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Versteckt und verharmlost - Kolonialgeschichte im Deutschen Historischen Museum Berlin

Manuela Bauche, Dörte Lerp, Susann Lewerenz, Marie Muschalek, Kristin Weber

 

Nationalgeschichte Unter den Linden

Spuren der deutschen Kolonialvergangenheit lassen sich in Berlin an vielen Orten finden – wenn man nur genauer hinsieht. Da liegt es nahe, auch einen Blick in die Museen der Hauptstadt zu werfen, insbesondere in jenes, das sich der „Aufklärung und Verständigung über die gemeinsame Geschichte von Deutschen und Europäern“ [1] verpflichtet fühlt: das Deutsche Historische Museum (DHM). Das Museum selbst ist leicht zu finden. Direkt Unter den Linden, zwischen Neuer Wache und Museumsinsel liegt es mitten im historischen Zentrum der Stadt – ein denkbar günstiger Ort für ein nationales Geschichtsmuseum. Die Dauerausstellung ist im alten Zeughaus untergebracht, das selbst auf eine lange Geschichte als preußisches Waffenarsenal, Militärmuseum, Ort der Kriegsverherrlichung und Geschichtsmuseum der DDR zurückblickt.

Deutsches Historisches Museum Portal des Deutschen Historischen Museums in Berlin (Foto: Initiative "Kolonialismus im Kasten?", 2011)"

 

Das DHM ist de facto ein Nationalmuseum, auch wenn der Begriff in Selbstdarstellungen inzwischen bewusst vermieden wird.[2] Sicher, es ist kein Nationalmuseum im Stil des 19. Jahrhunderts, in dem die deutsche Vergangenheit ungebrochen verherrlicht wird. Das immerhin hat die jahrelange Kontroverse um den Sinn und Zweck des Museums und die Gestaltung der Ausstellung verhindert.[3] Aber das DHM erfüllt doch die Aufgabe eines Nationalmuseums, indem es danach strebt, „den Bürgern unseres Landes dabei zu helfen, eine klare Vorstellung davon zu entwickeln, wer sie sind, als Deutsche, als Europäer, als Bewohner einer Region und Mitglieder einer weltweiten Zivilisation."[4] Das Museum dient der Identitätsstiftung, wobei es die Konstruktion einer nationalen Identität in den Vordergrund stellt und dabei deutsche wie ausländische Ausstellungsbesucherinnen und -besucher mit Migrationshintergrund ignoriert. Den als Zielgruppe ins Auge gefassten deutschen Besucherinnen und Besuchern, darunter viele Schulklassen, wird eine Geschichte präsentiert, die sie als eigene verstehen sollen, als Geschichte, die sie mit manchen Menschen verbindet und von anderen trennt. An der 2006 eröffneten ständigen Ausstellung ist das Selbstverständnis des Hauses deutlich abzulesen. Von der Varusschlacht bis zur Wiedervereinigung bietet sie trotz der Fülle an Objekten eine letztlich auf einen Punkt, nämlich auf die Idee nationaler Einheit, hinauslaufende, eine teleologische Erzählung. Hier werden nicht mehrere oder offene Geschichtsdeutungen präsentiert, sondern eine einzige, lineare und identitätsstiftende Erzählung, die beansprucht, die zentralen Punkte „deutscher Geschichte“ abzubilden. Der Parcours durch zwei Jahrtausende endet mit einem klaren Statement: „Wir sind ein Volk!“

Nationalgeschichtliche Dauerausstellung DHM Dauerausstellung im Deutschen Historischen Museum (Foto: Initiative "Kolonialimus im Kasten?", 2011)

 

Kolonialismus im Kasten

Wo genau in dieser nationalen Erzählung findet sich nun die deutsche Kolonialgeschichte? Welchen Platz hat sie in der Dauerausstellung des DHM? Um diese Fragen zu beantworten, muss man sich zunächst auf die Suche machen – und zwar gründlich. Allzu leicht kann man nämlich von der Gesellschaft im Kaiserreich auf den Ersten Weltkrieg zusteuern und dabei die Kolonialgeschichte im wortwörtlichen Sinne links liegen lassen. Nur wer sich vom Hauptpfad der Geschichte ab- und den so genannten Vertiefungsräumen der Ausstellung zuwendet, findet, versteckt hinter einer Glasvitrine mit Uniformen und unter der Treppe, die zum „Aufbruch in die Moderne“ führt, eine Vitrine sowie einen Schubladenschrank, die dem deutschen Kolonialismus gewidmet sind.

Kolonialismus im KastenVersteckt unter der Treppe: Der deutsche Kolonialismus im DHM (Foto: Initiative "Kolonialismus im Kasten?", 2011)

 

Im Hintergrund ist Marschmusik zu hören, die auf die Aufrüstung und den bevorstehenden Ersten Weltkrieg hindeutet. Entsprechend stellt der Überblickstext den Kolonialismus auch in einen direkten Zusammenhang mit dem Weltmachtstreben Deutschlands unter Kaiser Wilhelm dem II. Auf diese Weise wird die Kolonialgeschichte zu einer Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges reduziert. Dabei war Wilhelm der II. noch gar nicht an der Macht, als Deutschland 1884 die ersten Gebiete in Afrika zu „Schutzgebieten“ erklärte. Auf einer Texttafel, die sich direkt an der Vitrine befindet, wird Bismarck, unter dessen Kanzlerschaft Deutschland zum Kolonialreich wurde, zwar erwähnt, seine Rolle als Kolonialpolitiker jedoch heruntergespielt. Einzelheiten über die Eroberung der Kolonialgebiete, die Unterwerfung und Ausbeutung der dort lebenden Menschen oder über deren Widerstand erfährt man ebenso wenig wie über die Auswirkungen des Kolonialismus auf die deutsche Gesellschaft.

Die Vitrine selbst enthält ein Sammelsurium unterschiedlicher Erinnerungsstücke. Darunter befinden sich ein Gemälde des Kilimandscharo, die Uniform eines Kolonialsoldaten, Porträtzeichnungen afrikanischer Menschen, Kaffeedosen, ein Schnupftuch, ein Album, in das Fotos mit Szenen von Folter und Mord eingeklebt sind, sowie ein Bild, das aus einem chinesischen Tempel entwendet wurde. Die Auswahl wirkt willkürlich. Auf welche Weise die Objekte in Beziehung zueinander stehen, erschließt sich in Ermangelung genauerer Informationen kaum, geschweige denn die hinter den Objekten stehenden Geschichten. Das einzige, was die Exponate zusammenhält, ist die Perspektive derjenigen, für deren Benutzung oder Unterhaltung sie geschaffen oder angeeignet wurden, und das ist die Perspektive der Kolonisierenden. Was hier versammelt wurde, sind koloniale Erinnerungsstücke. Der Schaukasten ist mehr Rumpelkammer eines Kolonialbeamten denn Museumsvitrine.

Schauvitrine zum deutschen KolonialismusSchaukasten zum deutschen Kolonialismus im DHM (Foto: Initiative "Kolonialismus im Kasten?", 2011)

 

Neben der Vitrine, direkt unter der Treppe steht noch ein Schubladenschrank, der Proben kolonialer Rohstoffe enthält, die von den Besucherinnen und Besuchern „erfühlt“ werden können. Was soll durch diese Form der Ausstellungspädagogik vermittelt werden? Geht es darum, die Kolonien sinnlich erfassbar zu machen? Die Perspektive der Ausstellung wird jedenfalls nicht gebrochen: Weder erfährt man, dass es die einheimische Bevölkerung der Kolonien war, die diese Rohstoffe gewann, noch werden die oft unmenschlichen Arbeitsbedingungen und der Widerstand der Kolonisierten thematisiert. Wie zur Kolonialzeit richtet sich das Interesse der Ausstellung hier allein auf den wirtschaftlichen Nutzen für das Deutsche Reich. Die wirtschaftlichen wie sozialen Folgen von Plantagenwirtschaft und Raubbau für die in den Kolonien lebenden Menschen werden verschwiegen.

In der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums bleibt die deutsche Kolonialgeschichte nahezu unsichtbar, sie wird aus ihren Verbindungen zur politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Geschichte des Kaiserreichs herausgerissen und in zusammenhanglosen Artefakten präsentiert, die die Täterperspektive widerspiegeln. Damit reflektiert das Museum in exemplarischer Weise den allgemeinen öffentlichen Umgang mit der deutschen Kolonialvergangenheit. Auch in anderen Museen, Schulbüchern und Fernsehdokumentationen bleibt sie allzu oft im Verborgenen oder wird als unbedeutende Episode präsentiert, die nichts mit dem Rest der deutschen Geschichte zu tun hat. Die wenigen Gedenkveranstaltungen, die bisher in Deutschland für die Opfer des deutschen Kolonialismus stattfanden, gehen auf Initiative von Aktivistinnen und Aktivisten zurück; ein kritisches Erinnern an den deutschen Kolonialismus von Seiten der Bundesregierung gibt es nicht. Dagegen existieren immer noch zahlreiche Denkmäler und Straßennamen, die jenes Kapitel deutscher Geschichte verklären und glorifizieren. So wird letztlich auch verdrängt, dass das Erbe des Kolonialismus das Selbstverständnis der deutschen Mehrheitsgesellschaft, nach dem Deutschsein immer noch Weißsein bedeutet, wie auch die asymmetrischen Machtverhältnisse zwischen globalem Norden und Süden bis heute prägt.

Deutsche Geschichte ist (auch) Kolonialgeschichte

Auch im öffentlichen Gedächtnis ist der deutsche Kolonialismus offensichtlich in einen Kasten gepackt und ins Abseits verbannt worden. Um ihn dort hervorzuholen, reicht die Forderung nach einer umfassenderen und angemessenen Kolonialgeschichtsschreibung allein nicht aus. Wir müssen vielmehr aufzeigen, dass die Trennung zwischen deutscher Geschichte und Kolonialgeschichte in der Ausstellung die tatsächlich bestehenden, vielfältigen Zusammenhänge ausblendet. Mit einem kritischen Blick auf die ausgestellten Objekte ist das durchaus auch in der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums möglich.

Nehmen wir zum Beispiel den Ausstellungsabschnitt zum Thema „Technik und Wissenschaft“. Hier finden wir in einer Schublade das Bild des Mediziners Robert Koch. Das Foto zeigt den Nobelpreisträger am Mikroskop, in einem Labor in Südafrika, wie aus der Bildunterschrift hervorgeht. Tatsächlich forschte Koch viel außerhalb Deutschlands, insbesondere in Afrika. In der Schublade daneben liegt eine Zeichnung von Trypanosomen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Erreger der so genannten Schlafkrankheit identifiziert wurden. Mit Unterstützung der deutschen und britischen Kolonialbehörden hielt sich Koch eineinhalb Jahre in Ostafrika auf, um dort die Schlafkrankheit zu erforschen. Auf einer der unter britischer Herrschaft stehenden Sese-Inseln im Victoria-See errichtete er ein Schlafkrankenlager und führte medizinische Versuchsreihen an dort internierten Afrikanerinnen und Afrikanern durch. Ohne Kolonialismus wäre diese Forschung nicht möglich gewesen. Die Kolonien dienten Koch und anderen Wissenschaftlern als Testfelder – und ihre Bewohnerinnen und Bewohner als Testpersonen.

Da die Trypanosomen den Erregern anderer Krankheiten ähnelten, die in Deutschland weit verbreitet waren, interessierten sich auch deutsche Pharma-Unternehmen für die Erforschung der Schlafkrankheit. Sie stellten Koch die Mittel zur Verfügung, die er – erfolglos und mit fatalen Nebenwirkungen – an seinen Patientinnen und Patienten erprobte.[5] In der Ausstellung des Museums muss man sich nur umdrehen, um eines der beteiligten Unternehmen zu finden. Es ist die Firma Bayer, deren Werbeplakat im selben Raum auf den Aufstieg deutscher „innovativer Industrien“ hinweist. Auch diese Aufstiegsgeschichte ist nicht ohne Kolonialgeschichte zu verstehen.

In der Dauerausstellung des DHM lassen sich also durchaus Geschichten über Kolonien, über Kolonialpolitik, über Kolonisierende und Kolonisierte erzählen. Deutsche Geschichte und Kolonialgeschichte sind keine getrennten Geschichten, sondern untrennbar miteinander verflochten.

 


 

[1] http://www.dhm.de/orga/konzept.htm

[2] Obwohl von Kohl als Nationalmuseum bezeichnet, taucht der Begriff auf der Website nicht auf, stattdessen versteht sich das Museum als modernes „nationales Geschichtsmuseum“. Vgl.: http://www.dhm.de/news/geschichtsmuseen_programm.pdf

[3] Zur Debatte um die Dauerausstellung vgl.: Zeitgeschichte-online, Thema: Geschichtsbilder des Deutschen Historischen Museums. Die Dauerausstellung in der Diskussion, hg. von Jan-Holger Kirsch und Irmgard Zündorf, Juli 2007, http://www.zeitgeschichte-online.de/md=DHM-Geschichtsbilder

[4] Hierbei handelt es sich um die Übersetzung der englischsprachigen Version der Website, auf der das Konzept wesentlich klarer formuliert ist als auf der deutschsprachigen. („The museum shall in particular strive to help the citizens of our country to gain a clear idea of who they are as Germans and Europeans, as inhabitants of a region and members of a worldwide civilization.“ – Übersetzung D.L.). http://www.dhm.de/ENGLISH/dhm_konzeption.html.

[5] Vgl.: Manuela Bauche, Robert Koch, die Schlafkrankheit und Menschenexperimente im kolonialen Ostafrika, http://www.freiburg-postkolonial.de/Seiten/robertkoch.htm

Die Autorinnen des Beitrags bieten seit November 2009 öffentliche Rundgänge zum deutschen Kolonialismus und dessen Darstellung in der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums an. Die Rundgänge sind unabhängig vom DHM und setzten sich kritisch mit der Ausstellung auseinander. Entwickelt wurden sie als Beitrag zur Berliner Kampagne „125 Jahre Berliner Afrika-Konferenz“, die im Winter 2009/2010 an die Geschichte des deutschen Kolonialismus und dessen Folgen erinnerte. Nach Abschluss der Kampagne haben die Autorinnen die Rundgänge im Rahmenprogramm des Berliner Filmfestivals „globale“, der Ausstellung „freedom roads“ sowie auf Nachfrage einzelner interessierter Gruppen weitergeführt.