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„Finde ich keinen Weg, so bahne ich mir einen“ - Der umstrittene „Kolonialheld“ Hermann von Wissmann *

Thomas Morlang

 

Amberg, Bad Lauterberg, Berlin, Bottrop, Cuxhaven, Delmenhorst, Düsseldorf, Hamburg, Herford, Karlsruhe, Kassel, Kiel, Köln, Leipheim, Ludwigsburg, Ludwigshafen, Lübeck, München, Neustadt an der Weinstraße, Nürnberg, Oberhausen, Solingen, Völklingen: Lang ist die Liste der deutschen Städte, die mit einer Straße den Offizier und „Afrikareisenden“ Hermann von Wissmann ehren.[1] Berlin kann gar gleich mit zwei Wissmannstraßen aufwarten: Eine im Bezirk Neukölln, Ortsteil Neukölln, und eine im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, Ortsteil Grunewald. Während in den übrigen Städten die Namensgebung erst in den 1920er und 1930er Jahren erfolgte, hatten die Straßen in der Hauptstadt ihren Namen schon zu Lebzeiten Wissmanns erhalten.

Den Anfang machte das damals noch nicht zu Berlin gehörende Städtchen Neukölln. Am 27. November 1890 tauften die Stadtväter des kleinen Ortes feierlich eine neue Straße auf den Namen Wissmann.[2] Das ebenfalls noch selbstständige Grunewald folgte im Jahr 1898. 1921 kamen beide Städte im Zuge einer Gebietsreform zu „Groß-Berlin“. Obwohl der Magistrat in den folgenden Jahren immer wieder aufgefordert wurde, Mehrfachbenennungen von Straßen aus der Welt zu schaffen, behielten die Wissmannstraßen bis heute ihren Namen.

Glaubt man den zahlreichen Büchern über die Berliner Straßennamen, erfolgten die Straßenbenennungen in erster Linie wegen Wissmanns Verdiensten um die Erforschung des afrikanischen Kontinents. So heißt es beispielsweise im kommentierten Verzeichnis der Berliner Straßennamen für den Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf: „Wissmann schrieb zahlreiche Reiseberichte und zählt zu den wagemutigsten und erfolgreichsten Afrikaforschern." [3] Und im Lexikon der Berliner Straßennamen findet sich neben seinem Geburts- und Sterbedatum nur noch der Zusatz „Forschungsreisender“.[4] Doch das ist eine glatte Irreführung. Geehrt wurde Hermann von Wissmann damals nicht für seine Forschungsreisen, sondern einzig und allein für die unter seiner Leitung erfolgte blutige Niederschlagung des von den Deutschen aus propagandistischen Gründen so genannten „Araberaufstands“ in Deutsch-Ostafrika 1889/90.

Züge durch Afrika

Hermann Wilhelm Leopold Ludwig Wissmann, so sein vollständiger Name, wurde am 4. September 1853 in Frankfurt an der Oder geboren. 1870 trat er in die Armee ein, 1874 erhielt er seine Beförderung zum Leutnant. Die nächsten Jahre verbrachte Wissmann im Mecklenburgischen Füsilierregiment Nr. 90 in Rostock, wo er vor allem durch zahlreiche Streiche auffiel, die ihm die Spitznamen „toller Leutnant“ oder „toller Wissmann“ einbrachten. Für ein Pistolenduell, in dem Wissmann seinen Gegner verletzte, musste er sogar eine viermonatige Haftstrafe verbüßen. Zum Wendepunkt in Wissmanns Leben wurde ein zufälliges Treffen mit dem bekannten Afrikaforscher Paul Pogge im Jahr 1879, der in dem jungen Mann die Abenteuerlust weckte.[5] Wissmann ließ sich für längere Zeit beurlauben, um an der nächsten Forschungsreise Pogges teilnehmen zu können.[6]

Im Sommer 1881 brach die Expedition von Angola aus ins Landesinnere auf. Im Auftrag der Afrikanischen Gesellschaft sollte sie den Europäern bisher noch unbekannte Gebiete in Zentralafrika erforschen. Zu Wissmanns Glück erkrankte Pogge unterwegs so schwer, dass er umkehren musste. So konnte Wissmann, der die Reise fortsetzte und im November 1882 bei Saadani die Ostküste erreichte, den Ruhm für die erste Durchquerung Afrikas von West nach Ost durch einen Europäer für sich allein beanspruchen. Damit war er innerhalb kurzer Zeit zu einer internationalen Berühmtheit geworden. Zwischen 1883 bis 1885 erforschte Wissmann im Auftrag des belgischen Königs Leopold II. die Kasai-Region in der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Bei dieser Expedition folgte er erstmals seinem Wahlspruch „Finde ich keinen Weg, so bahne ich mir einen“.  Eigenhändig erschoss Wissmann mehrere Afrikaner, die ihn am Weitermarsch hindern wollten. Ein Jahr später war er erneut für Leopold II. in Afrika unterwegs. Diese Expedition ist allerdings nach Meinung des Kulturanthropologen Johannes Fabian kaum noch als wissenschaftliche Reise zu bezeichnen, denn Wissmanns Hauptaufgabe bestand in der „Ordnung der politischen Verhältnisse“ in der Kasai-Region.[7] Gesundheitliche Probleme zwangen Wissmann aber schon 1887 zur Rückkehr nach Europa.

Die Legende vom „Araberaufstand“

Mittlerweile war auch Deutschland in den Kreis der europäischen Kolonialmächte eingetreten. 1884 wurden Deutsch-Südwestafrika, Togo und Kamerun unter „deutschen Schutz“ gestellt, 1885 auch noch Deutsch-Ostafrika. Doch die deutsche Herrschaft bestand vorerst nur auf dem Papier. Im September 1888 zwang ein Aufstand der Küstenbevölkerung das Deutsche Reich zur Aufgabe fast aller in Ostafrika erworbenen Gebiete.[8] Nur die Hafenstädte Bagamoyo und Dar es Salaam konnten gehalten werden. Reichskanzler Otto von Bismarck sah sich zum Eingreifen gezwungen, wollte er nicht den vollständigen Verlust der Kolonie riskieren. Nachdem der Einsatz eines deutschen Kreuzergeschwaders den Widerstand wider Erwarten nicht beenden konnte,[9] entschloss sich Bismarck zur Entsendung einer Landstreitmacht. Um im Reichstag die nötige Mehrheit für die Finanzierung einer Kolonialtruppe zu erlangen, stellte er die geplante Intervention in Ostafrika als deutschen Beitrag zum internationalen "Kampf gegen den Sklavenhandel" dar.

Kampf gegen den Sklavenhandel

Die Gegner des Sklavenhandels sorgten durch zahlreiche Propagandaaktionen dafür, dass weite Teile der Bevölkerung in einen regelrechten „Antisklavereirausch“ gerieten.[10] Höhepunkt der Kampagne war die große Volksversammlung im Kölner Gürzenich am 27. Oktober 1888. Zu den Rednern auf der Veranstaltung gehörte auch Hermann Wissmann, der „Selbsterlebtes aus Afrika“ zum Besten gab. Der junge Offizier hatte während seiner Reisen in Afrika eine tiefe Abneigung gegen alle Araber, für ihn „die Pest Afrikas“, entwickelt, weshalb er die Antisklavereibewegung in ihrer Agitation bereitwillig unterstützte.[11] In seinem eher emotional gehaltenen Vortrag schilderte Wissmann den zahlreichen Anwesenden, wie er auf seiner zweiten Reise ein Dorf betrat, das angeblich kurz zuvor von Sklavenhändlern überfallen worden war: „Die Vegetation war vernichtet und alles verwüstet. Wir fanden einen schon gebleichten Schädel, abgehauene Menschenhände, die schon von Haut und Fleisch entblößt waren. […] Wir zogen weiter und fanden Tag für Tag in jedem Dorfe das gleiche Schauspiel.“[12] Damals habe er die „Räuberbande“ mangels ausreichender Machtmittel nicht für ihre Verbrechen bestrafen können, das solle nun möglichst bald nachgeholt werden. Am Ende der Veranstaltung verabschiedeten die Teilnehmer einstimmig eine Resolution, in der das Deutsche Reich zum militärischen Eingreifen gegen die arabischen Sklavenhändler aufgefordert wurde. In vielen deutschen Städten fanden danach ähnliche Versammlungen statt.

Angesichts des zunehmenden öffentlichen Drucks fiel die bis dahin eher kolonialkritisch eingestellte Zentrumspartei um. Am 14. Dezember 1888 beantragte der Zentrums-Abgeordnete Ludwig Windthorst, der Reichstag möge zwei Millionen Reichsmark für den Aufbau und Unterhalt einer aus deutschen Offizieren und Unteroffizieren sowie aus afrikanischen Söldnern, den so genannten Askari, zu bildenden Streitmacht bewilligen. Nach heftigen Debatten erhielt der Antrag schließlich die erforderliche Mehrheit. Zum Befehlshaber der ersten deutschen Kolonialtruppe bestimmte Bismarck den Afrika erfahrenen Hermann Wissmann.[13]

"Wissmantruppe" Reichskommissar Hermann Wissmann (sitzend links) mit der so genannten "Wissmanntruppe" - Keimzelle der kaiserlichen "Schutztruppe", 1889. (Foto: Koloniales Bildarchiv Frankfurt/Main)

 

 

Reichskommissar in „Deutsch-Ostafrika“

In einer schneidigen Rede vor dem Reichstag erläuterte der neue Reichskommissar am 26. Januar 1889 den Anwesenden sein Aktionsprogramm. Mit Güte und Nachgiebigkeit seien die Schwierigkeiten niemals zu beseitigen, Verhandlungen kämen für ihn daher nicht in Frage, nur mit Gewalt könne „den Aufständischen eine gründliche Lehre erteilt und unser in Ostafrika schwer geschädigtes Ansehen wiederhergestellt“ werden. [14] So war denn auch Wissmanns erste Amtshandlung, den von Konteradmiral Karl August Deinhard, dem Kommandeur des Kreuzergeschwaders, mit den Aufständischen geschlossenen Waffenstillstand aufzukündigen.

Vollste Unterstützung fand er dabei beim Reichskanzler. Angeblich war das Vertrauen Bismarcks in den jungen Leutnant damals so groß gewesen, dass er ihm für sein Vorgehen völlig freie Hand ließ: „Ich bin nicht der kaiserliche Hofkriegsrat in Wien, und Sie sind Tausende von Meilen entfernt“, soll er Wissmann mit auf den Weg gegeben haben, „stehen sie auf eigenen Füßen. Ich gebe Ihnen immer nur wieder den Auftrag: Siegen Sie!“[15] Tatsächlich aber erhielt Wissmann genaue Instruktionen für sein Vorgehen in Ostafrika. Danach hatte der Reichskommissar erst einmal in der Umgebung von Bagamoyo und Dar es Salaam geordnete Verhältnisse schaffen, bevor er die ebenfalls im Norden des Landes liegenden Hafenstädte Tanga und Pangani angreifen durfte. Waren diese Ziele erreicht, sollte Wissmann Vorschläge für die Eroberung des Südens einreichen. Von Feldzügen ins Landesinnere, die über einen Tagesmarsch hinausgingen, bat Bismarck abzusehen.[16] Doch Wissmann hielt sich nicht an diese Bitte. Im September 1889 unternahm er sehr zum Unwillen des Reichskanzlers einen mehrmonatigen Feldzug ins Hinterland von Bagamoyo. „Märsche ins Innere kann ich nicht befürworten“, schrieb Bismarck verärgert an den Rand des von Wissmann eingereichten Berichts.[17]

Wissmann als ReichskommissarWissmann inspiziert die koloniale "Schutztruppe" vor ihrem Kriegseinsatz 1889/90 gegen die ostafrikanische Küstenbevölkerung. (Foto aus: A. Becker u.a. Hermann von Wissmann. Deutschlands größter Afrikaner, Berlin 1914, 5. Auflage)

 

„Verbrannte Erde“

Zu diesem Zeitpunkt hatte Wissmann den Aufständischen unter ihrem Führer  Bushiri bin Salim al-Harthi bereits mehrere Niederlagen zufügen können. Dabei wandte Wissmann stets die gleiche Taktik an. Zuerst überschüttete seine Artillerie den Gegner mit einem kurzen, aber heftigen Feuer, dann folgte ein „energisch durchgeführter Bajonettangriff“. Manchmal entwickelten sich derartige Gefechte zu regelrechten Massakern. So gerieten bei der Eroberung von Pangani am 8. Juli 1889 rund 200 Aufständische in das Schnellfeuer eines Maschinengewehrs. Nach nur zwei Minuten bedeckten über 30 Tote und 50 Verwundete den Boden. Eroberte Ortschaften ließ Wissmann plündern, wobei sich mehr als einmal afrikanische Söldner mit deutschen Seeleuten um die Beute stritten. Danach wurden die Dörfer und Städte in Brand gesteckt, die umliegenden Felder verwüstet. Damit gebührt Wissmann der zweifelhafte Ruhm, als erster in einem von  Deutschen geführten Kolonialkrieg die Taktik der „Verbrannten Erde“ angewandt zu haben.

Obwohl erfolgreich, fand die Kriegführung Wissmanns, die selbst von Kolonialoffizieren als „äußerst grausam“[18] bezeichnet wurde, nicht nur Zustimmung in Deutschland. In einer Rede vor dem Reichstag beklagte der Abgeordnete der linksliberalen Deutschen Freisinnigen Partei, Eugen Richter, am 30. Oktober 1889 die Zustände in Ostafrika: „Wir lasen neulich, dass Herr Wissmann schon 700 Araber und Aufständische, wie sie genannt werden, hätte erschießen lassen. Wir hören, dass bald dieses, bald jenes Dorf in Flammen aufgeht. Seine Truppen ziehen sengend und brennend umher, und die Aufständischen tun dergleichen, und das ganze nennt man in der Sprache der vorjährigen Thronrede ‚Kultur und Gesittung nach Afrika tragen!’"[19]

Mit den Anführern der Widerstandsbewegung, von den Kolonialherren häufig als „Rädelsführer“ oder „Sklavenhändler“ bezeichnet, machte Wissmann zumeist kurzen Prozess. Wer sich der Kolonialmacht zu widersetzen wagte, musste damit rechnen, nach seiner Gefangennahme vor ein Kriegsgericht gestellt und zum Tode verurteilt zu werden. „Ohne Ausnahme wurden diese Halunken“, so der Kolonialoffizier Georg Maercker, „von Wissmann zum Tode durch Erschießen oder durch den Strang verurteilt und nicht allzu gering ist die Zahl derer, die mit ihrem Körper in den Küstenorten den Galgen oder eine Palme geziert haben.“[20] Um seinem  Vorgehen einen Hauch von Rechtmäßigkeit zu verleihen, hatte Wissmann schon gleich nach seiner Ankunft die ganze Küste unter Kriegsrecht gestellt. Dabei erfolgten Verurteilungen rein willkürlich. Auf Schonung hoffen konnte derjenige, der für die Kolonialherren in Zukunft eventuell noch von Nutzen war. So begnadigte Wissmann einen Sohn Bwana Heris, dem wichtigsten Aufstandsführer im Süden des Landes, obwohl dieser den Tod eines britischen Missionars und 15 seiner Träger zu verantworten hatte. Bushiri dagegen ließ Wissmann hängen, weil er von den Deutschen nicht „irgendwie auszunutzen“ war. Kritiker des Reichskommissars wie der deutsche Generalkonsul auf Sansibar, Gustav Michahelles, bezeichneten Wissmanns Herrschaft denn auch als „Militärdiktatur“.

Schon damals war Wissmann eine äußerst umstrittene Persönlichkeit. Seine zahlreichen Bewunderer, die in ihm „Deutschlands größten Afrikaner“ sahen, verfassten wahre Lobeshymnen auf Wissmann.[21] Dem Feldmarschall Helmuth von Moltke beispielsweise machte der „ausgezeichnete Kerl“ Freude, weil er „feste da unten“ vorging und alle „Schufte“ hängen ließ.[22] Und der Kolonialoffizier Tom von Prince lobte seinen Vorgesetzten als einen „Mann wie für die Verhältnisse geschaffen, Widerspruch nicht duldend, im Dienst scharf, Unmöglichkeiten verbietend, gute Leistungen reichlich lohnend, schlechte rücksichtslos tadelnd, außer Dienst mit vergnügtem Wort jeden ermunternd, bei keiner Gelegenheit um einen guten Witz verlegen […]“.[23]

Doch nicht gerade gering war die Zahl derer, die keine hohe Meinung von Wissmann hatten. Zu ihnen zählte Konteradmiral Deinhard, den Wissmann sich durch seine arrogante Art und sein undiplomatisches Auftreten zum Feind gemacht hatte. Dementsprechend vernichtend fiel Deinhards Urteil aus. Er hielt den Reichskommissar für „einen recht mäßig begabten Menschen, der weder als Offizier, noch als Organisator, noch administrativ hervorragt, nur sich selbst anerkennt, alles hängen will und jeden anderen für einen schlappen Ignoranten ansieht. […] Dabei ist er taktlos, nicht im Stande, seine Instruktionen zu verstehen und vom Größenwahn völlig verblendet.“[24]

Triumph und Kritik

Nach einem Jahr heftiger Kämpfe konnte Wissmann endlich im Mai 1890 die vollständige Eroberung der ostafrikanischen Küste nach Berlin melden. Daraufhin wurde der Reichskommissar nach Deutschland beordert, um dort seine Pläne für die weitere Entwicklung der Kolonie vorzustellen. Die Fahrt nach Berlin geriet zum Triumphzug. In jeder Stadt, in der er Station machte, jubelten ihm Tausende von Menschen zu. Wissmann wurde zum Major befördert, mit Orden überhäuft, und der Kaiser erhob ihn in den erblichen Adelstand. Er war auf dem Höhepunkt seiner Karriere.

Hermann von WissmannDer ordensgeschmückte und geadelte Hermann von Wissmann nach seiner Rückkehr aus Ostafrika. (Foto: Koloniales Bildarchiv Frankfurt/Main)

 

Aber schon bald erfolgte der jähe Absturz. Knapp ein Jahr später enthob Wilhelm II. Wissmann seiner Stellung. Grund für die Entlassung war der leichtfertige Umgang Wissmanns mit Steuergeldern. Zum einen kostete die Niederschlagung des Aufstands statt 2 Millionen Mark, wie ursprünglich in einem Gutachten von Wissmann veranschlagt, die gewaltige Summe von 9 ½ Millionen. Zum anderen hatte es Wissmann nicht so genau mit der Buchhaltung seiner Ausgaben genommen. Eine Nachprüfung im April 1891 ergab ein Defizit von immerhin 43.000 Mark für das Rechnungsjahr 1889/90. Freunde von Wissmann machten allein „Intrigen“ für seine Entlassung verantwortlich, mussten aber gleichzeitig einräumen, dass er wohl „auch selbst durch sein wenig diplomatisches Verhalten dem Auswärtigen Amt gegenüber seinen Feinden ihre Wühlarbeit“ erleichtert habe.[25] Damit wurde nichts aus Wissmanns Traum, nach der Übernahme der Verwaltung durch das Reich erster Gouverneur von Deutsch-Ostafrika zu werden.

Der Dampfer „Hermann von Wissmann“

Trotzdem durfte er im Kolonialdienst bleiben. Von nun an agierte er als Reichskommissar zur Verfügung des neuen Gouverneurs Julius von Soden. Dieser übertrug ihm die Aufgabe, die deutsche Macht an der Westgrenze der Kolonie, die durch die großen zentralafrikanischen Seen gebildet wurde, zu etablieren. Dazu sollte ein nach ihm benannter Dampfer zu den Seen gebracht werden, für dessen Bau und Transport Wissmann zuvor über 300.000 Mark in Deutschland gesammelt hatte. Doch nach der Vernichtung der Zelewski-Expedition durch die Wahehe, bei der 10 Deutsche und fast 300 Askari umkamen, untersagte Soden vorerst jede weitere Unternehmung ins Landesinnere.[26] Erst am 14. Juli 1892 konnte Wissmann in Richtung Nyassa-See aufbrechen.

Seine Begeisterung für diese Aufgabe hielt sich allerdings in Grenzen: „Die einzige Triebfeder zu meiner jetzigen Tätigkeit ist Pflichtgefühl; Lust und Vergnügen an der jetzigen Arbeit habe ich nicht“, ließ er seine Mutter wissen.[27] Im April 1893 erreichte die Expedition endlich den See. Während das Schiff auf der neu gegründeten Station Langenburg zusammengebaut wurde, bekriegte Wissmann die in der Umgebung lebenden Völker, um sie zur Anerkennung der deutschen Kolonialherrschaft zu zwingen. Dabei soll er laut dem Historiker Bernhard Gondorf am 7. Juli ein furchtbares Massaker unter den Wawemba angerichtet haben.[28] Nach der Fertigstellung des Dampfers verließ er die Kolonie und kehrte im Frühjahr 1894 nach Deutschland zurück. Einige Monate später, am 20. November, heiratete Wissmann Hedwig Langen, die Tochter des Kölner Ingenieurs und Geschäftsführers der Antisklavereilotterie Eugen Langen. Nach der Hochzeitsreise bezog das Paar eine Villa im heutigen Berliner Stadtteil Grunewald.

Kolonialgouverneur

Sein Aufenthalt in der Heimat sollte aber nur von kurzer Dauer sein. 1895 wurde der amtierende Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Friedrich von Schele, abberufen, weil dieser nach Meinung der Kolonialabteilung im Auswärtigen Amt zu häufig Krieg gegen die einheimische Bevölkerung geführt hatte. Als neuen Gouverneur schlug Reichskanzler Chlodwig von Hohenlohe Hermann von Wissmann vor. Auch die Kolonialabteilung votierte für den ehemaligen Reichskommissar, vor allem, um den sich ebenfalls Hoffnung machenden Carl Peters auf diesem Posten zu verhindern.[29] Kaiser Wilhelm II. war von dem Vorschlag wenig angetan, stimmte der Ernennung dieses „bloßen Condottiere“ [Söldnerführers], wie er Wissmann abfällig nannte, aber schließlich doch zu.[30] Allerdings unterließ er es, ihm, wie seinem Vorgänger, auch das Kommando über die Schutztruppe zu übertragen. Ende Juli 1895 traf der neue Gouverneur in der Kolonie ein mit der strikten Anweisung, „dass nun endlich mit dem Kriegführen aufgehört werden müsse“.[31]

An diese Order hielt Wissmann sich nur teilweise. Zwar schloss er im Dezember 1895 mit dem seit 1891 hartnäckig Widerstand leistenden Wahehe-Herrscher Mkwawa einen Friedensvertrag.[32] Gegen andere sogenannte „Rebellen“ ging Wissmann dagegen wie früher mit „größter Schärfe und Strenge“ vor, da „Milde“, so seine Entschuldigung, „in diesem Fall nur als Schwäche“ gedeutet worden wäre.[33] Trotz anders lautender Weisungen ließ er die Kolonialtruppe zwischen August 1895 und Mai 1896 immerhin zu sechs größeren kostspieligen Feldzügen ausrücken.[34] Gefangene „Rädelsführer“ wie der angebliche „Sklavenräuber“ Hassan bin Omari wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und meist zum Tode durch den Strang verurteilt.

Bewundernd erinnert sich Wissmanns Vetter, Oberleutnant Victor von Wissmann, dass der Gouverneur nie „falsche Weichherzigkeit“ gezeigt habe, wenn er ihm die Urteile „des Standgerichtes“ überbrachte. Bei den Exekutionen war Wissmann persönlich anwesend. Dabei versuchte er mit „eiserner Energie“, den Hinrichtungen „das Gepräge einer ernsten und feierlichen Handlung“ zu geben und „überflüssige Grausamkeiten“ zu vermeiden.[35] Allein nach Beendigung der „Strafexpedition“ gegen Hassan bin Omari im Januar 1896 wurden 13 Afrikaner hingerichtet. 16 weitere Todesurteile wandelte der Gouverneur in langjährige Freiheitsstrafen um, da seiner Meinung nach durch die bisherigen Aburteilungen „das Ansehen der Regierung gegenüber der Bevölkerung bereits in ausreichendem Maße wiederhergestellt“ worden sei.[36]

Wissmanns Amtszeit währte jedoch nur kurz. Nach nicht einmal einem Jahr verließ er Deutsch-Ostafrika schon wieder und bat um die Versetzung in den einstweiligen Ruhestand, der ihm auch gewährt wurde. Der Hauptgrund für Wissmanns Rücktritt war sein schlechter Gesundheitszustand, eine nicht unbedeutende Rolle spielte aber außerdem, dass er sich nicht mit der Beschneidung seiner Befugnisse durch den Kommandeur der Schutztruppe, Lothar von Trotha, abfinden konnte.

Auch wenn Wissmann nur wenige Monate in Deutsch-Ostafrika wirkte, hatten einige der von ihm initiierten Verordnungen weitreichende Folgen für die Entwicklung der Kolonie. Hierzu zählt vor allem die von ihm vorbereitete und von seinem Nachfolger eingeführte Hüttensteuer für die afrikanische Bevölkerung. Wissmann wollte den Einheimischen „durch die Auferlegung einer Pflicht auch äußerlich die Tatsache unserer Herrschaft“ demonstrieren.[37] Er erwartete, dass sie Verständnis dafür aufbringen würden, dass für „Leistungen“ der Kolonialmacht Gegenleistungen erbracht werden müssten. Hier irrte Wissmann jedoch gewaltig. Die zunehmende Bedrückung der Bevölkerung durch die von den Deutschen eingeführten Steuern war einer der Hauptgründe für den Ausbruch des Maji-Maji-Krieges im Juli 1905, indem mindestens 100.000 ostafrikanische Männer, Frauen und Kinder ihr Leben verloren.[38] Diesen Aufstand sollte Hermann von Wissmann allerdings nicht mehr erleben. Am 15. Juni 1905 starb er bei einem Jagdunfall in Österreich.

Sturz des Wissmanndenkmals1967 stürzen Studierende das 1908 in Dar es Salaam und 1922 vor der Hamburger Universität aufgestellte Wissmann-Denkmal. Seitdem liegt das beschädigte Kolonialdenkmal im Keller der Hamburg-Bergedorfer Sternwarte.

 

* Der Artikel erschien zuerst in: Ulrich van der Heyden und Joachim Zeller (Hrsg.), „…Macht und Anteil an der Weltherrschaft“. Berlin und der deutsche Kolonialismus, Münster 2005, S. 37-43. Für diese Website wurde er überarbeitet und aktualisiert.

[1]   In den letzten Jahren erfolgte in einigen Städten eine Umbenennung der dortigen Wissmannstraßen, so 1998 in Bochum, 2009 in Stuttgart und 2010 in Korntal-Münchigen. Einen anderen Weg ging man in Hannover. Dort wurde 2010 die Wissmannstraße nicht umbenannt, sondern „umgewidmet“ und erinnert nun an den Kommunisten Hermann Wissmann, der 1933 von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Heuberg umgebracht wurde. Die Wissmannstraßen in den ostdeutschen Städten Erfurt, Frankfurt/Oder und Leipzig wurden bereits zwischen 1950 und 1953 umbenannt. Siehe hierzuhttp://freedom-roads.de/frrd/staedte.htm (Stand: 29.10.2011).

[2]  Seit 2005 gibt es in Neukölln Diskussionen um eine Umbenennung, initiiert von der in der Straße beheimateten Werkstatt der  Kulturen.Vgl.

http://www.werkstatt-der-kulturen.de/download/file/location/kooperationen/wissmannstrasse/PM_Umbenennung.pdf

(Stand:29.10.2011).

[3]  Dagmar Girra/Sylvia Lais, Die Berliner Straßennamen. Kommentiertes Verzeichnis. Charlottenburg-Wilmersdorf, Berlin 2001, S. 331.

[4]   Sylvia Lais/Hans-Jürgen Mende (Hrsg.), Lexikon der Berliner Straßennamen, Berlin 2004, S. 483.

[5]   Zu Paul Pogges Forschungsreisen siehe Hartmut Pogge von Strandmann, Ins tiefste Afrika. Paul Pogge und seine präkolonialen Reisen ins südliche Kongobecken, Berlin 2004.

[6]   Wenn nicht anders angegeben, stammen die Informationen zu Wissmanns Leben aus Alexander Becker u. a., Hermann von Wissmann. Deutschlands größter Afrikaner, Berlin 1907 (2. Aufl.),

[7]   Johannes Fabian, Im Tropenfieber. Wissenschaft und Wahn in der Erforschung Zentralafrikas, München 2001, S. 239.(

[8]   Zum sogenannten „Araberaufstand“ vgl. Jutta Bückendorf, „Schwarz-weiß-rot über Ostafrika!“ Deutsche Kolonialpläne und afrikanische Realität, Münster 1997 und Fritz Ferdinand Müller, Deutschland – Zanzibar – Ostafrika. Geschichte einer deutschen Kolonialeroberung 1884-1890, Berlin (Ost) 1959.

[9]   Zum Einsatz der Marine vor Ostafrika ausführlich Thomas Morlang, Ein Schlag ins Wasser. Schon einmal, 1888/89, überwachte Deutschlands Marine im Namen der Freiheit die ostafrikanische Küste, in: DIE ZEIT Nr. 4 vom 17. Januar 2002, S. 86.

[10]   Zit. nach Klaus J. Bade, Friedrich Fabri und der Imperialismus in der Bismarckzeit. Revolution – Depression – Expansion, Freiburg i. Br. 1975, S. 332.

[11]   Hermann Wissmann, Unter deutscher Flagge quer durch Afrika von West nach Ost. Von 1880 bis 1883 ausgeführt, Berlin 1889 (2. Aufl.), S. 17.

[12]   Wider die Sklaverei! Bericht über die Verhandlungen der Volksversammlung im Gürzenich zu Köln am 27. Oktober 1888, Düsseldorf  [1888], S. 42-44.

[13]  Zur Aufstellung der „Wissmanntruppe“ vgl. Thomas Morlang, Askari und Fitafita. „Farbige“ Söldner in den deutschen Kolonien, Berlin 2008, S. 15-19 und Tanja Bührer, Die Kaiserliche Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika. Koloniale Sicherheitspolitik und transkulturelle Kriegführung 1885 bis 1918, München 2011, S. 48-63.

[14]   Rochus Schmidt, Deutschlands Kolonien. Ihre Gestaltung, Entwicklung und Hilfsquellen, Bd. 1, Berlin 1894, S. 69.

[15] Becker (wie Anm. 7), S. 180.

[16]   Bundesarchiv Berlin (BArch), R 1001, Bd. 735, Bl. 41-50. Instruktionen Bismarcks an Wissmann, 12. 02. 1889.

[17]   BArch, R 1001/744, Bl. 27f. Bericht Wissmanns vom 01. 01. 1890.

[18]   Georg Maercker, Unsere Schutztruppe in Ost-Afrika, Berlin 1893, S. 201f.

[19]   Zit. n. Bückendorf (wie Anm. 9), S. 409.

[20]   Maercker (wie Anm. 19), S. 154.

[21]   Nicht ganz so euphorisch war die Charakterisierung Wissmanns durch den auf Sansibar arbeitenden deutschen Kaufmann Justus Strandes, der seinen eigenen Angaben nach zu den Bewunderern des Reichskommissars gehörte: „Er ist ein wilder Leutnant gewesen, den gewiss nicht Wissensdurst oder nur Reiselust nach Afrika geführt haben. Wahrscheinlich hat ihn reine Abenteuerlust zum Afrikareisenden gemacht. Schlichte Tüchtigkeit und Glück brachten ihm außerordentliche Erfolge, und hierdurch erwuchs ihm die Lust, Neues zu wagen. Es wäre töricht, angesichts dessen, was Wissmann geleistet hat, daran zu zweifeln, dass er in seiner Veranlagung über dem Durchschnitt der Menschen steht. Aber ich glaube nicht, dass ich ihm hervorragenden Verstand und noch weniger bedeutendes Wissen zusprechen kann. Fürst Bismarck hat ihn einmal damit kritisiert, dass er ihn als einen Menschen mit guten tierischen Instinkten bezeichnete. Wissmann selbst mag diese Charakteristik wenig schmeichelhaft empfunden haben. Aber ich halte sie für verblüffend richtig.“ Justus Strandes, Erinnerungen an Kindheit und Jugend und an die Kaufmannszeit in Hamburg und Ostafrika 1865-1889. Hrsg. von Sven Tode mit Beiträgen von Leonhard Harding und Felix Brahm, Hamburg 2004, S. 186.

[22]   Becker (wie Anm. 7), S. 261.

[23]   Tom von Prince, Gegen Araber und Wahehe. Erinnerungen aus meiner ostafrikanischen Leutnantszeit 1890-1895, Berlin 1914 (2. Aufl.), S. 8.

[24]   Deinhard an Oberkommando Marine, 08. 06. 1889. Zit. n. Müller (wie Anm. 9), S. 441, Anm. 54.

[25]   Werner Steuber, Arzt und Soldat in drei Erdteilen, Berlin 1940, S. 39.

[26]   Zur Niederlage des Expeditionskorps am 17. August 1891 ausführlich Thomas Morlang, „Die Kerls haben ja noch nicht einmal Gewehre“. Die Vernichtung der Zelewski-Expedition in Deutsch-Ostafrika im August 1891, in: Militärgeschichte 11 (2001), S. 22-28.

[27]   Becker (wie Anm. 7), S. 397.

[28]   Bernhard Gondorf, Das deutsche Antisklaverei-Komitee in Koblenz, Koblenz 1991, S. 14.

[29]   Vgl. hierzu Arne Perras, Carl Peters and German Imperialism 1856-1918. A Political Biography, Oxford 2004, S. 206-208.

[30]   Heinrich Schnee, Als letzter Gouverneur in Deutsch-Ostafrika. Erinnerungen, Heidelberg 1964, S. 13.

[31]   Alexander Becker, Aus Deutsch-Ostafrikas Sturm- und Drangperiode. Erinnerungen eines alten Afrikaners, Halle an der Saale1911, S. 173.

[32]   Zum Friedensvertrag siehe Thomas Morlang, „Die Wahehe haben ihre Vernichtung gewollt.“ Der Krieg der „Kaiserlichen Schutztruppe“ gegen die Hehe in Deutsch-Ostafrika (1890-1898), in: Thoralf Klein und Frank Schumacher (Hrsg.), Kolonialkriege. Militärische Gewalt im Zeichen des Imperialismus, Hamburg 2006, S. 80-108, hier S. 86.

[33]   Becker (wie Anm. 7), S. 454.

[34]   Vgl. den offiziellen Gefechtskalender der Schutztruppe, abgedr. in: Ernst Nigmann, Geschichte der Kaiserlichen Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika, Berlin 1911, S. 151.

[35]   Becker (wie Anm. 7), S. 454f.

[36]   Deutsches Kolonialblatt 7 (1896), S. 69.

[37]   Becker (wie Anm. 7), S. 438.

[38] Zum Maji-Maji-Krieg siehe Felicitas Becker und Jigal Beez (Hrsg.), Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika 1905-1907, Berlin 2005.