Berlin Postkolonial

der raum zwischen gestern und heute: May Ayim (3. Mai 1960 - 9. August 1996)

Chantal-Fleur Sandjon

 

May Ayim An dem Tag, an dem ich geboren wurde, / kamen viele Geschichten meines Lebens zur Welt. / Jede trägt ihre eigene Wahrheit und Weisheit.[1] (Foto: Orlanda Frauenverlag)


1960 in Hamburg geboren, wächst May Ayim in Kinderheimen und einer Pflegefamilie auf. Ihr ghanaischer Vater tritt erst später als „Onkel E“ in ihr Leben, ihre deutsche Mutter lernt sie nie kennen. „Von allen Namen, die ich bekam, hieß ich ‚Mischlingskind‘“[2] – ihre Herkunft markiert und depersonalisiert sie vom ersten Tag an. Selbst in der eigenen Pflegefamilie ist der Umgang mit ihr von rassistischen Vorurteilen geprägt: Die Pflegeeltern rechtfertigen Misshandlungen damit, dass „strenge Erziehung“ sie davor bewahren würde, zu einem Negativbeispiel einer Schwarzen zu verkommen. Körperliche Züchtigung zuhause gesellt sich zu verbalen Hieben im Alltag.

„Zerissenheit zwischen Dazugehören und Nichtdazugehören“[3] diktiert ihre Jugend, Exotisierung und Entfremdung in der eigenen Heimat begleiten sie fortwährend.

May Ayim bei ihrem Großvatermeine heimat / ist heute / der raum zwischen / gestern und morgen / die stille / vor und hinter / den worten / das leben / zwischen den stühlen [4] (Foto: May Ayim bei ihrem Großvater Reuben Ansah Ayim in Ghana, Orlanda Frauenverlag)

Mit Großvater Reuben Ansah Ayim in Ghana


Von ihrer weißen Umwelt wird ihr permanent der angebliche „Widerspruch zwischen einer dunklen Hautfarbe und einem deutschen Pass“[5]vor Augen geführt und ihr ein Sonderstatus zugesprochen, den sie alsbald nicht mehr akzeptieren möchte:

In dem Moment, als ich zu mir ‚ja‘ sagen konnte, ohne den geheimen Wunsch nach Verwandlung, war die Möglichkeit gegeben, die Brüche in mir und meiner Umgebung zu erkennen, zu verarbeiten und aus ihnen zu lernen. Ich bin nicht an meinen Erfahrungen zerbrochen, sondern habe aus ihnen Stärke und ein besonderes Wissen gewonnen.[6]

Die Komplexität ihrer Erfahrungen spiegelt sich fortan in der Komplexität ihrer Tätigkeiten wider. Ihre Arbeit als Akademikerin, Logopädin und Pädagogin, ihr Schaffen als Dichterin sowie ihr Einsatz als Aktivistin sind geprägt von einer bewussten Verortung als Schwarze Frau in Deutschland und in der Welt.

1984 verbindet May Ayim den „raum zwischen gestern und morgen“[7] mit der Geschichte Afrodeutscher in ihrer Diplomarbeit und leistet damit einen entscheidenen Beitrag zu diesem Forschungsfeld sowie zum Identitäts- und Formierungsprozess der Schwarzen Community in Deutschland. Als erste Forschungsarbeit zur historischen Präsenz und Gegenwart Schwarzer Deutscher bildet sie die Grundlage für Studien zu verschiedenen Abschnitten afrodeutscher Geschichte und die Basis für das 1992 veröffentlichte Buch Farbe bekennen [8], in dem afrodeutsche Frauen ihre Erfahrungen in Deutschland teilen, verarbeiten und kontextualisieren.

May Ayim statt Von der Gröbenherrschaftskriege / werden meistens von weißen männern / begonnen / wahre befreiungskämpfe / werden vor allem von schwarzen frauen / gewonnen [12]


 

 

Mays Engagement für die Schwarze Community manifestiert sich neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit auch in ihrem Aktivismus. Sie ist eine der Gründerinnen der Initiative Schwarze Deutsche und Schwarze in Deutschland (ISD), welche 2010 ihr 25-jähriges Bestehen feierte. Bei Demonstrationen sowie in Publikationen und öffentlichen Diskussionen stellt May dem Rassismus in Deutschland eine reflektierte und kritische Stimme entgegen, eine Stimme der Solidarität, eine Stimme, die nicht überhört oder übertönt werden konnte.

Ihre Poesie legt davon Zeugnis ab. Es ist die reflektierte Art der Verortung, die oftmals schmerzhafte Auseinandersetzung mit ihrer Realität, in deren Ehrlich- und Verletzlichkeit die Kraft ihres poetischen Werkes ruht.

May Ayim scheut die Auseinandersetzung mit der eigenen „Betroffenheit, Hoffnung und Hilflosigkeit“[9] nicht. In Gedichten selektiert May diese in ihre Einzelteile und kreiert auf dem Papier aus Fragmenten eine Welt mit „sehnsucht auf den ästen“[10]. Sie sucht geradezu die Konfrontation mit ihren eigenen Ängsten und den Projektionen ihrer Umgebung, begierig, Freiräume in der deutschen Sprache „mit ihren rassistischen Elementen, die oft gegen mich selbst gerichtet sind“[11], zu erkämpfen und zu besetzen. Es ist nur eine Facette des Kampfes, dem sie sich verschrieben hat, eines Kampfes, den sie, nachdem ihr die Diagnose Multiple Sklerose mitgeteilt wird, im August 1996 mit ihrem Freitod beendet.

Die akademischen Arbeiten und Gedichte, die sie hinterlässt, zeigen eine Frau, welche kompromisslos wie wenige andere Women of Colour in Deutschland für sich das Recht beansprucht hat, Subjektperspektive anzunehmen.

Es ist eine Position, die weiße Kritiker auch heute noch irritiert. Schon ihre Diplomarbeit zu Schwarzer deutscher Geschichte wurde in den 80er Jahren zuerst mit der Begründung abgelehnt, in Deutschland gebe es gar keinen Rassismus. Und auch heute noch wird in der Kritik an Ayims Werk deutlich, wie schwer es für den weißen deutschen Mainstream ist, Definitionsmacht abzugeben.

ManuEla Ritz auf Umbenennungfeier ManuEla Ritz trägt im Zirkus Cabuwazi auf der von mehreren Hundert Menschen besuchten Feier zur Umbenennung des Gröbenufers in May-Ayim-Ufer Gedichte von May Ayim vor. (Foto: BER)


Die Subalterne kontert: 2004 wurde der erste Schwarze Deutsche Internationale Literaturpreis nach ihr benannt. Die Straßenumbenennung 2010 nach einer Künstlerin und Aktivistin, die schon 1993 Straßennamen anprangerte, durch die „Kolonialisten noch immer glorifiziert und Kolonialisierte weiterhin gedemütigt werden“[13], ist ein weiterer Schritt auf dem unaufhaltsamen Weg, den May Ayim selbst wie folgt beschrieb:

 

ich werde trotzdem

afrikanisch sein

auch wenn ihr

mich gerne

deutsch

haben wollt

und werde trotzdem

deutsch sein

auch wenn euch

meine schwärze

nicht passt

ich werde noch einen schritt weitergehen

bis an den äußersten rand

wo meine schwestern sind – wo meine brüder stehen

wo

unsere

FREIHEIT

beginnt

ich werde

noch einen schritt weitergehen und noch einen schritt

weiter

und wiederkehren

wann

ich will

wenn

ich will

grenzenlos und unverschämt

bleiben.[14]

Umbenennung Die vielbeachtete Umbenennung des Kreuzberger Gröbenufers in May-Ayim-Ufer im Februar 2010. (Foto: BER)

 

 

 

 

 

 

[1] Ayim, May (1986): Aufbruch. In: Oguntoye, Katharina; Opitz, May; Schultz, Dagmar (Hrsg.) (1986): Farbebekennen. Orlanda Frauenverlag, Berlin. (Foto: Orlanda Frauenverlag)

[2] Ayim, M. (1986).

[3] Ayim, M. (1984): Ein Brief aus Münster. In: Ayim, M. (1997): Grenzenlos und unverschämt. Orlanda Frauenverlag, Berlin.

[4] Ayim, M. (1995): auskunft. In: Ayim, M. (1997): Nachtgesang. Orlanda Frauenverlag, Berlin. (Foto: Orlanda Frauenverlag)

[5] Ayim, M. (1984).

[6] Ayim, M. (1986).

[7] Ayim, M. (1984).

[8] Oguntoye, Katharina; Opitz, May; Schultz, Dagmar (1986): Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrere Geschichte. Orlanda Frauenverlag, Berlin.

[9] Ayim, M. (1984).

[10]Ayim, M. (1992): nachtgesang. In: Ayim, M. (1997): Nachtgesang. Orlanda Frauenverlag, Berlin.

[11] Ayim, M. (1984).

[12] Ayim, M. (n.d.): waffenbrüder und schwertschwestern. In Ayim, M. (1997): Nachtgesang. Orlanda Frauenverlag, Berlin. (Foto: Orlanda Fraueneverlag)

[13] Ayim, M. (1993): Das Jahr 1990. In: Hügel, Ika; Lange, Chris; Ayim, May (1993). Entfernte Verbindungen. Rassismus, Antisemitismus, Klassenunterdrückung. Orlanda Frauenverlag, Berlin.

[14] Ayim, M. (1995): "grenzenlos und unverschämt. Ein gedicht gegen die deutsche sch-einheit." In: Ayim, M. (1995): Blues in schwarz-weiß. Orlanda Frauenverlag, Berlin.