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Imperiale Räume für imperiale Träume: Das geplante NS-Reichskolonialministerium

Karsten Linne

 

Heute beherbergt der Marstall, der direkt an der Spree am Berliner Schloßplatz liegt, einen Teil der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“. Der in der Zeit von 1897 bis 1901 nach Entwürfen Ernst von Ihnes errichtete neobarocke Bau bot den nationalsozialistischen Kolonialplanern den passenden räumlichen Rahmen für ihre Vorstellungen einer zentralen Kolonialverwaltung für ein afrikanisches Imperium. Ab dem Jahr 1940 sollte dort ein gigantisches NS-Reichskolonialministerium aufgebaut werden. Der einzige Schönheitsfehler bestand darin, dass es die deutschen Kolonien, die vom Marstall aus so perfekt gelenkt werden sollten, gar nicht gab.

Neuer MarstallGebäude des Neuen Marstalls um 1900. ImVordergrund der heute zum Roten Rathaus (im Hintergrund) versetzte Neptunbrunnen. Bis zur Fertigstellung eines noch größeren Baus wollten die Nationalsozialisten das von ihnen geplante Reichskolonialministerium hier unterbringen. Von hier aus sollte das riesige NS-Kolonialreich in Afrika, das Deutschland zu gewinnen hoffte, kontrolliert werden.  (Foto: Lucien Levy)

 

Das Kolonialpolitische Amt der NSDAP

1919 hatte Deutschland sein Kolonialreich in Afrika im Zuge des Versailler Vertrags auch offiziell verloren. Nie waren die vier Kolonialgebiete Togo, Kamerun, Deutsch-Südwest- und Deutsch-Ostafrika im Deutschen Reich allerdings so populär wie zum Zeitpunkt ihres Verlustes, der von vielen Deutschen als „nationale Schmach“ betrachtet wurde. Der Kolonialrevisionismus der Weimarer Republik kämpfte zäh für ihre Wiedergewinnung. Der Kolonialbewegung gelang aber nie der entscheidende Schritt hin zu einer Massenbewegung. Über diese Massenbasis verfügte hingegen spätestens seit Ende der 1920er Jahre die NSDAP, die in ihrem Parteiprogramm ebenfalls für Kolonien eintrat. Die von der bürgerlichen Kolonialbewegung betriebene Anbiederung an die NSDAP war daher naheliegend, und auch der Partei Hitlers war an einer Verankerung in diesem Milieu durchaus gelegen. Nach 1933 hatte die Kolonialbewegung als „Steigbügelhalter“ der NSDAP aber ihre Schuldigkeit getan: Die Nationalsozialisten vollzogen ihre Übernahme und „Gleichschaltung".[1]

Parallel dazu begann die NSDAP mit eigenen institutionellen Vorbereitungen. Sie gliederte im Mai 1934 das Kolonialreferat aus dem Verband ihres Wehrpolitischen Amtes aus und formte daraus das neue Kolonialpolitische Amt (KPA). Zum Leiter wurde Franz Xaver Ritter von Epp ernannt.[2] Er brachte nicht nur Erfahrungen im Kolonialdienst aus der Zeit vor 1914 mit, sondern verfügte auch über vielfältige Kontakte zu den traditionalistisch-konservativen Kreisen der Kolonialanhänger. Mit Epps Eintritt in die NSDAP im Mai 1928 waren die Weichen für eine beiderseitige Annäherung gestellt worden.[3] Das verstärkte Engagement der NSDAP auf kolonialem Gebiet ging einher mit einem allgemeinen Aufschwung kolonial orientierter Institutionen und Forschungseinrichtungen ab 1933. Und spätestens ab 1936/37 gab es geheime Planungen, die für alle relevanten Bereiche detaillierte Vorschläge zur Ausgestaltung der Kolonialpolitik unterbreiteten. Diese Planungen wurden nach dem militärischen Sieg über Frankreich intensiviert und zu einem integralen Bestandteil der deutschen Weltherrschaftsbestrebungen.

NS-KolonialausstellungWerbeplakat von 1935 für eine der zahlreichen "Kolonial-Ausstellungen" im Nationalsozialismus. Die NS-Kolonialrevisionisten wollten den Blick des Betrachtenden offenbar "auch" auf die 1919 verlorenen deutschen Kolonien in Afrika lenken. Sie präsentieren sich hier demonstrativ in der Tradition das kaiserlichen Kolonialreichs. (Foto: Heiko Wegmann)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit dem KPA bekam die Kolonialbewegung ein eigenes Hauptamt innerhalb der NSDAP-Strukturen. Das Amt teilte sich 1936 in vier Abteilungen auf: 1. Koloniale Schulung; 2. Wirtschaft und Währung; 3. Verkehr; 4. Recht, Schule, Wissenschaft, Gesundheit und Geographie. Das KPA verfügte zu dieser Zeit über mehr als 200 Mitarbeiter.[4] Eine auf die Planung einer Kolonialverwaltung ausgerichtete Dienststelle in Berlin entstand aus dem Amt „Planung“ des KPA, das 1936 nach Berlin verlegt worden war, um dort – in räumlicher Nähe zum Kolonialreferat des Auswärtigen Amts – das vorhandene Kolonialmaterial zu sichten und auszuwerten. Dem Leiter der Dienststelle, Hans Bauszus, unterstanden das Amt Schulung, das Amt Verwaltungsplanung, das Amt Wirtschaft und das Amt Wissenschaft. Die Hauptaufgabe bestand darin, die Verbindung zu den in Berlin ansässigen Ministerien und einschlägigen Dienststellen herzustellen. Eine differenziertere Aufteilung der Dienststelle erfolgte erst 1940.[5]

Pläne für ein Reichskolonialministerium

Der Reichsschatzmeister der NSDAP wollte mit dem Anwachsen der Tätigkeit die rein staatlichen Aufgaben des KPA nicht mehr finanzieren. Daraufhin legte Epp eine Denkschrift vor, in der er die Errichtung eines Ministeriums – des Reichskolonialamtes – vorschlug. Hitler billigte diese Idee grundsätzlich, nahm aber 1939 von einer sofortigen Errichtung eines Reichskolonialamts Abstand. Gleichzeitig stellte er dem KPA die Aufgabe, „die vorbereitenden Arbeiten für die künftige Kolonialverwaltung mit Nachdruck zu fördern und die notwendigen Vorbereitungen für die Errichtung eines Reichskolonialministeriums zu treffen“.[6] Die Vorbereitungsarbeiten für die künftige Kolonialverwaltung sollten „in straffer organisatorischer Zusammenfassung, unter zentraler Leitung, unter Vermeidung jeglicher Nebeneinanderarbeit und im engsten Einvernehmen der beteiligten Stellen durchgeführt“[7] werden. Die Planungsarbeiten für die Verwaltung künftiger Kolonien waren im Juni 1940 bereits weitgehend abgeschlossen. Das schien auch notwendig, sah sich das nationalsozialistische Regime doch bereits nahezu im Besitz von Kolonien:

„Die heutige Lage erfordert einen schleunigen Abschluß dieser Vorarbeiten. Ich habe daher im Auftrage des Führers alle obersten Reichsbehörden zu ersuchen, dem Kolonialpolitischen Amt im Rahmen ihrer Zuständigkeit in großzügigster Weise alle Förderung zuteil werden zu lassen und nach Kräften daran mitzuwirken, daß die Vorbereitung für die Übernahme der Verwaltung in unseren künftigen Kolonien in kürzester Frist beendet werden kann.“[8]

Konkrete Vorbereitungen

Das KPA bestand nun aus zwei Dienstbereichen, den Ämtern des KPA/Partei im engeren Sinne (Schulung, Verwaltungsplanung, Wirtschaft und Wissenschaft) und den Ämtern mit staatlichen Sonderaufgaben, die die Grundstruktur des Reichskolonialministeriums bilden sollten (KPA/Staat). Die Zusammenarbeit der beiden Dienstbereiche vollzog sich unter der Leitung des Stabsleiters des KPA, Korvettenkapitän Richard Wenig, der seinen Dienstsitz in München hatte. Der Dienstbereich mit staatlichen Sonderaufgaben, der von Rudolf Asmis geleitet wurde, gliederte sich in Hauptabteilungen: I Politik, Verwaltung und Organisation, II Rechtswesen, Kultur, III Wirtschaft, IV Bau- und Verkehrswesen, V Kolonialpolizei, VI Presse und VII Wehrmacht. 1942 beschäftigte die Dienststelle insgesamt 209 hauptamtliche und 39 nebenamtliche Mitarbeiter.[9]

Wie Lammert, der Chef der Reichskanzlei, dem Reichsleiter des KPA Epp mitteilte, sollte dieser allerdings nicht die angestrebte Bezeichnung „Der Bevollmächtigte des Führers für koloniale Angelegenheiten“ führen dürfen.[10] Insgesamt ging der koloniale Optimismus jedoch bereits so weit, dass der Stellenplan des KPA mit der Begründung abgelehnt wurde, dass dessen Aufgaben bald entfielen. „Da nach menschlichem Ermessen der Krieg in absehbarer Zeit beendet sein wird und an den Frieden auch der Erwerb von Kolonien geknüpft ist“, rechnete man fest mit der Einrichtung eines Kolonialministeriums, das die Verwaltungsaufgaben übernehmen würde.[11] Da alle von Deutschland aus zu bearbeitenden Aufgaben zur Einrichtung der Kolonialverwaltung abgearbeitet und zum überwiegenden Teil gelöst waren, fühlte man sich schon ab Sommer 1941 für den „Einsatzbefehl auf kolonialem Gebiet“ gerüstet.[12] Die dennoch fortgesetzten Arbeiten zum Aufbau des künftigen Reichskolonialministeriums waren noch im Herbst 1942 im vollen Gange, regelmäßig beriet sich der „Ausschuss für die Organisation des Reichskolonialministeriums“ über die zukünftige Geschäftsverteilung.[13]

Baupläne und Kriegseinschränkungen

Als Gebäude für das künftige Reichskolonialministerium hatte Hitler den zentral gelegenen Neuen Marstall vorgesehen, der beschleunigt für die spätere Nutzung ausgebaut werden sollte - ein Vorhaben, bei dem alle in Frage kommenden Ministerien und Dienststellen aufgerufen wurden, das KPA großzügig zu unterstützen.[14] Der Marstall sollte allerdings nur als – wenngleich repräsentatives – Provisorium bis zum Bau eines völlig neuen Kolonialministeriums dienen. Bei seinem Umbau sollten sich die baulichen Maßnahmen nach Ansicht des Generalinspektors für die Neugestaltung der Reichshauptstadt, Albert Speer, in Grenzen halten. Abrisse benachbarter Gebäude und deren Neuaufbau lehnte er dabei strikt ab.[15]

Vom KPA wurde eine andere Auffassung vertreten. Dort forderte man unter Hinweis auf das alte Reichskolonialamt, das über 450 Büroräume verfügte, nun 500 bis 600 Arbeitsräume. Die Steigerung begründete man mit den vergleichsweise größeren Aufgaben, die nun zu erledigen seien: Die Führung und Kontrolle eines „großen hochentwickelten und komplizierten Kolonialreiches“. Die Errichtung des Neubaus würde drängen, man könne nicht vier bis fünf Jahre warten. Das künftige Kolonialministerium müsse in der Nähe des Auswärtigen Amts und der übrigen Reichsministerien liegen. Deshalb kämen nur die repräsentativen Hotels „Kaiserhof“ und „Esplanade“ in Frage, von denen eines erworben werden sollte.[16]

Sofort nach Kriegsbeginn setzten aber auch beim KPA, wie bei anderen Dienststellen, Einschränkungen der Tätigkeit ein. So sollten nur noch wehrdienstfreie Personen eingesetzt werden und diese auch nur in der Anzahl, die man zur Erledigung der anfallenden Verwaltungsarbeiten benötigte.[17] 1941 wies Hitler mit Blick auf den Krieg im Osten das KPA an, die Vorarbeiten für die künftige Kolonialverwaltung nicht weiter zu vertiefen, da ein Stand erreicht sei, der es ermögliche, jederzeit „eine systematisch geordnete und zielklar ausgerichtete Kolonialverwaltung“ zu installieren.[18] Angesichts dieser Lage hielt es das KPA für besser, die Dienststelle Berlin ganz zu schließen, wenn auch in der Sorge, dass dies als ein „endgültiger Verzicht auf zukünftige Kolonien“ und darüber hinaus als ein sicheres Anzeichen für die drohende Kriegsniederlage gedeutet werden und so „eine schwere Erschütterung der öffentlichen Meinung und des Widerstandswillens des Volkes herbeiführen“ könnte.[19]

Einstellung und Ende der NS-Kolonialpolitik

Durch Erlass vom 13. Januar 1943 wurde angeordnet, auch Männer und Frauen, deren Arbeitskraft bislang noch nicht oder noch nicht voll genutzt wurde, zur Arbeit zu verpflichten, um möglichst viele der wehrfähigen Männer zum Fronteinsatz schicken zu können. Dafür sollten alle nicht im Sinne dieses Auftrags liegenden Arbeiten eingestellt und, soweit möglich, auch die in Betracht kommenden Dienststellen stillgelegt werden. Dementsprechend sollte auch die Vorbereitung der künftigen Kolonialverwaltung ohne jede Ausnahme abgebrochen werden und für die Dauer des Kriegs ruhen.[20]

So einfach wollte sich der Reichsleiter des KPA Epp allerdings nicht mit der Stilllegung der kolonialpolitischen Arbeit zufrieden geben, vielmehr erwartete er vom Leiter der NSDAP-Parteikanzlei, Martin Bormann, dass dieser seine Bedenken Hitler direkt vortrage. Bormann, einer der schärfsten Kritiker einer Kolonialpolitik alten Stils, konterte jedoch: „Jede koloniale Tätigkeit ist heute gänzlich inaktuell!“[21] Erwartungsgemäß erschien einige Tage später im Reichsverfügungsblatt die Anordnung Bormanns, die sich auf den Erlass Hitlers vom 13. Januar 1943 berief: „Das Kolonialpolitische Amt und der Reichskolonialbund stellen ihre Tätigkeit sofort vollständig ein.“[22]

Angesichts dieses offiziell bestätigten Endes der deutschen Kolonialbewegung kam auch Epp nicht umhin, die Einstellung der Tätigkeit des KPA zu bestätigen. In deutlich defensiver Haltung forderte er vom Chef der Reichskanzlei lediglich den Erhalt eines persönlichen Mitarbeiterkreis in München und den Erhalt einiger Abteilungen der Dienststelle Berlin sowie die Fortführung der Bücherei und Kartenstelle der Dienststelle Berlin und die eigenhändige Verwaltung des Marstalls.[23] Nur acht Tage später jedoch musste das KPA offiziell die Einstellung seiner Arbeiten in einem Rundschreiben an die Reichsbehörden bekanntgeben.[24]

Kurz vor Kriegsende stimmte der Staatssekretär im Auswärtigen Amt der Vernichtung der Akten des KPA zu. Da man befürchtete, dass insbesondere die Akten mit den politischen Plänen und Vorschlägen sowie zur Rassengesetzgebung zukünftig belastendes Material darstellen könnte, sollten sie in der Auslagerungsstelle in Neutrebbin verbrannt werden.[25] Am 3. Februar 1945 wurde das Gebäude des Marstalls, in dem die Restverwaltung des KPA untergebracht war, bei einem Bombenangriff auf Berlin zerstört.[26]

Traditionslinie des deutschen Expansionismus

Die NS-Kolonialplanungen für Afrika setzten eine ältere Traditionslinie des deutschen Expansionismus fort, die schlagwortartig als „Fahrt über See“ oder auch als „Weltpolitik“ bezeichnet wurde. Diese Richtung stand schon immer in einem Spannungsverhältnis zum so genannten „Ritt gen Osten“ – „der Osten“ und „Afrika“ waren Konkurrenten sowohl als reale Expansionsziele wie als Phantasieräume der Deutschen.

Was sahen diese Planungen konkret vor? Die Bestrebungen konzentrierten sich zunächst auf die ehemaligen deutschen Kolonien, die zusammen mit dem als besonders wertvoll eingeschätzten Belgischen Kongo zu einem mittelafrikanischen Kolonialreich verbunden werden sollten. Es sollten nur wenige Deutsche in die Kolonien gehen und dort lediglich die weiße Führungsschicht bilden. Unter dem deutschen Kommando sollten afrikanische Arbeiter die Hauptlast bei der geplanten forcierten wirtschaftlichen Ausbeutung tragen. Dafür sollten sie in großem Umfang zur Lohnarbeit mobilisiert werden, ohne sich aus ihren sozialen Strukturen zu lösen und zu „Proletariern“ zu werden. Insgesamt sah dieses Modell eine zentral geplante gesamtgesellschaftliche Rationalisierung und eine modernisierte Wirtschaft vor. Gemildert allenfalls durch gewisse paternalistische Züge, strebten die NS-Kolonialplaner ein rigoroses Herrschafts- und Unterordnungsverhältnis an. Sie betrachteten die Kolonien – ganz in der Tradition der deutschen Kolonialpolitik vor dem Ersten Weltkrieg – als ein soziales Experimentierfeld, das frei von Eingrenzungen schien. Hier konnten rassitische Ausgrenzungsstrategien und Ausbeutungssysteme "ausprobiert" werden, die in Deutschland - aufgrund von Traditionen, rechtlichen Restriktionen, etc. - nicht ohne weiteres anzuwenden waren.[27]

Insgesamt orientierten sich die NS-Kolonialplaner an der realen deutschen Kolonialpolitik der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, nahmen aber auch die Kritik an der englischen und französischen Kolonialpolitik der Zwischenkriegszeit auf sowie die rassistischen Elemente der nationalsozialistischen Ideologie. Sie entwickelten ein komplexes und detailliertes Programm; ihre Planungen waren weit gediehen und umfassten die Regelung der künftigen Besoldung der Kolonialbeamten ebenso wie konkrete Stellenbesetzungspläne bis hinunter in das kleinste Dorf.[28] Prägender Zug der Planungen war ihr rassistischer Charakter, der sich nicht zuletzt in einer entsprechenden Gesetzgebung niederschlug.[29] Daneben trat das hierarchische Verhältnis zwischen „Mutterland“ und Kolonien, das unter anderem durch eine eigene „Kolonialwährung“ festgeschrieben werden sollte.[30] Neben diesen eher theoretischen Bemühungen gab es aber auch sehr praktische: Sie reichten von der Aufstellung eines Kolonialregiments durch die Wehrmacht bis zur Eröffnung einer Kolonialpolizeischule in Oranienburg.[31] Angesichts der Komplexität und Dichte der Planungen hat die ironische Bemerkung des Historikers Wolfe W. Schmokel immer noch ihre Berechtigung: „It may well be questioned whether at any in history a nonexistent empire had been so well administered! “[32]

Die nationalsozialistischen Kolonialplanungen waren Teil der Kriegsziel-, wie der „Neuordnungs“- und Nachkriegsplanungen. Sie waren Ausdruck für das Streben eines Teils der deutschen Eliten nach „Weltgeltung“, für den zweiten „Griff nach der Weltmacht“ (Fritz Fischer). Dabei knüpften sie an die traditionellen Expansionsbestrebungen aus der Zeit vor und während des Ersten Weltkriegs an. Die Kolonialplanungen zeigen somit die Kontinuität eines Teils der deutschen Eliten – nicht nur in personeller Hinsicht, sondern vor allem in ihren Auffassungen. Sie enthüllen ihren globalen Machtanspruch und ihr Selbstverständnis, das auf der vermeintlichen Überlegenheit Deutschlands gegenüber allen anderen Mächten basierte. Sichtbar wird dabei eine Mentalität, die ältere Gedankentraditionen bedenkenlos mit der NS-Ideologie und -Politik verknüpfte, um die „koloniale Option“ neu formulieren zu können.

Im Nachhinein betrachtet mögen die nationalsozialistischen Kolonialplanungen und eben auch die Planungen für ein künftiges Reichskolonialministerium etwas bizarr anmuten. Manche Historiker halten sie denn auch – vor allem angesichts des alles überschattenden Holocaust und des Vernichtungskriegs im Osten – lediglich für Sandkastenspiele unterbeschäftigter Beamter.[33] Das waren sie jedoch keineswegs. Sie spiegeln eine Traditionslinie des deutschen Expansionismus wider, die unter dem Nationalsozialismus neuen Schwung bekam. Die auf Afrika zielenden Planungen wurden, trotz Hitlers zweifellos vorhandener grundsätzlicher Orientierung auf den Osten, lange Zeit nicht nur toleriert, sondern sogar explizit gefördert. Sie waren ernst gemeint und man sollte sie entsprechend ernst nehmen.[34]

 

"Afrika im Visier von Berlin und Rom"Afrika im Visier von Berlin und Rom: Obwohl die NS-Führung eine Kolonisierung des Ostens klar favorisierte, geriet Afrika beim "Griff nach der Weltherrschaft" bis 1943 nicht aus dem Blickfeld der Deutschen. (Abb.: Kolonie und Heimat 1941, S. 247)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Vgl. Karsten Linne, Deutschland jenseits des Äquators? Die NS-Kolonialplanungen für Afrika, Berlin 2008, S. 21ff.; Harald Sippel, Kolonialverwaltung ohne Kolonien – Das Kolonialpolitische Amt der NSDAP und das geplante Reichskolonialministerium, in: Ulrich van der Heyden/Joachim Zeller (Hg.), Kolonialmetropole Berlin. Eine Spurensuche, Berlin 2002, S. 256-261.

[2] Vgl. Verordnungsblatt der Reichsleitung der NSDAP, 2. Jg., Folge 71, Mitte Mai 1934, zit. nach: Bundesarchiv Berlin (BAB), NS 6, Nr. 216, Bl. 78.

[3] Vgl. Katja-Maria Wächter, Die Macht der Ohnmacht. Leben und Politik des Franz Xaver Ritter von Epp (1868-1946), Frankfurt a.M. 1999, S. 203ff.

[4] Vgl. Geheimer Tätigkeitsbericht des KPA, abgeschlossen am 1.7.1941, in: BAB, NSD 20, Nr. 8; Geheimer Tätigkeitsbericht des KPA vom 1.7.1942, in: ebd., NS 26, Nr. 266.

[5] Vgl. Denkschrift „Entstehung und derzeitige Organisation des Kolonialpolitischen Amtes“, von Geheimrat Banke, vom 6.6.1940, in: ebd., R 2, Nr. 4971, Bl. 10-17; Verfügung über die Dienststelle Berlin des KPA, von Epp, vom 27.9.1939, in: ebd., R 1501, Nr. 27190, Bl. 151.

[6] Vgl. Aktenvermerk aus dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, von Ministerialrat Berndt für Reichsminister Goebbels, vom 25.8.1936, in: ebd., R 55, Nr. 20043, Bl. 1-10; Denkschrift „Entstehung und derzeitige Organisation des Kolonialpolitischen Amtes“, von Geheimrat Banke, vom 6.6.1940, in: ebd., R 2, Nr. 4971, Bl. 10-17; Geheimer Tätigkeitsbericht des KPA, abgeschlossen am 1.7.1941, in: ebd., NSD 20, Nr. 8 (Zitat ebd.).

[7] Vgl. Schreiben von Lammers, Chef der Reichskanzlei, an Epp, vom 9.3.1939, in: ebd., NS 22, Nr. 381 (Zitat ebd.).

[8] Schreiben des Reichsministers und Chef der Reichskanzlei, Lammers, an die obersten Reichsbehörden, vom 15.6.1940, in: ebd., R 2, Nr. 4965, Bl. 2.

[9] Vgl. Organisationsplan des KPA, Stand Juli 1941, in: ebd., R 2301, Nr. 7204, Bl. 7-9; Geheimer Tätigkeitsbericht des KPA vom 1.7.1942, in: ebd., NS 26, Nr. 266.

[10] Vgl. Abschrift eines Schreibens des Reichsministers und Chefs der Reichskanzlei, Lammers, an den Reichsleiter des KPA, Ritter von Epp, vom 9.10.1940, in: ebd., R 2, Nr. 4969, Bl. 19-20, hier Bl. 19.

[11] Notiz für Pg. Walter, Parteikanzlei, vom 10.3.1941, in: ebd., NS 22, Nr. 306.

[12] Vgl. Geheimer Tätigkeitsbericht des Kolonialpolitischen Amtes der NSDAP, abgeschlossen am 1.7.1941, in: ebd., NSD 20, Nr. 8.

[13] Niederschrift über die Sitzung des Ausschusses für die Organisation des Reichskolonialministeriums am 15.9.1942, in: ebd., NS 52, Nr. 84, Bl. 22-25.

[14] Vgl. Rundschreiben des Reichsministers und Chefs der Reichskanzlei, Lammers, vom 28.3.1941, in: ebd., R 43, Nr. 4101, Bl. 58.

[15] Vgl. Durchschrift eines Schreibens des Generalinspektors für die Reichshauptstadt Berlin, Speer, an den Staatsminister Popitz, vom 18.5.1941, in: ebd., R 4606, Nr. 2091.

[16] Vgl. Schreiben des KPA, Amt Planung, an den Generalinspektor für die Neugestaltung der Reichshauptstadt Berlin, Speer, vom 29.6.1940, in: ebd. (Zitat ebd.).

[17] Vgl. Anordnung 170/39 des Stellvertreters des Führers vom 15.9.1939, in: ebd., NS 6, Nr. 329, Bl. 34-36.

[18] Vgl. Schreiben des Reichsministers und Chefs der Reichskanzlei, Lammers, an den Reichsleiter des KPA, von Epp, vom 8.10.1941, in: ebd., R 43 II, Nr. 1293, Bl. 67-69 (Zitat Bl. 68).

[19] Vgl. Schreiben des Leiters der KPA-Dienststelle Berlin, Asmis, an die Reichskanzlei, Reichskabinettsrat von Stutterheim, vom 26.1.1942, in: ebd., Nr. 707, Bl. 8-9 (Zitat Bl. 9).

[20] Vgl Schreiben des Reichsministers und Chefs der Reichskanzlei, Lammers, an den Reichsleiter des KPA, von Epp, vom 24.1.1943, in: ebd., Nr. 706, Bl. 44-45.

[21] Vgl. Abschrift eines Schreibens des Leiters der Partei-Kanzlei, Bormann, an den Reichsminister Lammers, vom 10.2.1943, in: ebd., R 43, Nr. 3598, Bl. 25 (Zitat ebd.).

[22] Anordnung A 9/43, in: Reichsverfügungsblatt, Nr. 11/43, 24.2.1943, S. 31, zit. nach: ebd., NS 6, Nr. 822, Bl. 30.

[23] Vgl. Schreiben des Reichsleiters Epp an den Reichsminister und Chef der Reichskanzlei. Lammers, vom 8.3.1943, in: ebd., R 43, Nr. 3598, Bl. 27-28.

[24] Vgl. Rundschreiben des KPA, Epp, an die Reichsbehörden, vom 16.3.1943, in: , in: ebd., R 1501, Nr. 27191, Bl. 108.

[25] Vgl. Aktennotiz von Rudolf Asmis, vom 1.2.1945, in: Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Nachlass Asmis, Nr. Paket 3, I/10.

[26] Vgl. Aktennotiz aus dem Rechnungshof des Deutschen Reiches, Amtsrat Krebs, vom 16.2.1945, in: BAB, R 2301, Nr. 7206, Bl. 5.

[27] Vgl. insgesamt zu den Planungen: Linne, Deutschland.

[28] Vgl. Abschrift eines Schreibens des Reichsministers der Finanzen an das Oberkommando der Wehrmacht vom 29.5.1942 (im Anhang „Vorläufiger Entwurf Kolonialbesoldungsgesetz“), in: Staatsarchiv Nürnberg, Rep. 502, KV-Anklage, Abt. J 23; Unterlagen für die künftige Stellenbesetzung – vergleichende Darstellung – von Deutsch-Ostafrika – Englisches und Belgisches Mandatsgebiet, in: BAB, NS 52, Nr. 47, Bl. 17-31.

[29] Vgl. z.B. Entwurf des Kolonialblutschutzgesetzes vom 7.10.1940, in: ebd., R 1501, Nr. 27191, unpag.

[30] Vgl. z.B. Denkschrift der Volkswirtschaftlichen Abteilung der Deutschen Reichsbank „Zur Frage der Währungsregelung in den Kolonialgebieten“ vom 17.6.1940, in: ebd., R 2501, Nr. 6839, Bl. 356-366.

[31] Vgl. Generaloberst Halder, Kriegstagebuch. Tägliche Aufzeichnungen des Chefs des Generalstabes des Heeres 1939-1942, Bd. 2, Bearb. Hans-Adolf Jacobsen, Stuttgart 1963, S. 11; Ansprache des Chefs der Ordnungspolizei, Daluege anlässlich der Eröffnung der Kolonial-Polizeischule in Oranienburg am 28.4.1941, in: BAB, R 19, Nr. 382, unpag.

[32] Wolfe W. Schmokel, Dream of Empire: German Colonialism, 1919-1945, New Haven/London 1964, S. 160.

[33] So die vor allem in der älteren Literatur vertretene Auffassung. Vgl. z.B. Andreas Hillgruber, Hitlers Strategie. Politik und Kriegführung 1940-1941, Frankfurt a.M. 1965, S. 248f.; Klaus Hildebrand, Vom Reich zum Weltreich. Hitler, NSDAP und koloniale Frage 1919-1945, München 1969, S. 701f.

[34] Vgl. z.B. Alexandre Kum´a Ndumbe III., Was wollte Hitler in Afrika? NS-Planungen für eine faschistische Neugestaltung Afrikas, Frankfurt a.M. 1993; Linne, Deutschland.