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„Rassenforschung“ in Dahlem: Von der Kolonialwissenschaft zur Ausrottungspolitik – das „Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ (1927-1945)

Volker Strähle

 

Das langgestreckte Gebäude in der Ihnestraße 22 in Dahlem ist seit 1927 ein Ort der Wissenschaft – und ein Symbol für deren Abgründe: Wo die Freie Universität heute den politikwissenschaftlichen Nachwuchs ausbildet, haben vor 70 Jahren Wissenschaftler_innen[1] die „menschlichen Rassen“ erforscht. Spuren erinnern an diese Geschichte: Wenn Studierende des Otto-Suhr-Instituts durch den Haupteingang des Gebäudes gehen, blickt der Bronzekopf der „Pallas Athene“ auf sie herab. Als Schutzgöttin der Künste und Wissenschaften war sie Symbol der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Die Vorgängerin der heutigen Max-Planck-Gesellschaft beherbergte in dem Gebäude von 1927 bis 1945 das „Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ (KWI-A). Neben der Eingangstür benennt eine Gedenktafel die Mitwirkung der Rassenforscher an den Verbrechen des Nationalsozialismus. Die Tafel erinnert an die Verbindung nach Auschwitz: KZ-Arzt Josef Mengele war Doktorand des Institutsprofessors Otmar von Verschuer (1896-69) und schickte Blutproben und Leichenteile von KZ-Häftlingen zur Untersuchung nach Dahlem. Wovon nichts zu lesen ist: Das Institut war eine Hochburg des Kolonialrassismus, wirkte bei der Zwangssterilisierung von Schwarzen Deutschen[2] mit und unterstützte Pläne für ein neues deutsches Kolonialreich. Es ist eine Geschichte, die bis heute verdrängt wird.

Ihnestrsaße 22Das Gebäude Ihnestraße 22 gehört heute zum „Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft“ der Freien Universität Berlin. Es wurde als „Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ (KWI-A) 1927 eingeweiht. Die „Pallas Athene“ (auch „Minerva") über dem Eingang war als Schutzgöttin der Wissenschaft das Wahrzeichen der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die Max-Planck-Gesellschaft übernahm das Symbol. (Foto: Volker Strähle, 2011)

Der Kolonialforscher Eugen Fischer

Im Ostflügel des Erdgeschosses (heute: Lehrstuhl für Internationale Beziehungen) hat ab 1927 Institutsdirektor Eugen Fischer (1874-1967) seine Räume. Der Anthropologe ist überzeugter Rassenhygieniker, zugleich ein begeisterter Anhänger des Kolonialismus. Seine wissenschaftliche Reputation verdankt er vor allem seinem 1913 veröffentlichten Hauptwerk „Die Rehobother Bastards“. Im Jahr 1908 hat Fischer in der Gegend um Rehoboth in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika – heute Namibia – Menschen untersucht, deren Vorfahren Weiße (vor allem Buren) und Schwarze (Khoikoin, abschätzig „Hottentotten“ genannt) waren. Um den Einfluss von „Umwelt und Erbe“ zu erforschen, hat Fischer Sippentafeln erstellt, Köpfe vermessen und Fotografien angefertigt. Das Fazit: Menschliche Rassen kreuzen sich nach den Mendelschen Regeln, „genau wie zahllose Pflanzen- und Tierrassen“.[3]Fischer stellt seine Forschung bereitwillig in den Dienst des deutschen Kolonialismus. Im Vorwort des Buches dankt er dafür, „daß er die Früchte auf deutschkolonialem Boden pflücken und so nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der großen deutschen Heimat Nutzen stiften durfte“.[4] Getragen von der Überzeugung, dass die „Rassenmischung“ die Rehobother auf eine Zwischenstufe zwischen (überlegenen) Weißen und (unterlegenen) Schwarzen stellt, schlägt er ein strenges Apartheidsystem vor. Die „Rehobother Bastards“ sollen den Kolonialherren unter anderem als „Polizeileute“ dienen. Sie haben dabei nur so lange ein Lebensrecht, wie dies im Interesse der Kolonialmacht ist:

„Also man gewähre ihnen eben das Maß an Schutz, was sie als uns gegenüber minderwertige Rasse gebrauchen, um dauernd Bestand zu haben, nicht mehr und nur so lange, als sie uns nützen – sonst freie Konkurrenz, d. h. hier meiner Meinung nach Untergang!“[5]

Die Zeilen lassen sich als nachträgliche Rechtfertigung des Vernichtungskrieges lesen, den die deutsche „Schutztruppe“ 1904 bis 1908 gegen die widerständigen Herero und Nama geführt hat.[6] Fischer selber profitiert von dem Genozid, offenbar überführt er Schädel und Skelette von zu Tode gekommenen Menschen in seine anthropologische Sammlung.[7]

Zwillingsforschung soll „Erblehre“ stützen

Nach dem „Verlust“ der deutschen Kolonien als „Forschungslabor“ ist sich Fischer darüber im Klaren, dass seine „Bastardbiologie“ keine alleinige Grundlage für die „menschliche Erblehre“ bilden kann, wie er sie an dem Kaiser-Wilhelm-Institut etablieren will. Das Dahlemer Institut soll deshalb Genetik und Evolutionsbiologie verbinden und daraus eine disziplinenübergreifende Leitwissenschaft vom Menschen entwickeln.[8] Neue Impulse erhofft sich Fischer vor allem von der Arbeit des Humangenetikers Otmar von Verschuer (1896-1969). Dieser übernimmt 1927 die Abteilung für „menschliche Erblehre“, 1942 wird er Fischers Nachfolger als Institutsdirektor. Verschuer und seine Mitarbeiter versuchen, mithilfe der „Zwillingsforschung" die Erblichkeit von zahlreichen Krankheiten zu belegen, aber auch von „Charakterzügen" wie „krimineller Neigung".

Aufgrund vermeintlicher „Rassezugehörigkeit“ werden Menschen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben. Dabei gehen die Wissenschaftler davon aus, dass sich die einzelnen „Rassen“ in der Stammesgeschichte der Menschheit verorten lassen. Dies führt zu abstrusen Ideen: Der Institutsmitarbeiter Hans Weinert, der die Schädelsammlung unter dem Dach der Ihnestraße 22 verwaltet, stellt 1929 Überlegungen an, durch die Kreuzung von Mensch und Affe eine Art Urmensch für Versuchszwecke zu züchten. Aufgrund seiner Blutuntersuchungen käme dafür als weiblicher Paarungspartner nur eine Schimpansin in Frage, als männlicher Part „vielleicht ein Urwald-Pygmäe“.[9] Weinert ist für die Schädel- und Skelettsammlung unter dem Dach der Ihnestraße 22 verantwortlich, die 4000-5000 Leichenteile umfasst. Davon stammen wohl mindestens 30 Schädel aus dem heutigen Namibia.

Dass im Institutsnamen „Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ der Rassen-Begriff nicht auftaucht, hat neben fachlichen vor allem politische Gründe. Statt von „Rassenhygiene“ ist von „Eugenik“ die Rede, auch „weil die damalige Regierung das Wort Rasse gar nicht liebte“, wie Fischer in seinen Lebenserinnerungen einräumt.[10] Auf diese Weise sichert sich die Rassenforschung in der Weimarer Republik die Unterstützung durch eine breite politische Koalition – von den Sozialdemokraten über die katholische Zentrumspartei bis hin zur NSDAP.

Eugen Fischer in DSW 1908Eugen Fischer (1874-1967) forschte im Jahr 1908 in der Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“. Für seine anthropologischen Studien fotografiert er hier eine Mutter mit ihrem Kind. (Foto: Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin-Dahlem)

Selbstgleichschaltung im Nationalsozialismus

Erst 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten rückt der Rassebegriff in den Mittelpunkt von Wissenschaft und Bevölkerungspolitik. Innerhalb kürzester Zeit wird das KWI-A gleichgeschaltet und schaltet sich selber gleich: Der Jesuit Hermann Muckermann, der die Eugenik in katholischen Kreisen salonfähig gemacht hat, scheidet als Leiter der Eugenik-Abteilung aus. Sein Nachfolger wird der überzeugte Nationalsozialist Fritz Lenz.

Auf den international geachteten Wissenschaftler Fischer glauben die Nationalsozialisten nicht verzichten zu können, obwohl seine Rassentheorie in wichtigen Punkten von der NS-Weltanschauung abweicht. So sieht Fischer zwar „farbige Rassen“ als minderwertig an, nicht aber die Juden, die er bis 1933 nicht als eigenständige Rasse bezeichnen will. Außerdem geht Fischer im Rahmen seiner „Heterosis-These“ davon aus, dass „Mischlinge“ mit Weißem und Schwarzem „Rassenanteil“ eine Mittelstellung einnehmen und nicht beiden „Stammrassen“ gegenüber minderwertig sind, wie es die offizielle NS-Rassenlehre vorgibt. Allerdings ist Fischer Opportunist genug, seinen Sprachgebrauch dem Nazi-Jargon anzupassen: Die Juden bezeichnet er fortan zwar nicht als „minderwertig“, jedoch als „andersartig“, weshalb eine Rassenmischung zu verhindern sei.

Aus der Ihnestraße 22 wird ein Thinktank der nationalsozialistischen Rassenpolitik. Die Forscher liefern eine wissenschaftliche Legitimationsgrundlage für Gesetze und Maßnahmen, die den Ausschluss und die Vernichtung „rassisch Minderwertiger“ vorbereiten. Mitarbeiter des Instituts treffen als Erbgutachter Entscheidungen über Menschen, die danach zwangssterilisiert oder in Konzentrationslager eingewiesen werden. Außerdem schulen sie Richter, Ärzte und SS-Angehörige in „Rassenkunde“. Einige Institutsmitarbeiter lehren an der „Hochschule für Politik“, der Vorgängerin des Otto-Suhr-Instituts.

Mitarbeiter_innen des KWI-AGruppenfoto der Rassenforscher_innen: Die Mitarbeiter_innen des „Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ im Juli 1939. (Foto: Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin-Dahlem)

 

Zwangssterilisierung Schwarzer Kinder

Die NS-Rassenpolitik knüpft in vielerlei Hinsicht an den weitverbreiteten Kolonialrassismus an, der mit dem „Verlust“ der deutschen Kolonien nach dem Ersten Weltkrieg keineswegs verschwunden ist. Die in kolonialer Feldforschung entstandene „Bastardforschung“ wird intensiviert, da sie praktische Bedeutung für die nationalsozialistische Bevölkerungspolitik gewonnen hat. So ist das KWI-A an der Vorbereitung der Zwangssterilisierung der „Rheinlandbastarde“ aktiv beteiligt: Die nach dem Ersten Weltkrieg im Rheinland geborenen Kinder Schwarzer französischer Soldaten und Weißer deutscher Mütter werden von den Nationalsozialisten als Gefahr für die „Reinheit des deutschen Volkes“ betrachtet.

Im Auftrag des preußischen Innenministeriums untersucht Fischers Assistent Wolfgang Abel, Mitglied der NSDAP und SS, im Juli 1933 im Regierungsbezirk Wiesbaden 39 Kinder. Er fertigt Fotografien an, nimmt anthropometrische Messungen vor, wertet Gesundheitsbögen und Schulzeugnisse aus. Die Ergebnisse werden 1937 veröffentlicht. Abel kommt zum Schluss, dass bei den Kindern auffallend häufig „körperliche und geistige Schwächen“ aufgetreten waren:

Versuchen wir diese Störungen zu erklären, dann müssen wir sagen, dass weder die ungünstige soziale Stellung (Ernährung), noch auch das sicherlich nicht beste Erbe mütterlicherseits allein dafür verantwortlich gemacht werden können, sondern dass eben in der Mischung von negriden und mongolischen Rassen die Hauptursache der ungünstigen Stellung der Rheinlandbastarde innerhalb unserer Bevölkerung zu suchen ist.[11]

Abel veröffentlicht im Februar 1934 in der vom Rassenpolitischen Amt der NSDAP herausgegebenen Zeitschrift „Neues Volk“ einen Hetzartikel. Unter dem Titel „Bastarde am Rhein“ legt er die Sterilisation der Kinder nahe: „Das Leid, das sie trifft, wird durch ihre Kinder vermehrt – ein Leid, das nie versiegt. Möge das denen zur Einsicht gesagt sein, in deren Hand es liegt, die Vermehrung dieses Leides zu verhüten.“[12]

Die NS-Behörden beschließen eine heimliche Sterilisierungsaktion, da eine solche Maßnahme nicht durch Gesetze gedeckt ist. Anthropologische Gutachten, an denen die KWI-Wissenschaftler Wolfgang Abel, Engelhardt Bühler und Eugen Fischer mitwirken, geben den Plänen den wissenschaftlichen Segen: Daraufhin werden 1937 insgesamt 385 Schwarze Kinder zwangssterilisiert.[13]

Nachwuchswissenschaftler des Instituts führen eigene Forschungen zu „Rassenmischungen“ durch: Johannes Schaeuble untersucht 1934/35 im Auftrag des Instituts in Südchile 1400 „Indianer- und Indianer-Europäer-Mischlinge“ anthropologisch.[14] Rita Hauschild betreibt in Trinidad und Venezuela ähnliche Studien. Sie macht später mit einer Arbeit über „primordiale Rassenmerkmale“ auf sich aufmerksam, für die sie zwei aus den USA stammende Föten von Schwarzen ausgewertet hat.[15] Die anthropologische Feldforschung der Rassenforscher beschränkt sich jedoch nicht auf „überseeische Gebiete“: Wolfgang Abel und Otto Baader untersuchen und fotografieren in Kriegsgefangenenlagern Schwarze Soldaten aus den französischen Kolonien.[16]

Wolfgang Abel mit Schwarzen KriegsgefangenenDer Institutsmitarbeiter Wolfgang Abel war überzeugter Nationalsozialist und unter anderem an der Sterilisierung der als „Rheinlandbastarde“ verunglimpften Kinder Schwarzer Besatzungssoldaten und weiß-deutscher Frauen beteiligt. Die Aufnahme zeigt ihn in den frühen 1940er Jahren in einem Kriegsgefangenenlager. Er fotografierte dort Schwarze Soldaten aus den französischen Kolonien für anthropologische Forschungen. (Foto: Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin-Dahlem)

 

 

Institutsdirektor Fischer setzt in den 30er-Jahren seine Forschungen zu den Rehobother fort. Die Ergebnisse veröffentlicht er 1938 und 1942 unter dem Titel „Neue Rehobother Bastardstudien“.[17] Er spricht von einem „Glücksfall, wenn ein Forscher dieselben Menschen überseeischer Rassen nach Jahrzehnten ein zweites Mal untersuchen kann“.[18] Allerdings kann er auf diese Menschen nur indirekt zurückgreifen – er wertet Fotografien, Familiendaten und Gesichtsabgüsse aus, die der Bildhauer Hans Lichtenecker 1931 in seinem Auftrag in Rehoboth angefertigt hat. Fischer kommt zu dem Ergebnis, dass sich „Rassenmerkmale“ mit zunehmendem Alter stärker herausbilden. Seine Studie sieht er als wissenschaftliche Grundlage „für die, wie ich fest erhoffe, künftig wieder deutsche Verwaltung der Kolonie und deren Rassenpolitik“.[19]

Eugen Fischer 1938Institutsdirektor Eugen Fischer an seinem Arbeitsplatz, vor sich hat er Aufnahmen Schwarzer Frauen. Das Foto entstand um 1938. (Foto: Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin-Dahlem)

Pläne für ein neues deutsches Kolonialreich

Am Vorhaben der Wiedererrichtung eines deutschen Kolonialreichs arbeiten Mitarbeiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts aktiv mit. Während des Zweiten Weltkriegs kommt es zur Zusammenarbeit zwischen dem Kolonialpolitischen Amt der NSDAP und der „Abteilung für Erbpsychologie“. Deren Leiter Kurt Gottschalt schreibt 1943 einen Artikel für das Afrika-Handbuch der angewandten (kolonialen) Völkerkunde, das, ungeachtet des Zusammenbruchs der NS-Herrschaft, 1947 erscheint – einschließlich eines von Gottschalt entwickelten „Fragebogens zur psychologischen Begutachtung von eingeborenen Arbeitern“.[20]

Als die Wehrmacht im Rahmen ihres Afrikafeldzugs im Jahr 1941 auf dem Vormarsch ist, erhalten auch die Pläne für ein neues deutsches Kolonialreich Auftrieb. In einem Vortrag vor der Preußischen Akademie der Wissenschaften liefert Institutsdirektor Fischer eine „wissenschaftliche“ Legitimation für ein solches Vorhaben: Den Norden Afrikas bezeichnet er als „Weißafrika“, das sich „nach Rassen und Kulturen des Menschen deutlich und grundsätzlich vom übrigen Afrika“ unterscheide – dem so genannten „Schwarzafrika“.[21] Fischer vertritt die Auffassung, der gesamte Mittelmeerraum sei von einer „mediterranen Rasse“ besiedelt, in die verschiedene „Rassenanteile“ eingeflossen seien, unter anderem jene des prähistorischen blonden und blauäugigen „Cro-Magnon-Typus“, nach dessen Überresten Fischer seit vielen Jahren sucht. Eine Forschungskommission zu „Weißafrika“ unter seiner Leitung organisiert noch im Januar 1943 eine Tagung unter dem Titel „Koloniale Völkerkunde, Koloniale Sprachforschung und Koloniale Rassenforschung“ – mit Unterstützung der Kolonialwissenschaftlichen Abteilung des Reichsforschungsrates und der Deutschen Forschungsgemeinschaft.[22]

Die Niederlage des Deutschen Reiches im Zweiten Weltkrieg setzt nicht nur den kolonialen Plänen ein Ende, sondern die „Rassenforschung“ insgesamt steht vor dem Aus. Das Dahlemer Institut wird 1945 geschlossen. Für viele Institutsmitarbeiter bedeutet dies allerdings nur einen Karriereknick: Sie können ihre wissenschaftliche Laufbahn in der Bundesrepublik Deutschland fortsetzen. Der „Dahlemer Kreis“ übt einen entscheidenden Einfluss auf die Humangenetik und Anthropologie im frühen Nachkriegsdeutschland aus. Der ehemalige Institutsdirektor Verschuer erhält 1951 eine Professur für Humangenetik in Münster, die er bis zu seiner Emeritierung 1965 innehat. Eugen Fischer wird 1952 Ehrenmitglied der deutschen Gesellschaft für Anthropologie und 1954 Ehrenmitglied der deutschen Gesellschaft für Anatomie. Diese Kontinuität ist möglich, weil eine Auseinandersetzung mit den (kolonial-)rassistischen Wurzeln der Anthropologie und Genetik unterbleibt. Die Mitwirkung von Institutsmitarbeiter an Verbrechen des Nationalsozialismus wird juristisch nicht aufgearbeitet – niemand muss sich dafür vor Gericht verantworten.

Ihnestraße 22 in den 1930er JahrenDas „Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ mit NS-Flaggenschmuck. Die Aufnahme entstand in den 1930er-Jahren. (Foto: Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin-Dahlem)

Umkämpfte Erinnerung

Seit 1988 erinnert die Gedenktafel neben dem Eingang der Ihnestraße 22 an die Geschichte des KWI-A – und an die ethische Verantwortung der Wissenschaft. Dozierende des Otto-Suhr-Instituts haben gegen den Widerstand des damaligen Präsidenten der Freien Universität Dieter Heckelmann (später CDU-Innensenator) durchgesetzt, dass der Text mit einer Mahnung endet: „Wissenschaftler haben Inhalt und Folgen ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu verantworten.“ Ein Satz, der immer noch Zündstoff birgt: Im Dezember 2008 druckt eine studentische Initiative ein Foto des unteren Teils der Gedenktafel auf ein Flugblatt. Es wirbt für eine kritische Veranstaltung zum „Sonderforschungsbereich 700: Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit“. Kritiker werfen dem Forschungsnetzwerk vor, Interventionskriege zu legitimieren und neokoloniale Forschung zu betreiben. Wissenschaftler aus dem Umfeld des Professors für Internationale Beziehungen, Thomas Risse, sind empört. Sie wollen sich nicht „mit Mengele vergleichen“ lassen. Die damalige Dekanin Barbara Riedmüller versucht erfolglos, die Veranstaltung zu verhindern.

Die kolonialen Ursprünge der Rassenforschung in der Ihnestraße 22 werden auf der Tafel mit keinem Wort erwähnt. Am Otto-Suhr-Institut wissen nur wenige Studierende und Dozierende, dass der langjährige Institutsdirektor Fischer seine Forschungen zur „Rassenmischung“ im heutigen Namibia begonnen hat und dass im Altbau Schädel aus den deutschen Kolonien lagerten. Dies ändert sich erst im November 2013: Im OSI-Foyer präsentieren fünf Studierende die Ausstellung „Manufactoring Race“, die aus einem Postkolonialismus-Seminar von Bilgin Ayata hervorgegangen ist. Auf Tafeln wird die Geschichte des Kaiser-Wilhelm-Instituts veranschaulicht . Vor allem aber wird eine Debatte angestoßen: Vor der Kamera werden Studierende mit der Tatsache konfrontiert, dass sich auf dem Dachboden ihres Instituts eine Schädelsammlung befunden hat – darunter geraubte Leichenteile aus dem heutigen Namibia. “This is shocking“, ist die Reaktion einer Studierenden. Die bisherige Bronzetafel, so lautet die einhellige Meinung der Befragten, ist schlecht zu lesen und muss um eine Auseinandersetzung mit dem Kolonialrassismus ergänzt werden. Der fehlende Diskurs sei das Hauptproblem, betont eine Studierende: „We should talk about it in classes.“ Die Forderung, die koloniale Vergangenheit zu vergessen, bleibt in den Videosequenzen eine isolierte Einzelposition: „We should leave the stuff behind – move on“, meint ein Student. Die Organisator_innen der Ausstellung wollen sich dafür einsetzen, dass bald auch sichtbar an die koloniale Vergangenheit der Ihnestraße 22 erinnert wird. Eine Idee, für die sich Unterstützung abzeichnet. Die von den Ausstellungsmacher_innen befragten Professor_innen des Otto-Suhr-Instituts räumen ein, dass die Plakette neben dem Eingang nicht ausreicht.

Gedenktafel Ihnestraße 22Heute erinnert eine Gedenktafel rechts neben dem Haupteingang der Ihnestraße 22 an die Mitwirkung der Institutsmitarbeiter_innen an Verbrechen des Nationalsozialismus. Der Text endet mit einer Mahnung: „Wissenschaftler haben Inhalt und Folgen ihrer wissenschaftlichen Forschung zu verantworten.“ (Foto: Volker Strähle, 2011)

 


 

 

 

 

 

 

 

[1] In der vorliegenden Arbeit wird mit Ausnahme wörtlicher Zitate die Pluralpersonalform des Unterstrichs (Wissenschaftler_innen) verwendet. Dies unterstreicht, dass sowohl Männer und Frauen gemeint sind, aber auch Bezeichnete, die sich im zweigeschlechtlichen System nicht wiederfinden. Am „Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ arbeiteten von Anfang an Wissenschaftlerinnen mit, auch wenn die Direktoren und Abteilungsleiter stets Männer waren. Wenn mir – wie im Fall der „Rheinlandbastard-Gutachten“ – bekannt ist, dass nur Männer beteiligt waren, verwende ich im Text die männliche Form „Wissenschaftler".

[2] Die Großschreibung der Bezeichnungen „Weiß“ und „Schwarz“ soll signalisieren, dass diese Begriffe als Elemente sozialer Kategorisierungs- und Bezeichnungspraktiken verstanden werden und nicht als bloße Spiegelung unterschiedlicher Hautfarben, vgl. Eggers, Maureen Maisha/Kilomba, Grada/Piesche, Peggy/Arndt, Susan (Hrsg.) (2005): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster, S. 13. Zum Begriff „Schwarze Deutsche“ und zur Verwendung im Fall der Kinder Schwarzer Besatzungssoldaten im Rheinland vgl. El-Tayeb, Fatima (2001): Schwarze Deutsche. Der Diskurs um „Rasse“ und nationale Identität 1890-1933, Frankfurt am Main, insbesondere S. 8

[3] Fischer, Eugen (1913): Die Rehobother Bastards, Jena, S. 171

[4] ebd., S. 3

[5] ebd., S. 302

[6] vgl. Schmuhl, Hans-Walter (2005): „Neue Rehobother Bastardstudien“. Eugen Fischer und die Anthropometrie zwischen Kolonialforschung und nationalsozialistischer Rassenpolitik, in: Theile, Gert (Hrsg.) (2005): Anthropometrie. Zur Vorgeschichte des Menschen nach Maß, München, S. 284

[7] vgl. ebd.

[8] Schmuhl, Hans-Walter (2005): Grenzüberschreitungen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik 1927 – 1945, Göttingen, S. 11

[9] vgl. Lösch, Niels C. (1997): Rasse als Konstrukt. Eugen Fischer – Leben und Werk, Frankfurt am Main, S. 196f.

[10] vgl. ebd., S. 189

[11] Abel, Wolfgang (1937): Über Europäer-Marokkaner- und Europäer-Annamiten-Kreuzungen, in: Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie 36, S. 329

[12] Abel, Wolfgang (1934): Bastarde am Rhein, in: Neues Volk 2, S. 6

[13] vgl. Schmuhl 2005b, S. 295f.

[14] Schmuhl (2005a), S. 223

[15] Hauschild, Rita (1941): Rassenunterschiede zwischen negriden und europäischen Primordialkranien des 3. Fetalmonats, in: Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie 39, S. 181-289

[16] Schmuhl (2005a), S. 442f.

[17] Fischer, Eugen (1938): Neue Rehobother Bastardstudien. I. Antlitzveränderungen verschiedener Altersstufen bei Bastarden, in Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie 37, Heft 2, S. 127-138 und Fischer, Eugen (1942): Neue Rehobother Bastardstudien II: Fortführung und Ergänzung der Sippentafeln, in Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie 40, S. 1-33

[18] Fischer (1938), S. 127

[19] Fischer, Eugen (1942), S. 1f.

[20] Schmuhl (2005b), S. 298

[21] Vgl. Lösch (1997), S. 376