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Die „koloniale Wissens- und Willensbildung der Jugend“ fördern: Die „Kolonialschau“ in der Pankower Oberrealschule *

Joachim Zeller

 

Am 18. Juni 1934 rief der Vorsitzende des Nationalsozialistischen Lehrerbundes, Hans Schemm, seinen Berufsgenossen bei einer Kundgebung im Berliner Sportpalast zu:

Ich bin überzeugt, daß ein Lehrer täglich die Möglichkeit hat, die Notwendigkeit des Kolonialbesitzes im Deutsch-, Geschichts-, Erdkunde- und Naturkundeunterricht anzureißen. Wir deutschen Erzieher werden nicht ruhen noch rasten, bis der Wille zur Kolonisation so stark ist, dass das Ausland die Forderung nach Rückgabe der Kolonien erfüllt.[1]

Einer, der diese Aufforderung zur „kolonialen Erziehungsarbeit“ in der Schule längst praktizierte, war der junge Studienassessor Heinrich Lietz. Denn noch im gleichen Monat eröffneten er und seine Schüler nach über einjähriger Vorbereitungszeit eine „Kolonialschau“, die sie an ihrer Schule, der Oberrealschule Berlin-Pankow, aufgebaut hatten. Lietz schrieb in seinem Bericht, der in der Deutschen Kolonialzeitung veröffentlicht wurde:

Durch viele große Wandgebilde in leuchtenden Farben, bunte Malereien auf Glasfenstern, Statistiken in plastischer und halbplastischer Form an Wänden oder auf Tischen und unzähligen Basteleien haben wir versucht, auf den kahlen und nüchternen Wandelgängen und Treppenhäusern den Abglanz der großen und weiten kolonialen Welt einzufangen.[2]

Kolonialschau in PankowOberrealschule Berlin-Pankow in der Neuen Schönholzer Straße (ab Ende der 1930er Jahre bis 1945 Karl-Peters-Schule, heute Reinhold-Burger-Schule): Blick in die im Juni 1934 eröffnete "Kolonialschau" (Foto: Deutsche Kolonialzeitung 1935, S. 27ff)

 

 

 

 

 

 

 

Im Mittelpunkt der Ausstellung stand die „Kolonialgedenkhalle, die in ihrer Ausgestaltung die Brücke schlagen soll zwischen der bedeutenden Vergangenheit unserer Kolonien und ihrer Zukunft“. Eine „koloniale Ehrentafel“ erinnerte an die Soldaten der Polizei- und „Schutztruppen“, die während der Unterwerfung der Kolonien oder im 1. Weltkrieg in den Kolonien ums Leben kamen. Die weiteren zahlreichen, von der vierzigköpfigen Schülergruppe in Gemeinschaftsarbeit aus Papier, Stoffresten, Holz, Draht und Gips hergestellten Anschauungsstücke inszenierten „Eingeborenenfiguren und deren typische Hütten“, afrikanische Landschaften mit wilden Tieren, Kolonialforts und Farmgehöfte, die „Attrappe eines Eingeborenenbootes aus Neumecklenburg“ oder Modelle von Schlachtschiffen und Hochseedampfern. Wände und Fenster der Ausstellungsräume waren mit Landkarten der von Deutschland beanspruchten Kolonialgebiete und mit Bildern „großer deutscher Kolonialpioniere“ sowie mit weißen und auch afrikanischen Kolonialsoldaten („Askaris“) bemalt. Eltern und andere Förderer des Projekts hatten koloniale Wirtschaftsprodukte und ethnographische Sammlungsstücke gestiftet, die nach Sachthemen geordnet auf Tischen, in Vitrinen und in Schaukästen präsentiert wurden.

Als zentrales Motto der Kolonialschau prangte im Eingangsbereich ein Spruchband, das die Primaner über einer Installation mit Kolonialprodukten aufgehängt hatten: „Hier ist die Wirtschaft unserer Kolonien in Afrika dargestellt, die man uns 1919 entriß; doch wir wollen nicht verzichten auf sie!“ Damit war die Intention der kolonialen Schulausstellung klar umrissen. Deren oberste didaktische Zielsetzung lautete, die „koloniale Wissens- und Willensbildung der Jugend“ zu fördern. Die Schüler sollten von der Notwendigkeit deutschen Kolonialbesitzes überzeugt werden und somit von der Revision des Versailler Vertrages, durch den das Deutsche Reich nicht nur Elsaß-Lothringen, Posen, Westpreußen etc., sondern auch die Kolonien hatte abtreten müssen. Die Kolonialschau war denn auch als Dauerausstellung geplant, die künftige Schülergenerationen „in kolonialen Dingen schulen“ sollte, um nicht zuletzt auf die „übrige für Deutschlands Macht und Weltgeltung bedachte begeisterungsfähige deutsche Jugend“ einzuwirken.

"Koloniale Ehren-Tafel"Die von Schülern der Oberrealschule Berlin-Pankow gestaltete „Koloniale Ehren-Tafel“ (Foto: Deutsche Kolonialzeitung 1935, S. 27ff)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die „Pflege des kolonialen Gedankens in der Schule“

Prokolonial eingestellte Lehrer wie Heinrich Lietz standen keineswegs alleine da. Auch an anderen Schulen im Deutschen Reich gab es eine kolonialbegeisterte Lehrerschaft, die sich für eine konsequente Umsetzung der ministeriellen Erlasse zur „Pflege des kolonialen Gedankens in der Schule“ - solche Erlasse waren bereits in der Weimarer Republik von den Schulbehörden der Länder herausgegeben worden - einsetzte. Nicht wenige der Lehrer brachten koloniale Hand- und Lesebücher für den Schulgebrauch heraus. In ihren vom Reichskolonialbund und NS-Lehrerbund geförderten Schriften, die programmatische Titel trugen wie „Deutsches Ringen um kolonialen Raum“, plädierten die Lehrer zwar nicht für die Einführung eines eigenständigen Schulfachs „Kolonialkunde“, doch forderten sie, das Thema „Deutsche Kolonien“ in allen Klassenstufen ab dem 7. Schuljahr regelmäßig zu behandeln, wobei eine fächerübergreifende Vorgehensweise angestrebt wurde. Jedoch sollten nicht nur – was nahelag - der Geschichts- und Erdkundeunterricht, sondern auch die übrigen Fächer ihren Beitrag zur „Wahrung der Kolonialtradition“ leisten.

Für den Deutschunterricht wurde die Aufführung kolonialer Theaterstücke angeraten, vor allem aber wurden die Werke des völkischen Schriftstellers und „literarischen Heros“ der deutschen Kolonialbewegung, Hans Grimm, zur Pflichtlektüre erklärt, dessen Buch „Volk ohne Raum“ der bekannteste Kolonialroman jener Jahre war. Zur weiteren Anschaffung für die Schulbibliotheken empfahl man Schriften wie die von Senta Dinglreiter „Wann kommen die Deutschen endlich wieder? Eine Reise durch unsere Kolonien in Afrika“. Auch der Mathematikunterricht wurde in die Pflicht genommen: So sollte etwa die Prozentrechnung mit Hilfe der Aufgabenstellung „Ein- und Ausfuhranteile zwischen Kolonien und Mutterland“ geübt werden oder die Schüler sollten sich mit dem „Begriff ‚Volk ohne Raum‘ durch Beziehungsrechnung von Landgröße, Einwohnerzahl und Bevölkerungsdichte der europäischen Großmächte Großbritannien, Frankreich, Belgien und Deutschland“ auseinandersetzen. Die Indienstnahme zur kolonialpolitischen Indoktrinierung machte selbst vor dem Religionsunterricht nicht Halt, findet sich doch der Vorschlag, das Wirken der deutschen Missionen dahingehend zu untersuchen, dass sie die „schärfsten Vorkämpfer der Rassentrennung“ gewesen seien. Bei aller unterschiedlichen Herangehensweise der einzelnen Fächer riet man den Lehrern, ihrem Unterricht stets eine Kernfrage zu Grunde zu legen: „Wie hat der Deutsche die Kolonien zu einem Teil des deutschen Raumes gemacht?“[3]

"Kolonialschau"Studienassessor Lietz (Mitte) und Oberstudienrat Poppe (rechts) mit Schülern der Oberrealschule Berlin-Pankow vor Exponaten der "Kolonialschau" (Foto: Deutsche Kolonialzeitung 1935, S. 27ff)

 

Der „Rassestandpunkt eines Kolonialvolkes“

Diejenigen Lehrer, die sich bei ihrer kolonialen Unterrichtstätigkeit Unterstützung holen wollten, konnten sich an die Schulabteilung der Deutschen Kolonialgesellschaft wenden, die über speziell ausgebildete „Kolonialredner“ verfügte. Die Tätigkeit der Deutschen Kolonialgesellschaft an den Schulen war von den neuen Machthabern auch offiziell abgesegnet worden. Der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Bernhard Rust, hatte mit seinem Erlass vom 5. September 1933 verlautbaren lassen, dass er „die Absicht der Deutschen Kolonialgesellschaft, ihre vaterländische Aufklärungsarbeit über den kolonialen Lebensraum auch weiterhin an den Schulen durchzuführen“, begrüßt.[4]

Dabei  bestand seit vielen Jahren ein Konsens dahingehend, dass nur (weiße) Deutsche als „Kolonialredner“ in die Schulen gehen dürften. Bereits 1914 hatte der Vorsitzende des Deutschnationalen Kolonialvereins, Wilhelm Föllmer, unmissverständlich festgestellt, dass von Schwarzen aus den Kolonien, wie sie vor und auch noch nach dem Ersten Weltkrieg vor allem in Berlin lebten, „diese Aufklärung nie und nimmer kommen (darf)“:

Der Deutschnationale Kolonialverein und die Deutsche Kolonialgesellschaft verfügen über eine Reihe ganz vorzüglicher Redner, die sicher jederzeit bereit wären, in Unterrichtsanstalten unserem heranwachsenden Geschlecht Kenntnisse aus unseren Kolonien zu vermitteln. Es sollte deshalb kein Neger mehr in unseren Schulen zu einem Vortrage zugelassen werden. Das fordert der Rassenstandpunkt eines Kolonialvolkes.[5]

Ein solches schon zur Kolonialzeit propagiertes „Rassenbewusstsein“ lag ganz auf einer Linie mit der NS-Rassenideologie und ihrer pseudowissenschaftlich verbrämten Lehre von der vermeintlichen Überlegenheit des „arischen Herrenmenschen“. Nicht zuletzt hatte Adolf Hitler selbst in „Mein Kampf“ gegen Schwarze als „geborene Halbaffen“ gehetzt.[6]

Peters als Namenspatron

Schulen, die sich mit ihrer kolonialen Propagandaarbeit besonders hervortaten, wurden mit der „Karl-Peters-Flagge“ ausgezeichnet, die seit 1933 offiziell als die „deutsche Kolonialflagge“ galt. Dazu gehörte neben dem Städtischen Realgymnasium in Köln-Nippes, dem Staatlichen St. Matthias Gymnasium in Breslau, dem Staatlichen General-Litzmann-Gymnasium in Kosel O.G., der Emilie-Wüstenfeld-Schule in Hamburg auch die Oberrealschule Berlin-Pankow. Die dort gepflegte koloniale Werbearbeit muss so erfolgreich gewesen sein, dass die Schule Ende der dreißiger Jahre nach Carl Peters umbenannt wurde. Der wegen seiner Kolonialverbrechen verurteilte Peters – von den Nationalsozialisten als „größter deutscher Kolonialpionier“ verklärt, der für sein „Heimatvolk den Durchbruch zur Herrennation“ vollzog - passte nur zu gut ins Dritte Reich, hatte dieser doch zeitlebens nationalistische Positionen, einen rigiden Herrenstandpunkt und rassistischen Sozialdarwinismus vertreten. Die Karl-Peters-Schule in Pankow behielt ihren Namen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Danach zog in das in der Neue(n) Schönholzer Straße gelegene Gebäude eine Fachschule für Kindergärtnerinnen und 1965 die 6. Polytechnische Oberschule ein; heute beherbergt es die Reinhold-Burger-Oberschule.


* Dieser Artikel erschien zuerst in: Heyden, Ulrich van der / Zeller, Joachim (Hg.): Kolonialmetropole Berlin. Eine Spurensuche, Berlin 2002, S. 252-255. Für diese Ausgabe wurde er redaktionell überarbeitet und aktualisiert. Siehe auch Speitkamp, Winfried: Die Jugendarbeit der deutschen Kolonialbewegung in der Zwischenkriegszeit, in: Historische Jugendforschung. Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung NF Band 2/2005, Schwalbach/Ts. 2006, S. 69-83.

[1] Zit. n. Puls, Willi W.: Der koloniale Gedanke im Unterricht der Volksschule, Leipzig 1938, S. 118. Siehe auch Petersen, J.: Der koloniale Gedanke in der Schule. Sinn, Aufgabe und Wege kolonialer Schularbeit, Hamburg 1937.

[2] Lietz, Heinrich: Deutsche Schule, deutsche Kolonien, in: Deutsche Kolonialzeitung 1935, S. 27-29. Siehe auch ders.: Wir bauen eine Kolonialausstellung, Berlin 1937.

[3] Puls 1938, S.122

[4] Zit. n. Puls 1938, S. 119.

[5] Föllmer, Wilhelm: Kolonialneger in Deutschland, in: Koloniale Zeitschrift, 19.6.1914, S. 381 f., hier 382.

[6] Hitler, Adolf: Mein Kampf, München 1943, Band II, Kapitel "Der Staat - Staatliche Auslese der Tüchtigen", S.479