliner Nobelpreisträger für Medizin, Robert Koch (1843-1910), bricht zu einer Expedition nach "Deutsch-Ostafrika" auf, um dort die Schlafkrankheit zu erforschen. An erkrankten Afrikaner_innen auf britischem Kolonialgebiet erprobt er verschiedene arsenhaltige Gegenmittel, die zum Teil zu irreversiblen Schädigungen führen...

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Robert Koch

1903

Eröffnung des "Deutschen Kolonialhauses" in der Lützowstr. 89/90 - Hauptfiliale der Bruno-Antelmann-GmbH, des größten Kolonialwarenhauses im Deutschen Reich. Das Haus ist auf Produkte aus den deutschen Kolonien spezialisiert...

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Deutsches Kolonialhaus, um 1900

1900

Das deutsche Kriegsschiff "Iltis" unter dem Kommando seines Kapitäns Wilhelm Lans eröffnet den Angriff auf die chinesischen Dagu-Forts (Taku). Der Überfall bildet den Auftakt zur Invasion des chinesischen Kaiserreichs unter deutschem Oberbefehl durch die imperialistischen Großmächte...

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Lansstraße

1890

In Glorifizierung des "Reichskommissars" Hermann Wissmann (1853-1905) und des von ihm geführten Kolonialkriegs in "Deutsch-Ostafrika" werden in Berlin-Neukölln und 1898 auch in Grunewald die Wissmannstraßen benannt. Rücksichtslos schägt der aus Frankfurt/Oder stammende Offizier den antikolonialen Widerstand der Küstenbevölkerung (Swahili) nieder...

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Hermann Wissmann

1884/85

Auf Einladung Bismarcks kommen die Gesandten der USA, des Osmanischen Reichs und der europäischen Großmächte im Palais des Reichskanzlers zur Berliner Afrika-Konferenz zusammen. De facto als "Privatbesitz" vergeben sie den Kongo an König Leopold II. von Belgien und stimmen untereinander die (weitere) Kolonisation Afrikas ab. Das Deutsche Kaiserreich etabliert sich im Kreis der Kolonialmächte...

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Konferenzprotkolle >

 

Berliner Afrika-Konferenz, 1884/85

 

1811

Wenige Monate vor seinem Freitod am Berliner Wannsee veröffentlicht Heinrich von Kleist (1777-1811) die Novelle "Die Verlobung von St. Domingo", in der er Immanuel Kants rassistische Lehren aufgreift und dezidiert Stellung bezieht gegen die erfolgreiche Selbstbefreiung Schwarzer auf Saint-Domingue im Zuge der Haitianischen Revolution (1791-1804)...

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Revolutionsführer J.J.Dessalines (1757-1804)

ca. 1700

Beim planmäßigen Aufbau der Berliner Friedrichstadt wird auch die "Mohrenstraße" angelegt und nach den dort untergebrachten Afrikanern benannt. Die nach Berlin verschleppten Jungen und jungen Männer müssen im brandenburgisch-preußischen Militär oder am Hofe dienen. Trotz anhaltender Proteste der Black Community wird die Umbenennung der Straße zu Ehren einer afrikanischen Persönlichkeit seit Jahren verweigert ...

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M-Straße in Berlin-Mitte

1682/83

Im Auftrag des "Großen Kurfürsten" Friedrich Wilhelm von Brandenburg bricht Otto Friedrich von der Gröben (1657-1728) mit zwei Sklavenschiffen nach Westafrika auf. Im heutigen Ghana lässt er die Festung "Groß-Friedrichsburg" errichten - Stützpunkt für Brandenburgs Verschleppung versklavter afrikanischer Jungen nach Berlin und von ca. 20 000 Männern, Frauen und Kinder nach St. Thomas in der Karibik...

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Dokumente >

Gekettete Sklaven am Denkmal des Großen Kurfürsten