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Die Geburtsstunde des deutschen Kolonialrevisionismus: Lettow-Vorbecks Marsch durch das Brandenburger Tor

Uwe Schulte-Varendorff

 

Am Nachmittag des 2. März 1919 erlebte Berlin ein Schauspiel der besonderen Art. In einem Triumphmarsch zogen 116 Soldaten der aus „Deutsch-Ostafrika“ heimgekehrten kolonialen „Schutztruppe“ vom Lehrter Bahnhof durch das Brandenburger Tor auf den Pariser Platz. An ihrer Spitze ritten der letzte Gouverneur der Kolonie, Heinrich Schnee, der Kapitän zur See Max Looff (Kommandant des in „Deutsch-Ostafrika“ versenkten Kreuzers „S.M.S. Königsberg“) und der gefeierte „Held des Tages“, Generalmajor Paul von Lettow-Vorbeck. Diese Ehrung wurde ihnen zuteil, weil sie sich in Ostafrika über die gesamte Dauer des 1. Weltkrieges hinweg gegen eine große Übermacht alliierter Truppen behauptet hatten und so als „im Felde unbesiegt“ galten.

Einmarsch Lettow-Vorbecks durch das Brandenburger Tor General Paul von Lettow-Vorbeck zieht an der Spitze seiner „unbesiegten“ ostafrikanischen „Schutztruppe“ im Triumphzug in Berlin ein. Auf dem weißen Pferd grüßt Kapitän zur See Max Looff, der ehemalige Kommandant des Kreuzers „S. M. S. Königsberg“, in die Menge. Berlin, 2. März 1919. (Foto aus: Aus: Paul von Lettow-Vorbeck: Mein Leben, hg. von Ursula von Lettow-Vorbeck, Biberach an der Riß 1957, S. 177)

 

Afrika als Schlachtfeld der Europäer

Dieser „Erfolg“ war nur möglich gewesen, weil Kommandeur Lettow-Vorbeck sowohl die Direktiven aus Berlin als auch die Befehle des Gouverneurs zum Ausharren im Landesinneren ignorierte. Von Anfang an führte Lettow-Vorbeck einen Krieg nach seiner eigenen Auffassung. Dabei gelang es ihm immer wieder, den Vormarsch der alliierten Truppen aufzuhalten und sich mit dem Gros der „Schutztruppe“ dem Zugriff des Gegners zu entziehen. Den Preis für diese Durchhaltestrategie hatten jedoch vor allem die Kolonialisierten zu zahlen.

Auf Befehl Lettow-Vorbecks wurde das Land rücksichtslos ausgeplündert, wobei die Belange und Bedürfnisse der afrikanischen Bevölkerung keine Rolle spielten. Träger und Askaris (die afrikanischen Soldaten der „Schutztruppe“) wurden zwangsrekrutiert und jeglicher Widerstand mit brutalsten Methoden und mit Terror gebrochen. Der „Erfolg“ dieser Kriegsführung war, dass sich Lettow-Vorbeck mit den letzten Resten seiner Truppe erst am 25. November 1918, also nach dem Waffenstillstand in Europa, ergeben musste. Sein selbstgestecktes Ziel, die Bindung von Kräften der Alliierten zur Entlastung der deutschen Truppen in Europa, hatte er allerdings eindeutig verfehlt, denn deren Zahl war viel zu unbedeutend und darüber hinaus waren die gegen ihn eingesetzten Soldaten für den Einsatz in Europa gar nicht vorgesehen.

Lettow-Vorbecks Kleinkrieg fielen bis zu 700 000 ostafrikanische Männer, Frauen und Kinder zum Opfer, weite Teile des Landes wurden zerstört. Der britische Historiker John Illiffe bewertete die Kriegsführung Lettow-Vorbecks folgendermaßen:

Für Lettow-Vorbeck spielten die Interessen Ostafrikas keine Rolle. […] Lettow-Vorbeck kämpfte einen Guerillakrieg, den er mit den höchsten militärischen Fähigkeiten führte, der aber gleichzeitig ein Feldzug äußerster Skrupellosigkeit war, in dem eine kleine, schwerbewaffnete Streitmacht ihren Nachschub von Zivilisten erpresste, für die sie keine Verantwortung empfand. Lettow-Vorbecks brillanter Feldzug war der Höhepunkt der Ausbeutung Afrikas: seine Verwendung als reines Schlachtfeld.[1]

Das Versprechen von „Ruhe und Ordnung“

Davon aber wollte man in Deutschland nichts wissen, das Leben einer Afrikanerin bzw. eines Afrikaners galt ohnehin nicht viel. Lieber feierte man in der Reichshauptstadt „deutsche Helden“. Den Triumphzug durch das Brandenburger Tor stilisierte Lettow-Vorbeck in seiner Autobiographie zum in der Stadt ersehnten Einzug von „Ruhe und Ordnung“. Aus seiner Ablehnung der Revolution und den neuen politischen Verhältnissen machte er dabei keinen Hehl:

Es war ein großer Empfang, und dann ging es mit Musik und Spielleuten, in straffer, soldatischer Haltung durchs Brandenburger Tor auf den Pariser Platz. Berlin hatte andere Bilder gesehen: disziplinlose Truppen mit abgerissenen Kokarden, kreischende Weiber, die mit Blumen überschüttet auf den Kanonen saßen. […] Seit langem war das Berliner Bürgertum zum erstenmal in Massen auf die Straßen gekommen. […] Es war wie ein Erwachen aus der Betäubung.“[2]

Am Pariser Platz, der mit den schwarz-weiß-roten Flaggen des zerfallenen Kaiserreichs geschmückt war, wurde die Truppe unter anderem durch den Reichskolonialminister Johannes Bell, den preußischen Kriegsminister Oberst Walther Reinhardt und den stellvertretenden Berliner Bürgermeister Georg Reicke sowie von Abordnungen der Berliner Kolonialkriegervereine, der Deutschen Kolonialgesellschaft, des Deutschnationalen Jugendbundes und Tausenden von Berliner Bürgern erwartet. Keinesfalls waren es aber „Hunderttausende“, die auf dem kurzen Weg vom Lehrter Bahnhof Spalier standen, wie Lettow-Vorbeck später in maßloser Übertreibung behauptete.[3] Dies lässt sich bei genauer Betrachtung der historischen Aufnahmen deutlich erkennen.

In seiner Ansprache charakterisierte Reinhardt den Kommandeur als „Tapfersten der Tapferen“, der „unbezwungen“ geblieben sei und „Heldentat an Heldentat“ gereiht habe. In einer kurzen Rede vor der Menge entgegnete Lettow-Vorbeck: „Im Namen meiner Kameraden kann ich die Versicherung abgeben: Sie werden sich auf uns verlassen können. […] Das deutsche Vaterland, hurra!“[4] Dieses Versprechen, dass in erster Linie an die Militärs und kolonialen Kreise, aber auch an die national-monarchistischen Zuhörer gerichtet war, sollte eine Leitlinie in seinem folgenden Handeln werden.

Nach Beendigung der Kundgebung meldete sich Lettow-Vorbeck unverzüglich beim sozialdemokratischen Reichswehrminister Gustav Noske und stellte sich „unbedingt hinter die Regierung, um dafür Sorge tragen zu helfen, daß endlich unserem gequälten Land Ruhe und Ordnung beschert werde“, wofür ihm dieser „in bewegten Worten“ gedankt habe.[5] Angesichts seiner Ablehnung der neuen politischen Ordnung mag dies zunächst verwundern, doch eine SPD-geführte Regierung schien das kleinere Übel zu sein, wenn es um die Bekämpfung des Kommunismus ging und es lockte eine nahtlose Fortsetzung der Karriere in der neu entstehenden Reichswehr:

Ich sagte ihm [Noske, d. V.] offen, dass dies nicht ein Aufgeben meiner bisherigen Auffassung und ein Hinneigen zur Sozialdemokratie bedeutete. Aber ich hielt es in dieser Notzeit für meine Pflicht alle Bedenken zurückzustellen und gemeinsam Spartakus zu bekämpfen und Ordnung zu schaffen.[6]

Die Legende vom „Dolchstoß“

Die anschließenden Tage waren angefüllt mit zahlreichen weiteren Festveranstaltungen und Ehrungen zu Gunsten Lettow-Vorbecks und seiner Soldaten. Dazu zählten beispielsweise ein Empfang der kolonialen Vereinigungen vor etwa 5000 Anwesenden im „Konzerthaus Clou“, eine Sondervorstellung des „Freischütz“ im Opernhaus und ein Bankett im Saal des Zoologischen Gartens. Der Triumphmarsch und die folgenden Festlichkeiten waren Teile einer groß angelegten Inszenierungskampagne der kolonialen, militaristischen und national-monarchistischen Kreise, Vereinigungen, Verbände etc.

In deren Presse war besonders der Zug durch das Brandenburger Tor euphorisch angekündigt und gefeiert worden. Das Tor war eines der bedeutendsten Symbole des deutschen Militarismus und nur wirklich oder vermeintlich siegreichen Truppen war bisher ein Durchmarsch gewährt worden, so geschehen 1814, 1871 und zu Beginn und am Ende des Ersten Weltkrieges. Die „Deutsche Tageszeitung“, ein Blatt deutsch-nationaler Couleur, hatte am 1. März 1919 über Lettow-Vorbeck geschrieben:

Er war fern vom schädigenden Einfluss eines vom Parteihader zerrissenen, durch revolutionäre Umtriebe geschwächten Hinterlandes, das die Widerstandskraft unserer Fronten im Westen brach und das in Schlachten unbesiegte deutsche Heer in ordnungslosem Rückzuge zurückfluten ließ.[7]

Noch unmissverständlicher äußerte sich die monarchistische Zeitung „Die Post“:

Der Märzwind läßt die Fahnen flattern, die alten lieben Fahnen schwarz-weiß-rot; kein roter Fetzen wagt sich hervor. […] Berlins zweiter Bürgermeister Reicke sagte: ‚Ihr, die Ihr über`s Meer zu uns herübergekommen seid, bedeutet unsere letzte Hoffnung. Ihr seid Männer, helft uns, bewahrt uns vor dem Fürchterlichen, das jenes Ungeheuer russischen Ursprungs, das bald als Hyäne, bald als Blutsäufer dargestellt wird, zu vollbringen sich anschickt.‘ Kein Sozi sprach, und das war gut. […] Nicht die ‚Internationale‘ wurde gesungen, sondern entblößten Hauptes ‚Deutschland, Deutschland über alles‘.[8]

Aus diesen Einlassungen lässt sich unzweideutig eine der beiden Hauptfunktionen erkennen, zu deren Zweck der Einzug der „Schutztruppe“ inszeniert worden war und deren Protagonist Lettow-Vorbeck werden sollte. Er, der vorgeblich unbesiegte „Held“ von Deutsch-Ostafrika, galt fortan als lebender Beweis für die Legende vom „Dolchstoß“ der revolutionären Kräfte in den Rücken des ungeschlagenen Heeres. Der militärisch organisierte und disziplinierte Marsch der Lettow-Truppe durch das Brandenburger Tor ist als erste wirkliche, öffentliche Inszenierung dieser Legende anzusehen – auch wenn der sozialdemokratische Reichspräsident Friedrich Ebert die ersten nach Berlin heimkehrenden und durch das Brandenburger Tor marschierenden Truppen schon zuvor mit dem Satz „Kein Feind hat Euch überwunden!“ begrüßt und damit öffentlich der „Dolchstoß-Legende“ Vorschub geleistet hatte.[9]

Ausrangiert: Streik der Berliner Arbeiter

Lettow-Vorbeck und seine Soldaten wurden zu Galionsfiguren im Kampf gegen die Revolution aufgebaut und damit sollte ein deutliches Signal nach innen gesetzt werden. Dies hatte „Die Freiheit“, das Organ der Berliner USPD, völlig richtig erkannt, denn in dem Trubel um Lettow-Vorbeck sah sie eine „Stimmungsmache“ mit der Absicht: „Nicht Hindenburg, sondern Lettow-Vorbeck soll an die Spitze der militärischen Konterrevolution treten!“[10]

Bemerkenswerterweise lassen sich weder in „Die Freiheit“ noch in dem Kampfblatt der KPD „Die rote Fahne“, geschweige denn im sozialdemokratischen „Vorwärts“ weitere kritische Artikel zum Einzug der „Schutztruppe“ in Berlin finden. Dies hatte seine Ursache sicherlich darin, dass die Berliner Arbeiter- und Soldatenräte am 3. März 1919 den Generalstreik ausriefen, was sofort zu Kämpfen mit Regierungstruppen führte. Nach der Verhängung des Belagerungszustandes durch Noske und durch den massiven Einsatz von weiteren Regierungstruppen und Freikorps, die mit Artillerie, Panzern und Flugzeugen vorgingen, kam es zu schweren Gefechten und die Gewalt eskalierte.

Dabei taten sich besonders rechtsextreme Freikorpsverbände durch Exzesse hervor. In den zehntägigen Kämpfen in der Reichshauptstadt wurden mehr als 1200 Menschen getötet. In dieser politischen Ausnahmesituation war der inszenierte „Heldenmarsch“ der ostafrikanischen „Schutztruppe“ für die linksorientierte Presse nur von nachrangiger Bedeutung. Was die revolutionären Arbeiter selbst von dem Spektakel um die Kolonialkrieger hielten, hatte sich schon auf der Fahrt des Sonderzuges nach Berlin gezeigt. Das Lokpersonal fuhr den Zug auf ein totes Gleis auf dem Rangierbahnhof Dalchow-Döberitz und verließ die Lokomotive, so dass sich die Ankunft am Lehrter Bahnhof um Stunden verzögerte.[11]

Kolonialrevisionismus und „Kolonialschuldlüge“

Die Parade durch das Brandenburger Tor hatte neben der Versinnbildlichung der „Dolchstoß-Legende“ aber noch eine mindestens ebenso wichtige Funktion: Es war die öffentliche Geburtsstunde des deutschen Kolonialrevisionismus. Es wurde behauptet, dass Lettow-Vorbeck und seine Soldaten den Alliierten hätten trotzen können, weil sie sich auf die „Treue der Askaris“ und die Loyalität der afrikanischen Bevölkerung hätten verlassen und stützen können. In diesem Sinne wurde - wider besseren Wissens - Kolonialpropaganda betrieben. Dabei war auch damals schon bekannt, dass die Askaris zu Tausenden desertiert waren und die Zivilbevölkerung den deutschen Forderungen, wo sie nur konnte, aktiven und passiven Widerstand entgegensetzte, der mit brutalsten Mitteln gebrochen wurde. Dies wurde aber völlig ignoriert, denn nun sollte ein demonstratives Zeichen nach außen gesetzt werden, präziser gesagt: Die Botschaft war an die Siegermächte des Ersten Weltkriegs gerichtet.

Denn in den zeitgleich stattfindenden Verhandlungen zum Versailler Vertrag war dem Deutschen Reich der Verlust der Kolonien avisiert worden. Der Vorwurf der Alliierten lautete, dass die Deutschen unfähig seien zu kolonisieren und die Einwohner ihrer Kolonien brutal unterdrückt und unmenschlich behandelt hätten. Dem wurde nun die Legende der „treuen“ Afrikanerinnen und Afrikaner entgegengesetzt, die sicherlich nicht an der Seite der Deutschen geblieben wären, wenn sie so grausam, wie vorgeworfen, behandelt worden wären. Dahingehend argumentierte beispielsweise die in Berlin von der Deutschen Kolonialgesellschaft herausgegebene „Deutsche Kolonialzeitung“ - und nahm damit die These Heinrich Schnees von der „Kolonialschuldlüge“ vorweg. „Die heldenhafte Verteidigung der größten deutschen Kolonien Kamerun und Deutsch-Ostafrika“, hieß es im Blatt, „wäre nicht möglich gewesen ohne die treue Hilfe der Eingeborenen; ein glänzender Beweis dafür, daß Deutschland seine farbigen Völkerschaften gerecht behandelte.“[12] Flankiert wurde die kolonialrevisionistische Propaganda durch einen offiziellen „Protest der Nationalversammlung gegen den Kolonialraub“.[13]

Die deutschen Proteste und propagandistischen Inszenierungen blieben ergebnislos. In Artikel 119 des Versailler Vertrages wurde der Verzicht Deutschlands auf seine gesamten überseeischen Besitzungen festgeschrieben. Diese wurden - nominell als Mandatsgebiete, de facto aber als neuer Kolonialbesitz - unter den Siegermächten aufgeteilt. Deutschlands erster und letzter Kolonialminister Johannes Bell musste wohl oder übel am 28. Juni 1919 den Vertrag von Versailles mitunterzeichnen und damit das Ende des deutschen Kolonialreiches besiegeln. Nichtsdestotrotz hielten die mit dem Einzug von Lettow-Vorbecks „Schutztruppe“ eingeläuteten Bestrebungen des Kolonialrevisionismus bis in die 1940er Jahre hinein an.

Mit der Rücksichtslosigkeit eines Kolonialoffiziers

Nach den „Feierlichkeiten“ Anfang März 1919 erhielt Lettow-Vorbeck von Reichswehrminister Noske den Befehl, eine Freiwilligendivision aufzustellen, die später in die entstehende Reichswehr überführt werden sollte. Er selbst hatte damit gerechnet, in das Baltikum beordert zu werden, um dort als Freikorpskommandeur an den Kämpfen gegen die Rote Armee teilnehmen zu können. Seiner Freiwilligendivision gehörten unter anderem auch die berüchtigten Marinebrigaden Ehrhardt und Loewenfeldt an. Teile der Division, darunter die Brigade Ehrhardt, nahmen Ende April/Anfang Mai 1919 unter dem Kommando von Generalleutnant Burghard von Oven an der blutigen Vernichtung der „Münchener Räterepublik“ teil. Auch auf Lettow-Vorbeck wartete bereits ein neues Kommando.

Werbeplakat des Freikorps Lettow-Vorbeck Werbeplakat mit der Aufforderung, der Freiwilligen-Division Lettow-Vorbeck, mit deren Aufstellung General von Lettow-Vorbeck beauftragt war, beizutreten. Berlin, Frühjahr 1919. (Foto aus: Rolf Spilker; Bernd Ulrich (Hg.): Der Tod als Maschinist. Der industrialisierte Krieg 1914-1918, Bramsche 1998, S. 333; Originalquelle: StA Bremen: 9, P FB 735-227)

Im Frühjahr 1919 kam es in Hamburg zu Hungerunruhen, die im Juni kurzzeitig zu gewalttätigen Auseinandersetzungen eskalierten. Noske, der ein Exempel statuieren wollte, beauftragte den Afrikageneral, der für ihn der rechte Mann für diese Aufgabe zu sein schien, mit einem nach ihm benannten Korps mit der Niederschlagung der Unruhen. Obwohl sich die Wogen schon wieder weitestgehend geglättet hatten, ließ Lettow-Vorbeck seine Truppen, zu denen auch Freikorpsverbände gehörten, mit äußerster Härte vorgehen und übte für zwei Monate eine militärische Willkürherrschaft in der Hansestadt aus.

Sein Vorgehen charakterisierte er in seinen Erinnerungen unverhohlen mit den bezeichnenden Worten: „Gottlob ging mir als Afrikaner der Ruf von Rücksichtslosigkeit voraus.“[14] Schenkt man Lettow-Vorbeck Glauben, verbreitete also allein schon sein Name Angst und Schrecken - offenbar war man sich in Deutschland also durchaus im Klaren über die besonders brutale Kriegsführung europäischer Kolonialoffiziere in Afrika und befürchtete nun, dass diese Methoden auch hier angewendet werden könnten. Lettow-Vorbeck hingegen behauptete nach seinem Einmarsch in Hamburg: „Die Ordnung wurde fast ohne Gewaltmaßnahmen hergestellt“, was für eine „menschliche Erledigung der schwierigen Aufgabe“ gesorgt habe.[15] Doch hierbei handelt es sich um die zynische Verharmlosung eines Einsatzes, der durch eine außergewöhnliche Härte und Brutalität charakterisiert war.

Hochverräter, Revisionist und Hitlers General

Dies sollte sich bald erneut zeigen. Im September 1919 war Lettow-Vorbeck mit der Führung der Reichswehrbrigade 9 in Mecklenburg beauftragt worden. In dieser Funktion war er vom 13. bis 17. März 1920 maßgeblich am rechtsgerichteten Kapp-Lüttwitz-Putsch gegen die Weimarer Regierung beteiligt. Dabei stellte er sich uneingeschränkt auf die Seite der Putschisten und ließ seine Soldaten rücksichtslos gegen Personen vorgehen, die sich dem Umsturzversuch entgegenstellten. Bezeichnenderweise rief er das Freikorps Roßbach zu Hilfe, das wegen seines brutalen Vorgehens schon im Baltikum traurige Berühmtheit erlangt hatte: „Dann nehmen Sie an Kräften“, telegrafierte er dem Kommandeur, „was Sie kriegen können, und kommen Sie her. Hier ist die rote Hölle los.“[16]

Kapp-Lüttwitz-Putschisten am Brandenburger Tor Die Spitze der Truppen der Putschisten Kapp und Lüttwitz ist mit der alten Reichskriegsflagge unter reger Beachtung der Bevölkerung auf dem Pariser Platz aufmarschiert. Berlin, 13. März 1920. (Foto aus: Hans Roden (Hg.): Deutsche Soldaten. Vom Frontheer und Freikorps über die Reichswehr zur neuen Wehrmacht, Leipzig 1935, S. 125)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Folge ging besonders diese Truppe mittels standrechtlicher Erschießungen und Misshandlungen mit äußerster Härte gegen die Zivilbevölkerung vor. Dabei hatte Lettow-Vorbeck bereits in Bezug auf seinen Einsatz in Hamburg betont: „Der Gedanke, eventuell auf Deutsche schießen lassen zu müssen, war mir äußerst unsympathisch.“[17] Wenn es sich aber um Deutsche handelte, die sich ihm entgegenstellten, oder die vermeintliche oder wirkliche Kommunisten waren, wurden diese Bedenken schnell abgelegt. Darüber hinaus lässt sich aus dieser Aussage auch ganz konkret der Umkehrschluss ziehen, dass es ihm weitaus weniger ausmachte, etwa auf Afrikanerinnen und Afrikaner schießen zu lassen. Das es nach dem Scheitern des Putschversuches zu keiner Anklage Lettow-Vorbecks wegen Hochverrats kam, lag ausschließlich an einem Amnestiegesetz. Schließlich wurde er aus der Reichswehr entlassen, wobei ihm vermutlich sein militärischer„Ruhm“ in bestimmten Kreisen sogar noch zur Gewährung einer Pension verhalf.

Rechtsextremes Massaker am Brandenburger Tor Beim Abzug der Truppen der Putschisten Kapp und Lüttwitz kommt es am Brandenburger Tor zu einem Feuergefecht, bei dem 12 Menschen getötet werden. In der Bildmitte feuert ein Panzerwagen der Kapp-Truppen in die Menge. Berlin, 18. März 1920 (Foto aus: Hans Roden (Hg.): Deutsche Soldaten. Vom Frontheer und Freikorps über die Reichswehr zur neuen Wehrmacht, Leipzig 1935, S. 127)


Die Verbindungen Lettow-Vorbecks zu rechtsextremen Freikorpsbefehlshabern und Freikorps waren durchaus nicht untypisch für ehemalige Kolonialoffiziere. Eine ganze Reihe von ihnen wurde sogar selbst als Freikorpsführer oder –soldaten aktiv. Zu nennen wären beispielsweise:

  • Franz von Epp (China und Deutsch-Südwestafrika – Freikorps Epp)
  • Georg Maercker (Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Südwestafrika – Freikorps Maercker)[18]
  • Josef Bischoff (Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Südwestafrika – Kommandeur der „Eisernen Division“)
  • Franz von Stephani (Kamerun – Regiment Potsdam)
  • Walter Caspari (China - Freikorps Caspari)
  • Hermann Ehrhardt (als Marineoffizier während des Vernichtungskrieges gegen die Herero in Deutsch-Südwestafrika – Brigade Ehrhardt)
  • Wilhelm Faupel (China und Deutsch-Südwestafrika – Freikorps Görlitz)
  • Alexander Lion, einer der Gründer der deutschen Pfadfinderbewegung (Deutsch-Südwestafrika – im Freikorps Epp)

Am weiteren Lebensweg Lettow-Vorbecks kann kaum überraschen, dass er als Mitglied von republikfeindlichen Organisationen wie dem „Stahlhelm“, oder der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) auftauchte. Er avancierte zu der Symbolfigur des deutschen Kolonialrevisionismus, die sich - zumindest in dieser Hinsicht – voll und ganz in den Dienst des NS-Regimes stellte.

 

 


 

 

[1] John Illiffe: A Modern History of Tanganyika, Cambridge u.a. 1979, S. 241.

[2] Paul von Lettow-Vorbeck: Mein Leben, hg. von Ursula von Lettow-Vorbeck, Biberach an der Riss 1957, S. 172f.

[3] Paul von Lettow-Vorbeck: Heia Safari. Deutschlands Kampf in Ostafrika, Leipzig 1920, S. 281.

[4] Deutsche Kriegszeitung. Illustrierte Wochen-Ausgabe, hg. vom Berliner Lokal-Anzeiger, vom 30. März 1919.

[5] Verhandlungen der Verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung, Bd. 327, S. 853, 30. Sitzung, 27. März 1919.

[6] Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg (BA-MA), Nachlass Lettow-Vorbeck, N 101/24, Lebenserinnerungen, S. 268.

[7] Deutsche Tageszeitung, vom 1. März 1919

[8] Die Post, vom 3. März 1919.

[9] Zitiert nach: Heinrich August Winkler: Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918 bis 1924, 2. Aufl., Berlin/Bonn 1985, S. 100.

[10] Die Freiheit, vom 3. März 1919.

[11] Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (BAB), R 1001/886, Bl. 80, Beschwerde des Deutschen Frauenvereins vom Roten Kreuz für die Kolonien vom 4. April 1919.

[12] Deutsche Kolonialzeitung, vom 20. März 1919; Heinrich Schnee: Afrika für Europa: die koloniale Schuldlüge, Berlin 1924.

[13] Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (BAB), Bestand Reichskanzlei, R 43 I/624, Bl. 22f, Protest der Nationalversammlung gegen den Kolonialraub.

[14] Lettow-Vorbeck, Mein Leben, S. 183. Zu den Hungerunruhen in Hamburg siehe: Uwe Schulte-Varendorff: Die Hungerunruhen in Hamburg im Juni 1919 – eine zweite Revolution?, Hamburg 2010.

[15] Lettow-Vorbeck, Mein Leben, S. 183f.

[16] Zitiert nach: Arnolt Bronnen: Roßbach, Berlin 1930, S. 102, dem die Akten des Freikorps Roßbach als Quellen dienten.

[17] Lettow-Vorbeck, Mein Leben, S. 183.

[18] Nach dem Kolonialoffizier und Freikorpsführer Georg Maercker ist bis heute der „Maerckerweg“ in Berlin-Lankwitz benannt

 

 

Literatur:

Sandra Maß: Weiße Helden, schwarze Krieger. Zur Geschichte kolonialer Männlichkeit in Deutschland 1918-1964, Köln u.a. 2006.

Eckard Michels: „Der Held von Deutsch-Ostafrika“. Paul von Lettow-Vorbeck. Ein preußischer Kolonialoffizier, Paderborn u.a. 2008.

Uwe Schulte-Varendorff: Kolonialheld für Kaiser und Führer. General Lettow-Vorbeck - Mythos und Wirklichkeit, Berlin 2006.

Joachim Zeller: Das Ende der deutschen Kolonialgeschichte – Der Einzug Lettow-Vorbecks und seiner „Heldenschar“ in Berlin, in: Ulrich van der Heyden; Joachim Zeller (Hg.): Kolonialmetropole Berlin. Eine Spurensuche, Berlin 2002, S. 229-232.