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Far, far away? | Postkoloniale Rundgänge

Die Beteiligung Deutschlands an der Besetzung und Ausbeutung Afrikas wird in der bundesdeutschen Erinnerungskultur bis heute als kurz und bedeutungslos abgetan. Dabei sind die Auswirkungen der von Gewalt bestimmten Kolonialzeit nicht nur für die ehemals kolonisierten Gesellschaften gravierend. Kolonialismus und Rassismus haben sich tief in das Stadtbild Berlins eingeschrieben und schufen die Basis für kolonialrassistische Denk- und Gesellschaftsstrukturen in der Gegenwart.

Im Rahmen des Projektes fanden Touren zu postkolonialen Erinnerungsorten in Berlin statt. Ein Markenzeichnen dieser Veranstaltungen war die Leitung der Rundgänge durch erfahrene migrantisch-diasporischen Referent*innen, sodass die Perspektiven von Nachfahren Kolonisierter auf die europäische und deutsche Kolonialzeit im Mittelpunkt standen. 

Folgende Fortbildungsrundgänge wurden angeboten:

1. „Von Lüderitz zum Völkermord“ mit Referent Israel Kaunatjike

Der von Deutschland bis heute nicht anerkannte Genozid an den Herero und Nama jährt sich in diesem Jahr zum 111. Mal. Die Tour thematisiert den jahrzehntelangen namibischen Widerstand gegen Kolonialismus und Apartheid sowie den anhaltenden Kampf der Herero und Nama um Wiedergutmachung für Enteignung und Völkermord.

Der Herero Israel Kaunatjike, aufgewachsen in Namibia, lebt seit Jahrzehnten in Berlin. Er setzt sich für eine Entschuldigung Deutschlands und Wiedergutmachung gegenüber den Herero und Nama ein.

2. „May Ayim Tag: Black History – White Myths“, Performative Stadtführung mit Mnyaka Sururu Mboro, Zaida Horstmann und Christian Kopp

Mnyaka Sururu Mboro, geboren im britischen "Mandatsgebiet" Tanganyika, arbeitet als Lehrer und führt gemeinsam mit dem weißen Historiker Christian Kopp seit vielen Jahren postkoloniale Rundgänge und Bildungsveranstaltungen mit besonderem Fokus auf Ostafrika durch. Zaida Horstmann, Schwarze deutsche Performance-Künstlerin, begleitet den Rundgang künstlerisch. 

3. „Frauen im Kolonialismus“ mit Referentin Jacqueline Mayen

Nirgendwo in der Hauptstadt lassen sich mehr Spuren des Kolonialismus finden als in Berlin-Mitte. Nahezu unsichtbar ist in diesem Zusammenhang die Rolle von Frauen. Die Tour erkundet wichtige Orte der brandenburgisch-preußischen und deutschen Kolonialgeschichte und stellt Bezüge zur Lebensrealität von Frauen im Kolonialismus her.

Jacqueline Mayen ist afro-deutsche Kulturanthropologin und angehende Afrikawissenschaftlerin. Sie ist Redakteurin beim afro-deutschen Online-Magazin „Afrikakzent“.

4. „Dauerkolonie Togo?“ mit Referent Abdel Amine Mohammed

Der Rundgang beleuchtet nicht nur die Entstehungsgeschichte des bundesweit größten Kolonialviertels, in dem sich Deutschlands jahrzehntelanges Streben nach Weltherrschaft spiegelt. Er thematisiert auch den problematischen Umgang mit Kolonialismus und Rassismus in der Gegenwart.

Abdel Amine Mohammed kommt aus Togo, ist Trainer und führt Empowerment und Whiteness Awareness Workshops durch. Er studiert Verwaltung und Politikwissenschaft an der Universität Potsdam.

5. „Versklavung und Kolonialismus, Widerstand und Befreiung“ mit Referent Joshua Kwesi Aikins

Die M*-Straße im Zentrum Berlins erinnert an einen zentralen, verschwiegenen Teil deutscher Geschichte: Brandenburg-Preußens Beteiligung am transatlantischen Versklavungshandel. Die Tour verknüpft dieses Thema mit der 1884/85 in Berlin verhandelten Aufteilung Afrikas.

Joshua Kwesi Aikins, Aktivist und Doktorand an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology, studierte Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und der University of Ghana.

6. „Von der Peters- zur Maji-Maji-Allee“ mit Referent Mnyaka Sururu Mboro

Seit der NS-Zeit ehrt eine Straße im „Afrikanischem Viertel“ den Kolonialverbrecher Carl Peters, der als Begründer der ehemaligen Kolonie „Deutsch-Ostafrika“ gilt. Die Tour erläutert, warum sich die tansanische Community Berlins eine Umbenennung in Maji-Maji-Alle wünscht.

Mnyaka Sururu Mboro, geboren im britischen "Mandatsgebiet" Tanganyika, arbeitet als Lehrer und führt seit vielen Jahren postkoloniale Rundgänge und Bildungsveranstaltungen mit besonderem Fokus auf Ostafrika durch.

 7. „Auf dem Weg zum Manga-Bell-Platz“ mit Referentin Dr. Marie Biloa Onana

Die Tour erzählt u.a., wie das deutsche Kolonialregime noch 1914 in Kamerun zahlreiche Führer eines befürchteten Aufstandes wegen exekutieren ließ. Zu den prominentesten Vertreter*innen des Widerstandes zählte das Ehepaar Manga Bell, das Berlin Postkolonial als neuen Namensgeber für den Nachtigalplatz vorschlägt.

Dr. Marie Biloa Onana aus Kamerun ist Germanistin und Expertin für das kolonialrassistische Bild von Schwarzen Menschen in der deutschen Literaturgeschichte. Seit der Gründung von Berlin Postkolonial ist sie im Vorstand aktiv.