ereignisse

Betreuung, Erfassung, Kontrolle - Afrikaner in Deutschland und die "Deutsche Gesellschaft für Eingeborenenkunde" (1884- 1945) *

Heiko Möhle

 

Am 8. Februar 1926 traf sich in den Räumen des Auswärtigen Amtes in der Wilhelmstraße 74 eine Herrenrunde, um die „Unterstützung Eingeborener unserer ehemaligen Kolonien“ zu erörtern.[1] Das Treffen war auf Anregung des Präsidenten der Deutschen Kolonialgesellschaft, Dr. Theodor Seitz, zustande gekommen. In der Begleitung des früheren Gouverneurs von Kamerun befand sich Geheimrat Dr. Alfred Mansfeld, der unter Seitz als Bezirksamtsmann gedient hatte und inzwischen die „Deutsche Gesellschaft für Eingeborenenkunde“ (DGfE) als Geschäftsführer vertrat. Mansfeld gab vor, „die sozialen und wirtschaftlichen Interessen der Eingeborenen unserer ehemaligen Schutzgebiete“ zu vertreten.[2] Eine Vollmacht mit den Namen von gerade einmal 17, in Berlin, Hamburg, München und Würzburg ansässigen Afrikanern war zwar nur von einem der Betroffenen stellvertretend für alle unterzeichnet worden, aber die Beamten von Dr. Edmund Brückner, dem Leiter der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes, fragten vermutlich nicht nach dem Wert dieser Legitimation; sie waren froh, dass sich jemand anbot, ihnen ein „Problem“ vom Hals zu schaffen.

Der Aufenthalt von „Eingeborenen“ aus den Kolonien im deutschen „Mutterland“ war den Reichsbehörden seit jeher ein Dorn im Auge. Vor dem Ersten Weltkrieg erließen die meisten Schutzgebietsverwaltungen Ausreiseverbote für die einheimische Bevölkerung. Nur in wenigen Ausnahmefällen erhielten „Schutzgebietsangehörige“ einen Pass zur Einreise in das deutsche Reichsgebiet. Dabei handelte es sich etwa um Teilnehmer der Völkerschauen oder um die Söhne vornehmer Familien, die zu Ausbildungszwecken nach Deutschland geschickt wurden. Nach dem Willen der Behörden sollte der Aufenthalt nach Möglichkeit nicht von Dauer sein.

Seit 1884, dem Beginn der deutschen Kolonialherrschaft in Afrika, haben sich wohl nie mehr als einige hundert Afrikaner aus den deutschen Kolonien längerfristig im „Mutterland“ aufgehalten. Die meisten kamen aus Kamerun, fast alle waren männlichen Geschlechts. Ein Blick ins Kriegsjahr 1916 erhellt, warum die Behörden auf eine so kleine Minderheit mit ausgesprochener Nervosität reagierten.

"Ausländer in Berlin"Das Titelbild eines 1905 erschienenen Zeitungsartikels verdeutlicht die ambivalente Lebenssituation von Menschen afrikanischer Herkunft aus den deutschen Kolonien im kaiserlichen Berlin. Gesellschaftliche Diskriminierung und Ausgrenzung der zu "deutschen Kolonialuntertanen" und "Ausländern" Erklärten blieb - ungeachtet enger persönlicher Kontakte - die Norm. Der dritte Junge von links ist Kwassi Bruce (1893-1964) aus Togo, der mit seinem Vater J.C.Bruce 1896 zur "Ersten Deutschen Kolonialausstellung" nach Berlin kam und danach bei bei der Familie Antelmann, Besitzer des Deutschen Kolonialhauses, lebte. Kwassi Bruce blieb in Deutschland, wurde Pianist und erhielt 1926 - als einer von nur ganz wenigen Menschen afrikanischer Herkunft - die deutsche Staatsbürgerschaft. 1934 reichte er bei der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes eine Schrift über die mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten besonders prekär gewordene Lebenssituation von Afrikaner_innen in Berlin ein. 1936 bis 1939 war er als Leiter der "Deutschen Afrika-Schau" angestellt, über deren rassistische Ausrichtung er sich beschwerte. (Foto: "Die Woche", 1905)

 

Afrikaner als Gefahr für die rassistische Ordnung

Im Juni 1916 hatte sich das Reichskolonialamt (RKA) an das preußische Innenministerium gewandt, tief beunruhigt über den Aufenthalt von vier Afrikanern aus Kamerun im preußischen Staatsgebiet, weil diese vor Kriegsausbruch angeblich unerlaubt eingereist waren. Einstweilen war es nicht möglich, die vier „den zuständigen Schutzgebietsbehörden wieder zuzuführen“, da die deutschen Kolonien von den Alliierten besetzt waren. Deswegen schlug das RKA vor, sie „unter besondere polizeiliche Fürsorge zu stellen“.[3]

Vor welchem Unheil musste das Deutsche Reich gegen die Männer aus Kamerun geschützt werden? Die Beamten fürchteten offenbar nichts mehr als die Verbindung der Afrikaner mit deutschen Frauen. Einer der vier, der Duala Bebe Same, hatte beim Königlichen Standesamt in Berlin die Eheschließung mit einer Deutschen beantragt. Dies meinten die Kolonialbeamten verhindern zu müssen: „Eine Eheschließung zwischen weißen Frauen und Eingeborenen unserer Schutzgebiete dürfte im Sinne des B.G.B. als unsittlich gelten, solange diese auf solch niederer Kulturstufe stehen, daß ihnen die Einsicht in das Wesen der christlichen Ehe fehlt.“ Da das RKA ihm die Ausstellung eines Ausweises über seine deutsche Staats- oder Schutzgebietsangehörigkeit verweigerte, beantragte Bebe Same kurzerhand die Eheschließung als Ausländer. Die Heirat des Bebe Same barg aus Sicht des RKA gleich zwei Probleme in sich: das der „Mischehen“ und das der Staatsangehörigkeit. Was waren diese „Kolonialafrikaner“, wenn sie keine Deutschen waren? Zwar hatten die Gouverneure der Kolonien Verordnungen über den Status von „Schutzgebietsangehörigen“ erlassen, doch in der Verwaltungspraxis führten widersprüchliche Vorschriften immer wieder zu „Merkwürdigkeiten“ und „Unzuträglichkeiten“.

So wenige sie waren, die bloße Anwesenheit von „Eingeborenen“ in Deutschland drohte das wohlgeordnete rassistische System der Kolonialherrschaft gründlich aufzumischen. Denn dieses System beruhte auf der Konstruktion klarer Gegensätze: weiß gegen schwarz, deutsch gegen afrikanisch, Staatsbürger gegen „Schutzbefohlene“, Herren gegen Untertanen. Deutsche afrikanischer Herkunft hatten in diesem System keinen Platz. Wurden die Afrikaner auf deutschem Boden aber als Ausländer behandelt, musste man ihnen wesentlich mehr Rechte zugestehen als es die Kolonialverwaltungen für ihre „Schutzgebietsangehörigen“ vorgesehen hatten. Und nirgendwo ging die Auflösung der „natürlichen Ordnung“ so schnell voran wie im (Ehe-)Bett. Die Vorstellung, ein Afrikaner würde nach dem Krieg in Begleitung seiner weißen Ehefrau und gemeinsamen Kindern - „Bastarden“ - nach Kamerun zurückkehren, war den weißen Männern der Kolonialbürokratie unerträglich. „Wiedervorlage bei Kriegsende“ ist auf dem Schreiben des Reichskolonialamts an das preußische Innenministerium vermerkt.

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs verließen offenbar die meisten in Berlin lebenden Afrikaner das Deutsche Reich. Trotzdem behielt die Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts ihr Ziel, die wenigen verbliebenen „Eingeborenen der früheren deutschen Schutzgebiete“ in ihre Heimat abzuschieben, bei. Die britischen und französischen Mandatsbehörden, die nach dem Versailler Vertrag die Verwaltung der ehemals deutschen Kolonien übernommen hatten, verweigerten jedoch zunächst die Ausstellung von Einreisevisa.

Mitte der zwanziger Jahre hatte die Mehrheit der in Berlin lebenden Afrikaner als Musiker oder in anderen künstlerischen Berufen ein bescheidenes Auskommen gefunden, doch im Falle der Arbeitslosigkeit war ihre Existenz unmittelbar bedroht, da Erwerbslosenunterstützung nur an deutsche Staatsbürger gezahlt wurde. Insbesondere Seitz, an dessen Deutsche Kolonialgesellschaft sich seit Kriegsende wiederholt mittellose Afrikaner mit der Bitte um Unterstützung gewendet hatten, drängte darauf, „dass über die Art, wie wir uns diesen Leuten gegenüber zu stellen haben, eine Einigung herbeigeführt wird.“[4] Das Auswärtige Amt fürchtete ihre Verelendung vor allem aus Prestigegründen. Deutschland wollte seinen verlorenen Kolonialbesitz zurück haben, und in den in der Metropole lebenden Afrikanern sah man Multiplikatoren, die, wenn sie denn einmal nach Afrika zurückgekehrt wären, ein positives Deutschlandbild vermitteln sollten. Damit war das grundsätzliche Spannungsverhältnis vorgegeben, in der sich die Politik des Auswärtigen Amts gegenüber den Kolonialafrikanern bewegte: Förderung ihrer „freiwilligen“ Ausreise unter Sicherung ihrer Existenz in der verbleibenden Zeit des Aufenthalts in Deutschland.

„Fürsorge“ und Abschiebung

In dieser Situation beauftragte Anfang 1926 das Auswärtige Amt die DGfE, zu deren Vorstand renommierte Persönlichkeiten wie der Afrikanist Diedrich Westermann und der Berliner Missionsdirektor A. W. Schreiber gehörten. Sie hatten sich bereits vor dem Krieg mit einer Vorläuferorganisation der DGfE, der 1913 gegründeten „Gesellschaft für Eingeborenenschutz“, die „Fürsorge für die in Berlin weilenden Farbigen“ zum Ziel gesetzt. Zunächst galt es nun, für vier stellungslose Afrikaner in Berlin Wohnraum zu beschaffen und sie mit monatlichen Unterhaltszahlungen aus dem Etat des Auswärtigen Amts zu unterstützen. Die von Mansfeld in Personalunion geleitete „Vereinigung für deutsche Siedlung und Wanderung“ (VfSW), die gewöhnlich auswanderungswillige Deutsche ins Ausland vermittelte, sollte sich um die Arbeitsvermittlung bemühen. Der VfSW und der DGfE wurden Räumlichkeiten in einem Gebäude des Reichsentschädigungsamtes zur Verfügung gestellt, später zogen sie ins Haus des „Vereins für das Deutschtum im Ausland“ (VDA) in der Martin-Luther-Straße 97.

Doch in der Praxis zeigten sich sehr schnell Probleme. Die Unterhaltszahlungen reichten kaum zum Überleben, und Arbeit für stellungslose Afrikaner war kaum zu bekommen. Am 30. April 1926, nur drei Monate nachdem die Gesellschaft ihre Arbeit aufgenommen hatte, kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen Mansfeld und dem Kameruner Peter Makembe, der eine Anstellung auf einer Messe in Düsseldorf wegen der unzumutbaren Bezahlung abgelehnt hatte. Mansfeld, überzeugt, „dass man es diesen Negern nicht überlassen kann, welche Arbeit ihrer sozialen Stellung entspricht, sondern, dass sie eben ein Angebot, welches ihnen gemacht wird, anzunehmen haben“, fühlte sich durch Makembe bedroht und ließ sein Büro unter Polizeischutz stellen.[5] Auf Wunsch von Prof. Diedrich Westermann und Gouverneur a.D. Theodor Seitz, dem Präsidenten der Deutschen Kolonialgesellschaft, beantragte das Auswärtige Amt umgehend bei den Berliner und Hamburger Polizeibehörden die Abschiebung Makembes in den britischen Teil Kameruns. Aus Angst vor einer nachteiligen Propagandawirkung der Ausweisung ließ Mansfeld vorsorglich durch einen afrikanischen Gewährsmann in Kamerun Nachrichten über die „schandhaften Taten“ Makembes verbreiten. Realisieren ließ sich die Abschiebung jedoch erst im Februar 1928, nachdem Makembe wegen eines Geldfälschungsdelikts einige Monate in Plötzensee eingesessen hatte. Beim Zwischenstopp des Hamburger Woermann-Dampfers in Rotterdam gelang ihm die Flucht von Bord.

Doch nicht nur Afrikanern, denen wie Makembe „schnöder Undank und grobe Disziplinlosigkeit“ vorgeworfen wurde, drohte die Ausweisung. Im Mai 1928 vereinbarten das Auswärtige Amt und die DGfE, „alle Eingeborenen, die unterstützt werden müssen, nach Afrika [6] Zwischenzeitliche Unterstützung sollte nur noch erhalten, wer sich schriftlich zur Rückkehr verpflichtete. Den Abschiebungen standen allerdings oft Hindernisse im Weg. Einige Kameruner hatten im Krieg auf deutscher Seite gegen Frankreich gekämpft oder sich, wie Thomas Manga Akwa, propagandistisch betätigt und konnten deshalb nicht ins französische Mandatsgebiet abgeschoben werden. Vergeblich ließ Mansfeld über die VfSW nach deutschen Firmen in Liberia und auf der spanisch verwalteten Insel Fernando Po fahnden, die bereit wären, Anstellungsverträge vorzutäuschen, „um Akwa hinunter zu schaffen“.[7]

Manchmal aber schlug das Bemühen um Abschiebemöglichkeiten auch ins Gegenteil um. Der Witwer Theophilus Wonja Michael, der bereits seit 1903 ununterbrochen in Deutschland lebte, entschied sich im Frühjahr 1927 zur Rückkehr nach Victoria in Kamerun. Mansfeld erwirkte die Zustimmung der britischen Behörden, die Bereitschaft signalisierten, Kameruner aus ihrem Mandatsgebiet als „British Subjects“ anzuerkennen. Dann jedoch stellte sich eine unerwartete Komplikation ein: Michael teilte mit, die Deutsche Martha Lehmann heiraten und nach Kamerun mitnehmen zu wollen. Das Auswärtige Amt fürchtete „schweren Schaden für das deutsche Ansehen in Kamerun, wenn Michael die Lehmann zum illegalen oder legalen Zusammenleben mit nach Kamerun nähme“ und forderte den Berliner Polizeipräsidenten auf, die Ausstellung eines Passes für die Ehefrau „unter allen Umständen zu verhindern“.[8] Vergeblich versuchte Mansfeld in einem persönlichen Gespräch, sie von ihrem Vorsatz, Michael zu heiraten, abzubringen. Erleichtert meldete er schließlich ans Auswärtige Amt, dass die Briten der Familie „aus rassenpolitischen Gründen“ die Einreise verweigern würden. So konnte Theophilus Wonja Michael nie in seinen Geburtsort zurückkehren. Er starb 1934 in Berlin-Friedrichshain.

Verfolgung, Selbstorganisation und „Fürsprecher“

Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 wurde die Situation für die in Berlin lebenden Afrikaner immer kritischer. Finanzielle Unterstützung durch die DGfE erhielten zeitweise nur noch zwei Kameruner, „die wegen ihrer besonders langen Anwesenheit in Deutschland und wegen ihrer Heirat mit deutschen Frauen Schwierigkeiten bei ihrer Rückkehr nach Kamerun zu fürchten haben“. Wenn es der DGfE überhaupt noch einmal gelang, für einen ihrer Klienten Arbeit zu finden, drohten Konflikte mit nationalistischen Arbeiterorganisationen. So wurde etwa der Kameruner Manfred Priso, der vorübergehend eine Anstellung bei einem Dresdner Schuhwachsfabrikanten erhalten hatte, nach kurzer Zeit auf Druck des „Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes“, der gegen die „grobe Geschmacklosigkeit“ und das „mangelhafte Rassegefühl“ der Firmenleitung protestierte, entlassen.[9]

Unter dem Eindruck eines immer offeneren Rassismus und wachsender sozialer Gegensätze begannen einige Afrikaner sich zu organisieren. 1929 erfolgte in Berlin die Gründung der deutschen Sektion der „Liga zur Verteidigung der Negerrasse e.V.“, deren aktive Mitglieder hauptsächlich Kameruner waren. Nach einem Auftritt ihres Hauptredners Josef Bile bei einer Kundgebung des Sozialistischen Schülerbunds war für den Präsidenten der Deutschen Kolonialgesellschaft klar, „dass die Eingeborenen, die sich noch in Deutschland befinden, unter den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen rettungslos dem Kommunismus verfallen“ sind, und er erneuerte seine Forderung nach ihrer Abschiebung.[10]

Das Auswärtige Amt beschloss, die als „bolschewistisch“ und antikolonial eingestufte Szene in Berlin unter Beobachtung zu nehmen. Mansfeld bot sich dem Auswärtigen Amt als Spitzel an. Schon seit Anfang 1927 besuchte er regelmäßig die Sitzungen der „Liga gegen koloniale Unterdrückung“, die unter anderem gegen eine Wiederaufnahme deutscher Kolonialpolitik protestierte, und erstattete ausführlich Bericht. Vermutlich ist es aber dem Auswärtigen Amt in der Endphase der Weimarer Republik allenfalls in Ausnahmefällen gelungen, die Abschiebung politisch missliebiger Afrikaner durchzusetzen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierten mehrere Mitglieder der „Liga zur Verteidigung der Negerrasse“ nach Frankreich.

Die Nationalsozialisten ließen umgehend nach ihrer Machtübernahme 1933 die Pässe aller noch in Deutschland lebenden „Eingeborenen“ aus den früheren Kolonien einziehen, die als „unmittelbare Reichsangehörige“ oder als „deutsche Schutzbefohlene“ registriert waren, und gegen Staatenlosen-Pässe eintauschen. Für die überwiegend als Musiker tätigen Afrikaner wurden damit Engagements im Ausland unmöglich. Lediglich zwei Personen, die die deutsche Staatsbürgerschaft erworben hatten, waren von dieser Maßnahme vorläufig nicht betroffen. Das Auswärtige Amt stellte im November 1934 fest, dass die Afrikaner „häufig persönlichen Beleidigungen und Zurücksetzungen ausgesetzt sind, vor allem aber, daß mit Rücksicht auf die Stimmung des Publikums kein Unternehmer es wagt, Neger einzustellen. Auf diese Weise ist [ihnen] praktisch auch im Inland die Möglichkeit eines Verdienstes genommen.“[11] Die Beamten im Auswärtigen Amt fürchteten, dass sich eine entstehende „Missstimmung“ unter den Afrikaner unangenehm auf das internationale Ansehen Deutschlands auswirken würde, wenn einmal die Rückgabe der verlorenen Kolonien auf der politischen Tagesordnung stünde.

Fürsprache fanden die Afrikaner zu diesem Zeitpunkt nur noch bei zwei ehemals hochrangigen Kolonialbeamten: Edmund Brückner, 1911-12 Gouverneur von Togo, der weiter als Referatsleiter im Auswärtigen Amt arbeitete, und Friedrich von Lindequist, ehemaliger Staatssekretär des Reichskolonialamtes, der als langjähriger Präsident der VfSW inzwischen auch den Vorsitz der DGfE übernommen hatte. Ihr Handeln war zum einen von taktischen Erwägungen geleitet, zum anderen von einer paternalistischen Grundhaltung zu den „Eingeborenen aus unseren Schutzgebieten, die zum Teil selbst und deren Väter im deutschen Dienste gestanden und ihre Pflicht getan haben“, wie es Brückner formulierte.[12]

Ende 1935 entstand ein Plan, der alle zufriedenstellen sollte: die arbeitssuchenden Afrikaner, die um Deutschlands Ansehen besorgten Kolonialveteranen und die „rassebewussten“ Scharfmacher der NSDAP. Vorgesehen war die „Errichtung eines Negerdorfes unter Heranziehung der in Deutschland lebenden Eingeborenen aus den ehemaligen deutschen Kolonien“.[13] Die Idee einer fahrenden Kolonialschau stammte von dem Schausteller Adolf Hillerkus und dem togoischem Musiker Kwassi Bruce. Als einer der wenigen Afrikaner mit deutscher Staatsangehörigkeit verfügte Bruce über gute Kontakte zu Brückner. Bereits 1934 hatte er in einer Denkschrift auf die prekäre Situation der in Deutschland lebenden Afrikaner aufmerksam gemacht.[14]

Dem Auswärtigen Amt gelang es, auch das Kolonialpolitische Amt der NSDAP und das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda vom politischen Nutzen des geplanten Unternehmens zu überzeugen: „Die Neger werden dem Müßiggang entzogen, der die Gefahr eines unerlaubten Lebensunterhalts in sich birgt, und erhalten eine Beschäftigung, um sich und ihre Familie ernähren zu können. Sie fallen nicht der öffentlichen Fürsorge zur Last; die aus Reichsmitteln zu ihrer Unterstützung zur Verfügung gestellten Gelder werden erspart. Durch ihre Zusammenziehung und die den Unternehmern auferlegte Beaufsichtigungspflicht kann eine weit bessere Kontrolle, als bisher möglich gewesen, ausgeübt werden, um auf diese Weise Rassevergehen leichter unterbinden zu können.“[15]

Die Schau schien das geeignete Mittel zu sein, um die in der kolonialen und in der nationalsozialistischen Ideologie angelegte, klare Trennung zwischen deutschen „Volksgenossen“ und afrikanischen „Schutzgenossen“ wiederherzustellen. Letztere bekamen einen klar abgegrenzten Raum, ein mobiles Reservat, zugewiesen, in dem eine komplette exotische und „wilde“, aber unterworfene und beherrschte Gegenwelt zum Deutschland der „neuen Ordnung“ inszeniert wurde.

Die „Deutsche Afrika-Schau“

Im Frühjahr 1936 ging die „Deutsche Afrika-Schau“ mit einem Ensemble von etwa zwanzig Darstellern erstmals auf Tournee, musste jedoch schon nach einigen Monaten aufgrund wirtschaftlicher Probleme abgebrochen werden.[16] Hillerkus und Bruce wurden von der Leitung entbunden. Auf Empfehlung der DGfE, die die Finanzen der Afrika-Schau treuhänderisch verwaltete, übernahm „Kapitän“ Schneider, ein SA-Mann, den Bühnenbetrieb. Schneider kündigte an, die Afrika-Schau „unter eine energische Leitung zu stellen“, hätten doch in der Vergangenheit „die besonderen Rasseeigentümlichkeiten der Neger, ihr ausgeprägtes Triebleben und ihre Neigung zu sexuellen Exzessen häufig Anstoß“ erregt.[17]

Afrika-Schau 1938Die Artist_innen der "Deutschen Afrika-Schau", um 1938. Einige sind namentlich bekannt: 1. Reihe von links: Rudolf Boholle, Josephine Bachert, Lilli Waldowsky, Juliette Hillerkus, Harry Overgrand; 2. Reihe: Clarence Walton (4.v.l.), Aleka Taje (6.v.l.), Hedwig Jawa (7.v.l.), 3. Reihe: Mohamed Husen (3. v.l.); evt. ist auch Kwassi Bruce (2. Reihe, 2.v.l.) auf dem Foto zu sehen. (Foto: P. Reed-Anderson)

 

Zwar wurde auch Schneider bald wieder abgelöst, doch trat die repressive und rassistische Dimension der Afrika-Schau immer mehr in den Vordergrund. Im Oktober 1938 fand im Kolonialreferat des Auswärtigen Amtes unter Beteiligung des Sicherheitshauptamts des Reichsführers SS eine Besprechung „betr. Zusammenfassung aller in Deutschland lebenden Afrikaner“ statt, in der ein umfangreicher Datenaustausch zwischen dem Betriebsführer der Afrika-Schau, der DGfE und dem Rassenpolitischen Amt der NSDAP vereinbart wurde.[18] Das Rassenpolitische Amt stellte aus seiner „Farbigen-Kartothek“ eine Liste mit den Adressen von 66 in Deutschland lebenden „Negern und Mulatten“ zusammen, die von der DGfE zu einem Verzeichnis von 80 „ehemaligen kolonialen Schutzgenossen und deren Nachkommen“ ergänzt und überarbeitet wurde. Vordergründig sollte das Verzeichnis die Auswahl von Mitwirkenden für die Afrika-Schau erleichtern. Den NS-Stellen lieferte es die Grundlage zur Definition einer Gruppe der „Kolonialneger“ und der Erfassung und Kontrolle bestimmter Personen unter dieser Kategorie. Die Konferenzteilnehmer beschlossen den Erlaß einer Polizeiverordnung „zur Vermeidung von rasseschänderischen Beziehungen“. Die Betreuung der Afrika-Schau wurde direkt der DGfE übertragen, und ihr Betriebsführer mit polizeilichen Befugnissen über seine „Gefolgschaft“ ausgestattet.

Trotz der Protektion durch Behörden und Parteidienststellen wurde die Afrika-Schau - während sie in der Nähe von Wien gastierte - im Juni 1940 auf Anordnung der Reichspropagandaleitung der NSDAP eingestellt. In den vorausgegangenen Monaten hatten sich rassistische Anfeindungen gegen die Schau und ihr Ensemble gehäuft. Im Herbst desselben Jahres verfügte die Reichstheaterkammer ein allgemeines Auftrittsverbot für „Farbige“. Als einzige Erwerbsquelle blieb den Betroffenen die Tätigkeit als Komparsen in „Exoten-Filmen“ wie dem Kolonialpropagandafilm „Carl Peters“. Doch noch während der Dreharbeiten wurden die „Kolonialfarbigen“ durch französische Kriegsgefangene ersetzt, die den Filmgesellschaften durch die Wehrmacht billig zur Verfügung gestellt wurden.

Die DGfE protestierte vergeblich gegen die Einstellung der Afrika-Schau und gegen die Auftrittsverbote. Lindequist legte schließlich resigniert „die bislang durch uns erfolgte Betreuung der Schutzgenossen“ nieder.[19] Bis 1943 führte die Stiftung Kolonialkriegerdank im Auftrag des Auswärtigen Amts die Unterstützungszahlungen weiter. Das weitere Schicksal der durch die DGfE betreuten Afrikaner ist bisher nur in Einzelfällen bekannt.[20]

 


 

* Dieser Text erschien erstmals unter dem Titel „Betreuung, Erfassung, Kontrolle: Die „Deutsche Gesellschaft für Eingeborenenkunde“ in: Heyden, Ulrich van der / Zeller, Joachim (Hg.): Kolonialmetropole Berlin. Eine Spurensuche, Berlin 2002, S. 243-251. Für diese Website wurde er geringfügig verändert.

[1] Bundesarchiv Berlin (Barch), R1001/4457/6 und R1001/7562.

[2] Barch, R1001/7562, Bl. 44, Mansfeld an Auswärtiges Amt, Berlin, 24.11.1925.

[3] Barch, R1001/4457/6, Bl. 121, Reichskolonialamt an preußischen Innenminister, Berlin, Juni 1916.

[4] Barch, R1001/7562, Bl. 41, Seitz an AA, Berlin, 14.10.1925.

[5] Barch, R1001/4457/6, Bl. 215, Mansfeld an AA, Berlin, 14.05.1926.

[6] Barch, R1001/4457/7, Bl. 121, Mansfeld an AA, Berlin, 16.05.1928.

[7] Barch, R1001/4457/7, Bl. 8, VfSW an AA, Berlin, 21.02.1927.

[8] Barch, R1001/4457/7, Bl. 23, Brückner, AA, an DgfE, Berlin, 29.03.1927 und Bl. 36, AA an Polizeipräident Berlin, Berlin, 24.06.1927. Siehe auch: John A. Kantara: Schwarz sein und deutsch dazu, in: Die Zeit, 23.4.1998, S. 66.

[9] Barch, R1001/4457/7, Welt-Wachs-Werk Egbert Günther Söhne an Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband, Berlin, 14.08.1929.

[10] Barch, R1001/4457/7, Bl. 228, Seitz an AA, Berlin, 17.12.1929.

[11] Barch, R1001/7562, Bl. 88, Aufzeichnung von Brückner, AA, Berlin, 07.11.1934.

[12] Barch, R1001/6382, Brückner an Kolonialpolitisches Amt der NSDAP, Berlin, 18.11.1935.

[13] Barch, R1001/7562, Bl. 123, Gunzert, AA, an Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, Berlin, 30.11.1935.

[14] Barch, R1001/7562, Bl. 91-100.

[15] Barch, R1001/7562, Bl. 123.

[16] Siehe zur Gesichte der „Afrika Schau“ Forgey, Elisa: „Die große Negertrommel der kolonialen Werbung“ - Die Deutsche Afrika-Schau 1935-1943; in: WerkstattGeschichte H. 9, 1994, S. 25-33; Bechhaus-Gerst, Marianne: Afrikaner in Deutschland 1933-1945, in: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, H. 4, 1997, S. 10-31.

[17] Barch, R1001/6382, Bl. 126, Schneider an Landesstelle Berlin des Propagandministeriums, Hamburg, 11.12.1936.

[18] Barch, R1001/6383, Bl. 262 ff.

[19] Barch, R1001/6383, Bl. 366, Lindequist, DgfE, an AA, Berlin, 27.06.1940.

[20] Vgl. Reed-Anderson, Paulette: Berlin und die afrikanische Diaspora, hrsg. v. d. Ausländerbeauftragten des Senats von Berlin, Berlin 2000; Westermann, Verena: Eine fast vergessene Einwanderung, Afrikaner in Hamburg 1884-1945, in: Heiko Möhle (Hg.), Branntwein, Bibeln und Bananen. Der deutsche Kolonialismus in Afrika - eine Spurensuche in Hamburg, Hamburg 1999, S. 87-92.