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Albtraum eines Weißen: Heinrich von Kleist und der Sklavenaufstand von Saint-Domingue

Marie Biloa Onana

 

„Der in Frankfurt [Oder] geborene Heinrich von Kleist“, so eröffnete Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck das pompös inszenierte „Kleistjahr 2011“, „gehört zweifellos zu den bedeutendsten deutschen Literaten – manche nennen ihn einen Vorläufer der Moderne…“. Ganz in diesem Sinne würdigte die große Doppelausstellung „Kleist. Krise und Experiment“ auch seine viel beachtete Erzählung „Die Verlobung in St. Domingo“. [1] Die Novelle thematisiert das Verhältnis von Schwarzen und Weißen nach dem Zusammenbruch der Sklavenhaltergesellschaft in Haiti zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Erzählung des am Berliner Wannsee beerdigten Dichters ist in der Tat „modern“: Sie gibt den rassistischen Theorien Immanuel Kants [2] literarische Form und nimmt dabei die allgegenwärtige Diskriminierung und Stereotypisierung Schwarzer in der deutschen Kolonialliteratur nach 1884 vorweg. [3]

Einweihung des Gedenksteins für Kleist, 2011 Feierliche Kranzniederlegung zum 200. Todestag Heinrich von Kleists am restaurierten Gedenkstein unweit des Berliner Wannsees. Im "Kleistjahr 2011" fanden zu Ehren des Dichters in Berlin und Brandenburg zahlreiche Großveranstaltungen statt. (Foto: DPA)

Befreiung als Tragödie

Um 1800 hatten die deutschen Länder nur wenig Kontakt zur französischen Kolonie Saint-Domingue. Erst später unterhielten sie mit dem 1804 unabhängig gewordenen Staat Haiti intensive Handelsbeziehungen. [4] Trotzdem fand der erfolgreiche Sklavenaufstand von 1792 hierzulande starke Resonanz. Historiker, Journalisten, Politiker und auch AutorInnen fiktionaler Texte griffen das Thema auf und nahmen aus je eigener Perspektive und mit unterschiedlicher Zielsetzung zu ihm Stellung. Unter den literarischen Beiträgen ist Heinrich von Kleists Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“ (1811) die in Deutschland wohl bekannteste Erzählung über die haitianische Revolution im 19. Jahrhundert.

Wie schon der Titel verrät, war es jedoch nicht so sehr das historisch sensationelle Ereignis des erfolgreichen Aufstands der schwarzen Sklaven gegen die französische Kolonialmacht, für das Kleist sich sonderlich interessierte. Im Mittelpunkt der Handlung steht vielmehr die Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, und zwar eine tragisch endende Liebesgeschichte, für die der Hass zwischen Weißen und Schwarzen auf der Insel zur Zeit des Aufstands zum Auslöser der Katastrophe wird.

Plot und Personen

Die Handlung lässt sich wie folgt zusammenfassen: Dem „fürchterlichen Neger“ Congo Hoango, einem der Anführer des Sklavenaufstands, gelang es, sich der Farm seines vormaligen Herrn Guillaume zu bemächtigen, nachdem er diesen und seine Familie zuvor ermordet hatte. Congo Hoango beging die Tat, obwohl Guillaume ihn zu Lebzeiten mit „unendlichen Wohltaten“ überhäuft hatte. Fortan ist es sein einziges Ziel, jeden Weißen zu töten, dessen er habhaft wird. Zu diesem Zweck macht er sich auch Toni dienstbar, eine junge „Mestizin“, die mit ihrer Mutter in seinem Haus lebt und deren Aufgabe es ist, durch „ihren Liebreiz“ weiße Männer anzulocken und der Rache des Anführers auszuliefern.

Während einer längeren Abwesenheit von Congo Hoango gelangt durch Zufall der junge Schweizer Gustav in sein Haus, in dem er Zuflucht vor den Aufständischen zu finden hofft.  Er und Toni verlieben sich ineinander, so dass Toni eine Nacht mit ihm verbringt und völlig vergisst, welche Aufgabe Hoango ihr übertragen hat und in welche Gefahr sie den Geliebten bringt. Als Congo Hoango überraschend zurückkehrt, muss sie, um ihn zu retten, zu einer List greifen: Sie fesselt den schlafenden Gustav, um Congo Hoango vorzutäuschen, dass sie weiterhin seine Komplizin sei. Sie hofft, Zeit zu gewinnen, da Gustavs Familie bereits informiert und zu seiner Rettung schon unterwegs ist.

Doch eben dadurch kommt es zur Katastrophe: Gustav erwacht, sieht sich von Toni gefesselt und muss mit anhören, wie sie sich vor Congo Hoango, um dessen Argwohn zu beschwichtigen, der Tricks rühmt, mit denen sie den Fremden überwältigt hat. Daraufhin kann er gar nicht anders, als Toni für eine Verräterin und Komplizin Congo Hoangos zu halten und sie zu töten. Sterbend bekennt Toni ihm noch, warum sie ihn fesseln musste, und mit den Worten „du hättest mir nicht mißtrauen sollen […] hauchte sie ihre schöne Seele aus“. [5] Gustav aber bleibt daraufhin nichts anderes mehr übrig, als sich aus Verzweiflung selbst zu erschießen.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht also die Geschichte von Gustav und Toni, während die haitianische Revolution nur als historischer Hintergrund, als elementares, das Schicksal der Liebenden bestimmendes Ereignis fungiert. Dies darf aber nicht den Blick dafür verstellen, dass die Geschichte des Sklavenaufstands in ihr implizit mitgeschrieben wird. Kleist verknüpft in ihr den Konflikt zwischen Liebe, Vertrauen und Verrat - zentrale Themen seines Werkes - mit dem Thema Rassismus und Kolonialismus. Er leistet damit einen gewichtigen Beitrag zur zeitgenössischen Kontroverse über den Sklavenaufstand von Saint-Domingue und über ethnische Differenz.

Geschichtsschreiber der Reaktion

Schon am Anfang der Erzählung macht Kleist unmissverständlich klar, wie er den historischen Rahmen beurteilt, in dem sich die Liebesgeschichte zwischen Gustav und Toni abspielt: „Zu Port au Prince, auf dem französischen Anteil der Insel St. Domingo, lebte, zu Anfange des Jahrhunderts, als die Schwarzen die Weißen ermordeten, auf der Pflanzung des Herrn Guillaume von Villeneuve, ein fürchterlicher alter Neger, namens Congo Hoango." [6]

Damit wird schon im ersten Satz die französische Kolonie St. Domingo zum Ort des Grauens erklärt, der von Terror und Mord regiert wird, wobei die Weißen die Opfer und die Schwarzen die Täter sind. Der weitere Verlauf der Handlung wird ausschließlich von dieser Terror- und Mordatmosphäre geprägt. Als Inbegriff schwarzer Mordlust und Grausamkeit gilt Kleist die Gestalt des Congo Hoango, für die er sich als Vorbild die historische Persönlichkeit Jean Jacques Dessalines [7] genommen hat. Er wird von ihm als „fürchterlicher alter Neger“ [8] eingeführt, der als „einer der ersten [...] die Büchse ergriff, und [...] seinem Herrn die Kugel durch den Kopf jagte, [9] um anschließend auch seine Frau und Kinder zu töten, und dies, obwohl ihm sein „gütiger Herr“ die Freiheit geschenkt hatte.

Revolutionsführer J.-J. Dessalines (1758-1806), Kaiser von Haiti Nach der Gefangennahme des legendären Schwarzen Revolutionsführers Toussaint Louverture durch Napoleon übernahm Jean-Jacques Dessalines (1758-1806) die Führung der um ihre Freiheit kämpfenden Versklavten auf Saint-Domingue. 1804 rief der die Unabhängigkeit des Landes Haiti aus und ließ sich als Jacques I. zum Herrscher krönen.                                                                             Filmtipp: "Toussaint Louverture - Die Haitianische Revolution 1791" (arte) Teil 1 > Teil 2 > Teil 3 > Teil 4 >

Damit bezieht Kleist schon auf der ersten Seite seiner Erzählung eindeutig Stellung in der Debatte über die Bewertung des Sklavenaufstands von Saint-Domingue und - damit zusammenhängend - über Kolonialismus und Sklaverei, die auch in Deutschland schon seit längerem geführt wurde. [10] Vor allem die damals unter Weißen weit verbreitete Vorstellung von den Schwarzen als Inbegriff der Gewalt [11] findet sich in der bis ins Extreme überzeichneten Gestalt des Congo Hoango wieder. Als Verkörperung des schwarzen Terrors bildet er den eigentlichen Angelpunkt der Erzählung, denn ohne dass er selbst handelnd in sie eingreift, wird er allein durch seine Existenz zum Auslöser der Katastrophe in der Geschichte der Liebenden.

Die gesamte Handlung spielt sich in seinem Haus ab, das nichts anderes als eine „Mördergrube" [12] ist. Jeder Weiße, der des Weges kommt, wird grausam ermordet. Dabei schreckt er in seiner „unmenschlichen Rachsucht“ selbst nicht davor zurück, ein unschuldiges junges Mädchen „an diesem grimmigen Kriege, bei dem er sich verjüngte" [13], zur Mitwirkung zu zwingen. Dass die Liebesgeschichte zwischen Gustav und Toni an List, Misstrauen, Verdacht und Verrat zugrunde geht, ist ebenso ausschließlich sein Werk, wie auch die anderen schwarzen Figuren der Erzählung letztlich Marionetten sind, die an unsichtbaren Fäden von ihm bewegt werden.

Kleist und Rassismus

An diesem Punkt stellt sich die Frage, ob es wirklich einer derartigen schwarzen Schreckensgestalt bedurfte, um die Liebesgeschichte zwischen einem Weißen und einer "Mestizin" zur Zeit des Sklavenaufstands in einer französischen Kolonie tragisch enden zu lassen. Anders gefragt: Ließ sich Kleist auch von anderen als rein künstlerischen Absichten leiten, wenn er in seiner Erzählung das in der europäischen Öffentlichkeit längst schon lädierte Image der Schwarzen und schwarzen Aufständischen zum Inbegriff des Bösen schlechthin stilisierte, um das Scheitern der Liebe zwischen Gustav und Toni plausibel zu machen?

Auffallend ist, dass in seiner Erzählung von den Gräueltaten der Aufständischen immer wieder ausführlich die Rede ist, während die Ursachen so gut wie unerwähnt bleiben. Bezeichnend dafür ist, dass Gustav auf Tonis Frage, womit denn die Weißen der Insel den Hass der Schwarzen verdient hätten, nur vage auf „das allgemeine Verhältnis“ verweist, „das sie, die Herren der Insel, zu den Schwarzen hatten" [14], während er von den selbst erlebten Gräueltaten, welche die Schwarzen seit Beginn der Revolution verübten, sehr genau zu berichten weiß. Der Sklavenaufstand von Saint-Domingue steht damit in Kleists Erzählung ohne weitere Begründung synonym für Mord, Chaos, Verwüstung und Grauen.

Auch was die eigentlichen Beweggründe der Revolutionäre angeht, zeichnet Kleist ein negatives Bild. Es geht den Aufständischen nicht um ihre Befreiung aus den Fesseln der Sklaverei, sondern ausschließlich um die Befriedigung rein persönlicher Rache- und Hassgefühle, nach deren Ursachen nicht weiter gefragt wird. Darauf reduziert, wird der revolutionäre Charakter des Sklavenaufstands von Kleist geleugnet und zum bloßen Ausbruch niedrigster emotionaler Instinkte erklärt. Dementsprechend erscheint Congo Hoango ohne eigenes politisches Programm. In seiner ungezügelten Mordlust stürzt er die Insel in Chaos und Anarchie, die sich in Kleists Erzählung zum Rückfall in blutige Barbarei steigert. Damit bestätigt die Erzählung das in der Anthropologie der Aufklärung weit verbreitete Vorurteil von der Unreife und Instinktbeherrschtheit der Schwarzen, die sie zu verantwortungsbewusster politischer Tat unfähig machen. [15] Die damals in den deutschen und französischen Texten [16] weit verbreiteten Deutungsmuster des Sklavenaufstands, wurden damit weiter perpetuiert.

Offen bleibt die Frage, inwieweit Kleist sich persönlich mit der Art und Weise der Darstellung der Schwarzen und ihres Aufstands in seiner Erzählung identifizierte. Wollte er mit ihr auch politisch Stellung beziehen oder ging es ihm nur darum, mit Hilfe von extremen Klischees und ohne Rücksicht auf die Realität das tragische Scheitern der Liebesgeschichte als unausweichlich darzustellen, weil Vertrauen zwischen Liebenden unter den von ihm geschilderten Bedingungen ein Ding der Unmöglichkeit ist? Aber wie dem auch sei: Kleist machte sich in seiner Erzählung das damals weit verbreitete negative Urteil über den Sklavenaufstand von Saint-Domingue ohne Bedenken zu eigen. Kleist trug auf diese Weise dazu bei, dass sich Negativstereotypen von Menschen afrikanischer Herkunft im Bewusstsein seiner europäischen Leserschaft verfestigten. [17]

 


 

[1] Der online-Text der Novelle findet sich auf: http://gutenberg.spiegel.de/buch/594/1DieVideobeotschaft von M. Platzek zum Kleistjahr kann man sich anhören auf: http://www.heinrich-von-kleist.org/kleist-jahr-2011/eroeffnung-des-kleist-jahres

[2] I. Kant verkündete in Schriften und Vorlesungen: „Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Theil der amerikanischen Völkerschaften“.In: Kant, I.: Physische Geographie. Auf Verlangen des Verfassers aus seiner Handschrift hrsg. u. zum Theil bearbeitet v. F. Th. Rink. In: Kant’s gesammelte Schriften. Hrsg. v. d. Königl. Preuß. Akad. d. Wissenschaften. Bd. IX. Berlin, Leipzig 1923, S.163

[3] Dieser Artikel enthält manche Überlegungen aus meinem Buch Der Sklavenaufstand von Haiti 1791. Ethnische Differenz und Humanitätsideale in der Literatur des 19. Jahrhunderts, Böhlau, Köln u.a. 2010, bes. S. 149-160.

[4] Vgl. Michael Zeuske: "Die vergessene Revolution. Haiti in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Aspekte deutscher Politik und Ökonomie in Westindien" in: Jahrbuch für Geschichte von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Lateinamerikas 28/1991, S. 285–325.

[5] Heinrich von Kleist: "Die Verlobung in St. Domingo" in: Heinrich Deiters (Hrsg.): Heinrich von Kleist. Gesammelte Werke in vier Bänden, Bd. 3, Erzählungen und kleine Schriften, Aufbau-Verlag, Berlin 1955, S. 166–203, bes. S. 201.

[6] Ebd., S. 166.

[7] Nach Tousaint Louvertures Verhaftung und Deportation nach Frankreich, wo er am 7. April 1803 im Gefängnis von Port de Joux starb, führte Dessalines als dessen Nachfolger den Sklavenaufstand und bildete eine Einheitsfront von „Mulatten“ und Schwarzen gegen die französische Invasionsarmee. Er proklamierte die Unabhängigkeit der Insel am 01. Januar 1804. Er wurde zum Generalgouverneur auf Lebenszeiten und später zum Kaiser von Haiti ernannt. 1806 wurde er von aufständischen „Mulatten“ ermordet.

[8] Kleist: S. 166.

[9] Ebd., S. 167.

[10] Wie stark das Interesse deutscher Autoren an Kolonialfragen sogar schon vor der tatsächlichen Kolonialzeit des Landes war, zeigt Susanne Zantop in: Kolonialphantasien im vorkolonialen Deutschland (1770–1870). Erich Schmidt Verlag Berlin 1999.

[11] Vgl. u.a. Peter Martin: Schwarze Teufel, edle Mohren. Junius, Hamburg 1993, S. 261

[12] Kleist, H.v.: "Die Verlobung in St. Domingo", S. 184.

[13] Ebd., S. 167.

[14] Ebd., S. 176.

[15] Vgl. u.a. Christoph Meiners: "Ueber die Natur der Afrikanischen Neger, und die davon abhangende Befreyung, oder Einschränkung der Schwarzen" in: Göttingisches historisches Magazin 6/1790, S. 385-456, bes. S 386f.

[16] In Deutschland u.a: J.F.E. Albrechts: Scenen der Liebe aus Amerikas heissen Zonen. Vom Verfasser der Laurette Pisana, Gottfried Volmer, Hamburg 1810 oder In Frankreich Louis Dubrocas Werke:La vie de Toussaint-Louverture, chef des Noirs insurgés de Saint-Domingue, Dubroca Librairie, Paris 1802 und La vie de J.J. Dessalines, chef des Noirs révoltés de Saint-Domingue, Dubroca Librairie, Paris 1804.

[17] Die Erzählung wurde 1812 von Theodor Körner als „Toni“ dramatisiert und in dieser Form von Goethe auf die Weimarer Bühne gebracht. Wilhelm grimm lobte die Geschichte in seinen Rezensionen und 1871 wurde sie in den weitverbreiteten Deutschen Novellenschatz aufgenommen. Der beeindruckte Fontane gestand ihr „volle, auch schreckliche Wahrheit“ zu und Thomas Mann nannte sie „ein Prachtstück von Erzählungskunst“. Arnold Zweig meinte 1946: Kleists „Gestaltungskraft ist so groß, dass wir als junge Menschen von seiner Blickart auf die Vorgänge in San Domingo völlig eingefangen waren und es Jahrzehnte dauerte, bis wir zur Kenntnis nahmen“, dass die Revolution der Schwarzen „von ebenso großen und erschütternden Führern vorangetragen wurde wie die Frühzeit der russischen Revolution gegen den Zarismus im drauffolgenden Jahrhundert.“ Siehe Anmerkungen zu „Die Verlobung in St. Domingo“, in Heinrich von Kleist. Erzählungen, Insel, S.656-661