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Die "Liga gegen koloniale Unterdrückung" *

Peter Martin

 

Zu den herausragenden Resultaten des Ersten Weltkriegs gehörten die Gründung der Sowjetunion im Oktober 1917 und ein dramatischer Aufschwung der antikolonialen Bewegungen in Asien, Afrika und Amerika. Der Kampf der Kolonisierten für nationale Unabhängigkeit und Gleichberechtigung war spätestens seit Mitte der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr zu übersehen. Der Krieg der Rifkabylen in Marokko gegen Spanien und Frankreich 1921-1927, die Revolution in China 1925-1927, der Aufstand in Indonesien 1926, sowie die Ereignisse in Syrien 1925-1927 und Nikaragua 1927 riefen weltweit heftige Reaktionen hervor, die eine neue internationale Dimension in den Beziehungen zwischen den Kolonialmächten und der außereuropäischen Welt ankündigten.

Vor diesem Hintergrund ist die Geschichte einer Organisation zu verstehen, die – 1926 in Berlin gegründet – ihren Sitz in der Wilhelmstraße 48 hatte und zur ersten bedeutenden internationalen Plattform der Befreiungsbewegungen wurde, der „Liga gegen koloniale Unterdrückung“.[1] Das außenpolitische Interesse der noch nicht gefestigten Sowjetunion, das Bedürfnis der Emanzipationsbewegungen, ihre Isolation zu durchbrechen, und eine wachsende Sensibilisierung der europäischen Öffentlichkeit für Probleme der Kolonien und Halbkolonien schufen einmalige Voraussetzungen für einen einzigartigen Zusammenschluss (und mehrere Jahre lang auch ein bemerkenswertes Zusammenwirken) sehr unterschiedlicher politischer Gruppierungen und Persönlichkeiten aus den kapitalistischen Staaten Europas, der Sowjetunion und den Ländern der Kolonisierten.

Moskaus Beauftragter für die „koloniale Frage“: Willi Münzenberg

Die Initiative zur Gründung der Liga ging von dem kommunistischen Reichstagsabgeordneten Willi Münzenberg aus. Münzenberg (1889-1940), der als einer der fähigsten Organisatoren der kommunistischen Bewegung gilt, besaß die besten Voraussetzungen für ein solches Unterfangen. Die von ihm ins Leben gerufene Internationale Arbeiterhilfe (IAH) mit ihren zahlreichen Geschäftsbereichen und weltweiten Verbindungen – seinerzeit als „Münzenberg-Konzern“ bekannt – verschaffte ihm die organisatorische Basis, um den Kontakt zu politischen Gruppierungen und Persönlichkeiten herzustellen.[2]

Willi MünzenbergDer kommunistische Reichstagsabgeordnete und Zeitungsverleger Willi Münzenberg (Mitte) zusammen mit dem Afroamerikaner James W. Ford (links) und dem aus Französisch-Westafrika stammenden Tiémoko Garan Kouyaté (ermordet 1944 im KZ Mauthausen). Die Aufnahme ist 1931, vermutlich in Hamburg-Altona beim "Ersten Internationalen Kongress der Hafenarbeiter und Seeleute" aufgenommen worden. (Foto: Arbeiter-Illustrierte Zeitung, 1931/26, S. 510)

 

Darüber hinaus pflegte er persönliche Beziehungen mit zahlreichen Politikern, Intellektuellen und Künstlern in Europa, Asien, Afrika und Amerika. So verband ihn mit Sun Tsching-ling, der Witwe des Gründers der chinesischen Republik Sun Yat-Sen, Jahre lang eine enge Freundschaft. Die in Berlin ansässigen Nationalisten und Kommunisten aus der kolonialen Welt, darunter der Chinese Chi Kai Chi, der Perser Mahmoud Pour Reza, die Inder Manabendranath Roy, der hier schon 1922 seine Zeitschrift „Vangard“ herausgab, und Virendranath Chattopadhyaya („Chatto“), der eine bedeutende Rolle in der Liga spielen sollte, ebenso wie der Sudanese Achmed Hassan Matar, der Ende 1925 oder Anfang 1926 nach Berlin gekommen war, gehörten gleichermaßen zu seinen guten Bekannten. Schließlich wurde er auch immer wieder von Antikolonialisten aus aller Welt aufgesucht, die sich nur kurz in der früheren Reichshauptstadt aufhielten wie der spätere Generalsekretär des Indischen Nationalkongresses, Jawaharlal Nehru, oder Nguyen Ai Quoc, heute besser bekannt als Ho Chi Minh. Nguyen Ai Quoc, der bereits kurz nach dem Krieg in Frankreich an der Gründung einer Gruppe radikaler „Colonieaux“ aus Asien, Afrika und der Karibik beteiligt war, der „Action Coloniale“, kam mehrfach auf der Durchreise nach Moskau nach Berlin, wo er regelmäßig im Hause Münzenbergs im Tiergarten, In den Zelten 9a, Station machte.[3]

Münzenberg, durch seine diversen Informationsquellen bestens mit der Lage in den Kolonien und Halbkolonien vertraut, handelte im Einklang mit den Interessen der Sowjetunion, als er sich Mitte 1925 den praktischen Aspekten der „kolonialen Frage“ zuwandte. Er baute auf politisch-konzeptionellen Überlegungen auf, die seit etwa 1917 in Russland und dann verstärkt seit 1919 im Rahmen der Kommunistischen Internationale (KI, Komintern) zur Unterstützung und zum Schutz des Sowjetstaats entwickelt worden waren. Das Thema war bereits auf dem 8. Parteitag der KPdSU im März 1919 gestreift und seine Bedeutung auf dem 1. Gesamtrussischen Kongress der Kommunistischen Völker des Ostens vom 22. November bis zum 3. Dezember des gleichen Jahres noch einmal unterstrichen worden.[4]

Danach hatte sich im Juli 1920 der 2. Kongress der Komintern in Moskau, an dem auch Delegierte aus Indien, Indonesien, China, Korea, Persien, der Türkei und niederländisch Guayana teilnahmen, sehr eingehend mit der „nationalen und kolonialen Frage“ befasst. Der Kongress war zu dem Ergebnis gekommen, dass das Problem der internationalen Revolution ohne die Beteiligung „des Ostens“ (zu dem nach sowjetischer Lesart auch Afrika zählte) nicht zu lösen sei und man sich folglich um eine zeitlich begrenzte Allianz mit allen antikolonialistischen Kräften, darunter ausdrücklich auch die „demokratische Bourgeoisie“ in den Kolonien und in den „rückständigen Ländern“, bemühen müsse (Politik der so genannten Einheitsfront).[5] „Als neue sympathisierende Massenorganisationen“, verkündeten danach kommunistische Blätter wie die Internationale Pressekorrespondenz (Inprekorr), „kommen in der nächsten Zeit in mehreren Ländern Friedensbunde gegen den Krieg und Organisationen gegen Kolonialgreuel und Unterdrückung der Orient-Völker in Betracht.“[6]

Gründung der „Liga gegen koloniale Unterdrückung“ in Berlin

Unmittelbarer Anlass für die Initiative Münzenbergs zur Gründung der Liga ist wahrscheinlich die am 30. Januar 1925 durch das französische Innenministerium verfügte Schließung des nur wenige Monate zuvor eröffneten „Internationalen Kolonialbüros“ in Paris gewesen, das der erste Versuch der Komintern war, den Kampf der anti-kolonialen Bewegungen zu organisieren.[7] George Padmore aus Trinidad, der jahrelang der Kominternspitze in Moskau angehörte, sagte später, dass man im Kreml eine Verlegung des Büros nach London oder in die Hauptstädte der kleineren Kolonialstaaten als unmöglich ansah und sich deshalb entschied, Berlin zum Zentrum der außerhalb der Sowjetunion inszenierten antiimperialistischen Aktivitäten zu machen. Dabei habe allerdings noch ein weiteres Motiv eine Rolle gespielt: „Da sie keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollten“, so Padmore, „übertrugen sie die Verantwortung für die Organisation der neuen antiimperialistischen Bewegung den deutschen Kommunisten.“ Schließlich, fügte er hinzu, wollten die Sowjets dadurch auch der Bewußtseinslage vieler “Colonials” besser entsprechen, denn:

Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg seiner afrikanischen und anderen Kolonien beraubt, war Deutschland keine Kolonialmacht mehr; und man nahm an, dass ein antiimperialistischer Ruf aus Berlin unter kolonisierten und abhängigen Völkern weniger Verdacht erregen würde als einer aus westeuropäischen Hauptstädten - London oder Paris -, die überseeische Reiche besaßen.[8]

Ansatzpunkte für die Arbeit Münzenbergs waren zunächst Arbeiter und Studenten aus Asien und Afrika, denen die Weimarer Republik in großer Zahl Einlass und Arbeitsmöglichkeiten gewährte: Nach Schätzungen der „Roten Fahne“, dem „Zentralorgan“ der KPD, lebten Mitte der Zwanziger Jahre allein in Berlin etwa 5.000 Personen afrikanischer bzw. asiatischer Herkunft, von denen nicht weniger als 4.000 als „aufrechte Kolonialgegner“ und potentielle Verbündete eingestuft wurden;[9] größere Gruppen von Afrikanern und Asiaten gab es mindestens noch in Hamburg, Bremen, Danzig und Leipzig. Moskau hatte im Wissen um dieses „revolutionäre Potential“ gerade auch von der KPD den „Zusammenschluss aller radikal-demokratischen Elemente (aus den Kolonien)“ zu „nationalrevolutionäre(n) Landsmannschaften“ verlangt, und „die schrittweise Auslese der besten und uns am nächsten stehenden (Kolonial-)Studenten für die Kommunistische Partei und die Kommunistische Jugend (...)"[10] So lag es nahe, dass die Internationale Arbeiterhilfe mit den afrikanischen und asiatischen Studenten- und Exilorganisationen in Verbindung trat, die es damals in der deutschen Hauptstadt gab: Mit der deutschen Sektion der chinesischen Kuomintang, die ein eigenes Büro in Berlin unterhielt, dem Verein der Inder in Zentraleuropa, der islamischen Gemeinde von Berlin, der Ägyptischen National-Radikalen Partei, der Sozialistischen Partei Persiens, dem Koreanischen Studentenbund und dem aus Afrodeutschen und Immigranten bestehenden Verein der Kameruner.[11]

Die Kontaktaufnahme zu diesen Gruppen ebenso wie zu einzelnen Personen erfolgte auf mehreren öffentlichen Veranstaltungen, die ab Mitte Januar 1926 zur propagandistischen Vorbereitung einer von der IAH für den 10. Februar 1926 geplanten Gründungsversammlung für eine „Liga gegen koloniale Unterdrückung“ organisiert wurden.[12] Interessierte und „geeignete“ Personen wurden aus den Besuchern dieser Veranstaltungen herausgefiltert und zunächst in einem „Aktionskomitee gegen die imperialistische Kolonialpolitik“ zusammengefasst, wobei Münzenberg sehr genau darauf achtete, dass sich die von der IAH initiierte Bewegung nicht verselbständigte. Wie geschickt er und die „kommunistische Fraktion“ des Komitees dabei hinter den Kulissen agierten, zeigte sich vielleicht am besten daran, dass selbst die Polizeispitzel der Gruppe (ebenso wie später der Liga) attestierten, sie sei offenbar „nur“ aus „den in pazifistischen (also nicht: kommunistischen, P.M.) Kreisen herrschenden Bestrebungen (hervorgegangen), die Kolonialvölker in Afrika, Indien und China in ihren revolutionären Kämpfen zu unterstützen.“[13]

Die „Liga gegen koloniale Unterdrückung“ wurde, wie geplant, am 10. Februar 1926 gegründet. Im Verlauf der Beratungen, zu denen das „Aktionskomitee“ und die IAH eingeladen hatten, wurden die jüngsten - von Grigorij J. Sinowjew, dem Leiter des Exekutivkomitees der KI, als „neues Wetterleuchten der Weltrevolution“ interpretierten[14] - Ereignisse in China, Syrien und Marokko erörtert, vor allem aber wurde beschlossen, „einen internationalen Kongreß gegen Kolonialgreuel und Unterdrückung“ zu organisieren.[15]

Der koloniale Freiheitskampf3. Ausgabe des Mitteilungsblattes der Liga gegen koloniale Unterdrückung "Der koloniale Freiheitskampf" vom 5. Juli 1926

 

Vorbereitungen zum „1. Kongress gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus“

Noch im Frühjahr 1926 begann man, weltweit für die neue Liga und den Kongress zu werben. Nach Indien, Ägypten und Südafrika nahm auf Weisung der Berliner Zentrale das Londoner Sekretariat der IAH die Verbindung auf,[16] in andere Gebiete in Übersee wurden direkt von Berlin aus Emissäre geschickt. So reiste wahrscheinlich ein Johann Blumkin „als Tourist verkleidet“ nach Ostafrika. Blumkin, der angeblich „das besondere Vertrauen Sinowjews und Manuilskis genoß“, scheint jedenfalls in der fraglichen Zeit mehrfach und „mit Wissen Stalins“ in „der Hafenstelle Ostafrikas“ gewesen zu sein, „um hier eine revolutionäre Propaganda zu betreiben“, ebenso wie sein „Nachfolger (...) in Afrika“, „der alte Hamburger Kommunist Spieß (...)“[17]

Nach Westafrika und Brasilien wurde im Frühsommer 1926 Achmed Hassan Matar, der sich seit seinem Zwischenspiel in Nordafrika in Berlin als Rif-Kabyle ausgab, entsandt, um für die neue Liga zu werben und um für die Entsendung von Delegierten für den geplanten Kongress zu sorgen. Matar fuhr zuerst nach Tanger, wo er seine Freundschaft mit alten Bekannten erneuerte, die ihn sogleich „wählten, (um in Brüssel) als Vertreter des Sudan und der Araber Nordafrikas in ihrem Namen zu sprechen.“ Danach ging es über Cadiz nach Britisch-Gambia, Sierra Leone (Freetown), Akkra und Lagos, wo ihn jedoch die offenbar vorgewarnten Kolonialbehörden nicht von Bord ließen. Nur in Dakkar gelang es Matar, an Land zu gehen und seine Mission zu erfüllen, bevor er schließlich Ende 1926 über Brasilien, wo er ebenfalls mit Erfolg agierte, nach Deutschland zurückkehrte.[18]

In Berlin brachte Münzenberg das Projekt am 3. August 1926 mit einem in der „Inprekorr“ veröffentlichten Artikel an die Öffentlichkeit. Er betonte, dass die Kommunisten im Interesse der proletarischen Weltrevolution unbedingt die Freiheitskämpfe der unterdrückten Nationen unterstützen müssten. Gleichzeitig teilte er mit, dass sich in Deutschland eine „Liga gegen Kolonialgreuel und Unterdrückung“ gebildet habe, die beabsichtige, Vertreter aus kolonialen und halbkolonialen Ländern zu einer internationalen Konferenz nach Brüssel einzuladen. Eine Fülle zustimmender Erklärungen aus China, Indien, Ägypten, dem Sudan, Südafrika und anderen afrikanischen Ländern läge bereits vor.[19]

Die kommunistische Presse hatte zu diesem Zeitpunkt schon mehrere solcher Erklärungen veröffentlicht.[20] Aus den USA hatte zum Beispiel der „American Negro Labour Congress“ (ANLC) geschrieben, er werde „sofort alle Anstrengungen unternehmen, um für diese internationale Konferenz (...) Propaganda zu machen und Delegierte zu senden.“ Erste Ergebnisse, telegraphierte der Sekretär des ANLC, der Kommunist Lovett Fort-Whiteman, nach Berlin, seien bereits erzielt. „Die größte Negerzeitung“, so wurde er hier zitiert, der „‘Chicago Defender’, mit einer Auflage von 1 ½ Millionen Exemplaren sicherte uns ihre Publizität zu.“ Und: „Wir senden per Kabel die Adresse der Garvey-Bewegung und der ‚National Association for Advancement of Coloured People’. Zu gleicher Zeit arbeiten wir eine Liste der Negerorganisationen und außenstehender Einzelpersonen aus, die wir Ihnen mit der nächsten Post zusenden werden.“[21]

Ebenfalls aus den Vereinigten Staaten hatte eine „All America Anti-Imperialist League“ mitgeteilt, sie hätte Zweigorganisationen in 7 Ländern (Kuba, Porto Rico, Mexico, Columbia, Ecuador, Brasilien und in den Vereinigten Staaten), die allesamt Delegierte zum Weltkongress schicken würden. Der „American Negro Labor Congress“, ließ diese Organisation weiter wissen, „der auch eine Einladung von Ihnen erhielt, steht in enger Verbindung mit Haiti und mit den Virgin Islands.“ Vom Kap der Guten Hoffnung hatte der Sekretär der IAH (Sektion Südafrika), E.S. Sachs, gemeldet: „Wir werden seitens der verschiedenen Organisationen Delegierte zu ihrem Kongreß senden.“[22] W.H. Andrews („Comrade Bill“) vom „South African Trade Union Congress“ und die aus chinesischen Arbeitsimmigranten zusammengesetzte südafrikanische Kuomintang-Partei[23] schickten Sympathie-Adressen.[24] Aus Westafrika ließ die „Gold Coast Farmers’ Association“ am 8. Oktober verlauten, dass sie größtes Interesse habe,[25] und A.J. Cole, der Sekretär des Verbandes der Eisenbahner von Sierra Leone, teilte mit, dass seine Organisation ihren Vorsitzenden, E.A. Richards, entsenden werde.[26] Aus Paris übermittelte schließlich das „Comité de Défense de la Race Nègre“, eine Vereinigung von in Frankreich lebenden Schwarzen, die in Senegal und Kamerun mehrere Außenstellen unterhielt,[27] seine Bereitschaft, „aus ganzem Herzen und mit aller Kraft mit(zu)arbeiten“, und versicherte, fünf Delegierte und einen Vertreter aus Madagaskar entsenden zu können.“[28] Auch aus Lateinamerika und Fernost gingen solche Telegramme ein.

Der Kongress in Brüssel

Obschon die meisten dieser Zusagen und „Solidaritätsbekundungen“ von kommunistischen oder von kommunistisch gesteuerten Verbänden kamen, deren zahlenmäßige Stärke und Bedeutung sich nur schwer abschätzen lassen (einige scheinen eigens für den Kongress gegründet worden zu sein), besteht kein Zweifel daran, dass der Ruf aus Berlin eine außerordentlich große Resonanz fand, in der sich ein von jeder kommunistischen Taktik unabhängiges Bedürfnis kolonisierter Völker und vieler Europäer äußerte. Auf jeden Fall hatte Münzenberg eine beachtliche Anzahl illustrer Persönlichkeiten aus aller Welt zusammengebracht, als der „Erste Kongress gegen Koloniale Unterdrückung und Imperialismus“ schließlich am 10. Februar 1927 in Brüssel feierlich eröffnet wurde.

Hinduprinzen, Generäle der Kuomin-tang, Führer asiatischer Freiheitsbewegungen und Gewerkschaftsfunktionäre aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Ozeanien trafen sich hier zum ersten mal mit Politikern, Intellektuellen und Künstlern aus dem liberalen, sozialistischen und kommunistischen Lager Europas und Amerikas. Romain Rolland, George Lansbury, Upton Sinclair, Albert Einstein (in Abwesenheit), Henri Barbusse, Mme. Sun Yat-sen, Diego Rivera, Jawaharlal D. Nehru und Maxim Gorki (ebenfalls in Abwesenheit) ließen sich zu Mitgliedern des Generalrats wählen. Mahatma Gandhi telegraphierte: „Ich bedaure, daß meine Arbeit hier in Indien mich daran hindert, an dem Kongreß teilzunehmen. Ich wünsche Ihnen jedoch aus tiefstem Herzen einen jeden Erfolg bei Ihren Verhandlungen.“[29]

Von den damals noch weniger bekannten Teilnehmern soll hier nur noch der Zulu Josiah Tshangana Gumede erwähnt werden, Mitbegründer und Präsident des African National Congress (ANC), ferner der Kommunist Lamine Senghor aus Senegal, ein naher Verwandter des Dichters und späteren ersten Staatspräsidenten seines Heimatlands, Leopold S. Senghor, der Schriftsteller Ernst Toller, der spanische Romancier Ramón del Valle Inclán, Manuel Ugarte, ein ehemaliger argentinischer Senator und einer der bedeutendsten Schriftsteller Lateinamerikas, der Journalist (und spätere belgische Außenminister) Paul Henri Spaak, der Orientalist Karl August Wittfogel und der Sozialwissenschaftler Fritz Sternberg.[30]

Kongress in BrüsselDelegierte auf dem "Ersten Kongress gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus", Mitte Februar 1927 im Palais Egmont in Brüssel (3. von links Willi Münzenberg). Die Teilnehmenden kamen aus Asien, Ozeanien, Afrika, Lateinamerika und Europa. (Bild: Zentralmuseum für Gegenwartsgeschichte Russlands, Moskau)

 

Umbenennung, politische Neuausrichtung und Niedergang der Liga

Die „Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit“, wie die offizielle Bezeichnung der Organisation fortan lautete, entwickelte sich im Anschluss an den Kongress zu einem wirksamen Instrument der Befreiungsbewegungen. Sie trug erheblich dazu bei, deren Sache propagandistisch, organisatorisch und materiell zu fördern. Nationale „Sektionen“ der Liga arbeiteten schon bald in Australien, Brasilien, Frankreich, Holland, Südafrika, Großbritannien den USA und auf Kuba. Viele hielten sie wie Nehru für einen wichtigen „Meilenstein“ der außenpolitischen Entwicklung in den Kolonien und Halbkolonien.

Trotz ihres glanzvollen Beginns und viel versprechender erster Erfolge zeigten sich jedoch schon nach wenigen Monaten innere Risse, die ein Auseinanderbrechen der heterogen zusammengesetzten Allianz ankündigten. Unübersehbar wurde dies, als im April 1927, nur wenige Wochen nach Beendigung des Brüsseler Kongresses, das Bündnis der chinesischen Kommunisten mit der Kuomintang unter Tschiang Kai-schek zerbrach, nachdem dieser die von Stalin massiv unterstützten aufständischen Arbeiter in Schanghai und Nanking blutig niedergeworfen hatte.[31] Die sowjetische Politik der Einheitsfront, d.h. das vorübergehende taktische Zusammengehen der Kommunisten mit „nationalrevolutionären bürgerlichen Kräften“, die bereits auf dem 2. Kongress der 3. Internationale im Sommer 1920 in St. Petersburg durch den Inder Manabendranath Roy als „falscher Weg“ kritisiert und als „gefährlich“ eingestuft worden war,[32] wurde nun (offiziell auf dem 6. Kongress der KI im September 1928) zugunsten einer Linie, der zufolge nur noch die bäuerlichen und proletarischen Kräfte in den Kolonien zu unterstützen waren, aufgegeben.

Auch in der Liga war nun eine echte partnerschaftliche Zusammenarbeit der Kommunisten mit bürgerlichen antikolonialistischen Kräften nicht mehr möglich. Auf dem zweiten und letzten Kongress der Liga im Juli 1929 in Frankfurt am Main mussten die nichtkommunistischen Gruppierungen und Einzelpersonen ernüchtert feststellen, dass sie kompromisslos bekämpft und nur noch als Aushängeschild und Stimmvieh der Kommunisten missbraucht wurden. Viele kehrten jetzt der Liga den Rücken.

Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen und die sowjetische Regierung im Zuge ihrer „antifaschistischen“ Außenpolitik versuchte, ein gegen Hitler gerichtetes Bündnis mit den Kolonialmächten, namentlich Großbritannien und Frankreich, zu schmieden, verstärkten sich die Auflösungstendenzen der Liga. Das sowjetische Interesse an den antikolonialen Bewegungen trat nun hinter dem unmittelbaren Schutzbedürfnis des Sowjetstaats als zweitrangig zurück, Münzenberg wurde mehr und mehr an den Rand gedrängt. Die Liga, deren organisatorisches Zentrum von Berlin nach Großbritannien verlegt werden musste, verkümmerte.[33] Nachdem sie noch einige Jahre lang unter dem Britischen Labour-Abgeordneten Reginald Bridgeman kaum mehr als ein Schattendasein geführt hatte, obwohl sich bedeutende Persönlichkeiten, unter ihnen Kwameh Nkrumah, George Padmore, C.L.R. James und Johnstone Kenyatta, an ihr beteiligten, wurden alle Arbeiten im Februar 1937 eingestellt.

 

 

 


 

* Dieser Artikel erschien zuerst in: Heyden, Ulrich van der / Zeller, Joachim (Hg.): „...Macht und Anteil an der Weltherrschaft“. Berlin und der deutsche Kolonialismus, Münster 2005, S. 261-269 und wurde hier nur geringfügig geändert

[1] Das Interesse an dieser Organisation blieb lange gering. Erst als sich seit Ende der fünfziger Jahre die nationalen Bewegungen in Afrika und Asien durchsetzten und vor dem Hintergrund der Bandung-Konferenz änderte sich dies für einige Jahre. Zu den wichtigen Veröffentlichungen gehören: Itaaliander, Rolf: Schwarze Haut im Roten Griff, Düsseldorf-Wien 1962; Sorkin, G.Z.: Antiimperialističeskaja Liga 1927-1935, Moskau 1965; Grimal, Henri: La Décolonisation 1919-1963, Paris 1965; Geiss, Immanuel: Panafrikanismus. Zur Geschichte der Dekolonisation, Frankfurt am Main 1968; Schröder, Dieter: Die Konferenzen der „Dritten Welt“. Solidarität und Kommunikation zwischen nachkolonialen Staaten, Hamburg 1968; Piazza, Hans: “Die Begegnung von proletarischem Internationalismus und afro-asiatischem Nationalismus in der Antiimperialistischen Liga”, in: Horst Krüger (Hg.): Nationalismus und Sozialismus im Befreiungskampf der Völker Asiens und Afrikas, Berlin 1970, S. 249-266; Haikal, Mustafa: Die Liga gegen Imperialismus und für national Unabhängigkeit (1927-1937), unveröffentlichtes Manuskript, ursprünglich vorgesehen für ein für 1996 geplantes, aber niemals erschienenes Buch von Rojahn, Jürgen (Hg.): The Comintern and its National Sections, Amsterdam c. 1996; John Saville: The League Against Imperialism. London, in: ebd.; Jean Jones: The League Against Imperialism, London, Socialist History Society, Socialist history occasional pamphlet, no. 4, c. 1996.

[2] In einer 1924 vom Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund herausgegebenen Broschüre über die IAH wird diese zutreffend als „dritte Säule der kommunistischen Politik“ neben der kommunistischen Gewerkschaftsinternationale (RGO) und der Komintern bezeichnet: Die IAH sei dabei das eigentliche „diplomatische Instrument“ Moskaus, „das die Wasser trübt, die Geister verwirrt, unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit Geld herbeischafft und vertrauensselige Hilfskräfte, insbesondere auch im Bürgertum wirbt, um den phantastischen Plänen der Weltrevolution der Moskauer Herrschaften den Weg zu verbessern.“ Voller Text bei: Eudin, X. Joukoff / Fisher, Harold H.: Soviet Russia and the West, 1920-1927. A documentary survey, Standford 1957, S. 75. Ruth Fischer hat darauf hingewiesen, dass Münzenberg als Erfinder der „überparteilichen Nebenorganisation“ und als Entdecker einer neuen Art von Verbündeten - des liberalen Sympathisierenden - gelten darf. „Der Erfolg“, schrieb sie, „mit dem in diesen Jahren die kommunistische Parteilinie unter den Sozialdemokraten und Liberalen propagiert wurden (, ..) die Tausende von Malern, Schriftstellern, Ärzten, Rechtsanwälten und Sängern, die ein Potpourri der Generallinie anstimmten - all das hatte seinen Ursprung in Willy Münzenbergs ‚Internationaler Arbeiterhilfe’.“ Fischer, Ruth: Stalin und der deutsche Kommunismus, Bd. 2: Die Bolschewisierung des deutschen Kommunismus ab 1925, Franfurt/Main 1991, S. 278ff., Nachdruck der Ausgabe von 1948.

[3] Vgl. Gross, Babette: Willi Münzenberg. Eine politische Biografie. Mit einem Vorwort von Arthur Koestler, Leipzig 1967, S. 197 u. 285-289.

[4] Vgl. „Entwurf des Programms der KPR(B), Programmpunkt: Auf dem Gebiet der nationalen Beziehungen“, in: Lenin, W.I.: Werke, Bd. 29, März-August 1919, Berlin 1971, S. 111, sowie ders.: Werke, Bd. 30, September 1919-April 1920, Berlin 1972, S. 136-147, besonders S.144ff.

[5] Vgl. die Rede Lenins auf diesem Kongress, in: Lenin, W.I.: Werke, Bd. 31, April-Dezember 1920, Berlin 1972, S. 203-222, hier 220ff.

[6] Inprekorr, 6. Jg., Nr. 68, S. 1065.

[7] Vgl. Haikal, Mustafa: Das Internationale Kolonialbüro der Komintern in Paris, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung, 1993, S. 126-130.

[8] Padmore, George: Pan-Africanism or Communism, London 1956 (Dennis Dobson), S. 323.

[9] Die Rote Fahne, 4. Februar 1926. Vgl. auch Gross 1967, S. 287f.

[10] Schreiben der Sekretäre des EKKI und des EKKJI an die Länder KP’s, ohne Datum, 495/155/45, S.1-3 (Bl. 1-3), hier 2.

[11] Zu diesem Verein vgl. Martin, Peter: Der Afrikanische Hilfsverein von 1918, in: Peter Martin/Christine Alonzo (Hg.): Zwischen Charleston und Stechschritt. Schwarze im Nationalsozialismus, Hamburg-München 2004, S. 73-80.

[12] Vgl. Die Welt am Abend, vom 6., 12., 16. u. 23. Januar 1926.

[13] Vgl. IfGA/Zentrales Parteiarchiv der SED, St. 17/18; Zentrales Staatsarchiv Potsdam, RMdJ, Nr. 25686, Bl. 64-67, Der Polizeipräsident Berlins am 3. Juli 1929 an den Minister des Inneren; Padmore 1956, S. 323f. schrieb: „The German Communists carefully disguised their part in the affair (d.h.: dem Brüsseler Kongress und seinen Vorbereitungen), P.M., operating through an ad hoc committee of distinguished liberals and progressive politicians, writers, professors, artists, scientists and internationally-known personalities, many of whom had pro-Communist leanings. The Conference committee was discretely guided and directed from behind the scene by the popular and genial German editor und publicist, Willi Münzenberg, the ‘Barnum’ of the Comintern. The German had a flair for organization and showmanship.” Vgl. auch Gross 1967, S. 204f.

[14] Vgl. Haikal 1996, S. 12.

[15] Gross 1967, S. 290.

[16] Russisches Staatsarchiv für Sozialpolitische Geschichte (RGASPI), Moskau, F. 538, op. 2, ed. chr. 27-29. B.M. Zarbarko, Klassovaja bor’ba i Medunaradnaja Rabocaja Pomosc, S. 114ff.; Haikal 1996, S. 13.

[17] Kindermann, K., in: G. Hein: Der Weltkommunismus und Afrika, Dortmund o.J. (1963), S. 28.

[18] Vgl. Mattar, Achmed Hassan: Der sudanesische Sindbad, (arabisch), Khartum 1968, S. 31ff.

[19] Inprekorr, 3. August 1926, S.301f

[20] Vgl. etwa: Der koloniale Freiheitskampf, 5. Juli 1926, Nr.3; Kolonial-Revue. Vierteljahresbücher der Liga gegen Kolonialunterdrückung, Berlin, Nr. 1, I. Jg., Februar 1927, S. 60-67.

[21] Der Koloniale Freiheitskampf, 25. März 1926, Nr. 2.

[22] Der Koloniale Freiheitskampf, 5. Juli 1926, Nr. 3.

[23] Die Kuomintang-Partei in Südafrika wurde am 1. August 1926 in Johannesburg „durch die chinesische Bevölkerungsminderheit“, in Wahrheit aber doch wohl auf Betreiben der den Kongress in Brüssel vorbereitenden IAH, in Anwesenheit von T.K. Leong Cho, „the representative of the Canton Government, who recently arrived in this country“, gegründet. Sie hatte gute Beziehungen zur KP Südafrikas und der südafrikanischen Indian Association. Vgl. The South African Worker, August 6th, 1926; Francis Meli, a.a.O., S.198, n.252.

[24] Vgl. Melli, Francis, Afrika 1919 – 1939. Dissertation zur Promotion A an der Karl-Marx-Universität Leipzig, Sektion Geschichte, 1973, S. 90.

[25] Ebd., S. 89.

[26] Vgl. Kolonial-Revue. Vierteljahresbücher der Liga gegen Kolonialunterdrückung, Nr. 1, I. Jg., Berlin, Februar 1927, S. 61.

[27] Vgl. Derrick, Jonathan: Duala under the French Mandate, 1916 to 1936. Thesis submitted for the Degree of Ph.D. at the University of London. School of Oriental and African Studies, University of London 1979, S. 306.

[28] Vgl. Kolonial-Revue. Vierteljahresbücher der Liga gegen Kolonialunterdrückung, Berlin, Nr.1, I. Jg., Februar 1927, S. 60f.

[29] Zit. n. Das Flammenzeichen vom Palais Egmont. Offizielles Protokoll des Kongresses gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus, Brüssel, 10.-15. Februar 1927, hrsg. v. d. Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit, 1. Aufl., Berlin 1927, S. 275.

[30] Die vollständige Liste der Teilnehmer, in: ebd., S. 229ff.

[31] Näheres bei Gross 1967, S. 303.

[32] Vgl. Der I. und II. Kongreß der Kommunistischen Internationale. Dokumente der Kongresse und Reden W.I. Lenins, Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Berlin , 1959, S. 142f. u.164ff.

[33] Näheres bei Saville 1996, S. 3 ff.