ereignisse

Takustraße, Iltisstraße, Lansstraße: Bausteine einer kolonialen Erinnerungskultur – und ihre „Dekolonisierung“

Mechthild Leutner


Am 20. Juni 2011 endlich, nach jahrelangen anhaltenden Bemühungen, insbesondere von Sozialdemokraten des Berliner Südwestens und engagierten Mitgliedern der Freien Universität und der Museen Dahlem, wurde an der Lansstraße, Ecke Iltisstraße in Berlin-Dahlem eine Informationsstele zum Thema „Lans-, Taku- und Iltisstraße“ enthüllt. Die Bezirksstadträtin für Kultur, Cerstin Richter-Kotowski, und die Leiterin des Kulturamtes von Steglitz-Zehlendorf, Sabine Weißler, sprachen zur feierlichen Enthüllung. Der Sinologe Hauke Neddermann (FU), der den Text der Stele aus fachlicher Perspektive verantwortet, gab eine kurze Einführung. Die Bezirksverordnetenversammlung, in der seit Jahren immer wieder heftige, auch öffentliche Debatten, um eine Umbenennung der Straßen stattgefunden hatten, hatte sich mehrheitlich zwar gegen eine solche Umbenennung, jedoch für die Einordnung der Straßennamen in den Kontext der deutschen Kolonialgeschichte entschieden. So sollte gerade durch die Informationsstele der Öffentlichkeit die Möglichkeit gegeben werden, die Erinnerung an die koloniale Vergangenheit Deutschlands in China aufrechtzuerhalten: Nicht im Sinne einer, wie auch ursprünglich mit diesen Straßenbenennungen verbundenen Ehrung von Personen und Ereignissen, sondern im Gegenteil, zum Gedenken an die Opfer deutscher Kolonialpolitik, als Distanzierung von einer kolonialen Vergangenheit, als Mahnung für die Gegenwart. So wurde in einem feierlichen Akt begonnen, das Straßenensemble zu „dekolonisieren“ und in einen Erinnerungsort zu transformieren. Die Informationen auf der Stele bieten den vorbeieilenden Passanten und Anwohnern eine kurze, informative Darstellung der Ereignisse, die mit den drei Straßennamen verbunden sind.

"Schlüsselereignis" des Angriffs auf China

Takustraße – Iltisstraße – Lansstraße: Diese drei Straßennamen bezeichnen einen Ort und die Akteure eines historischen Ereignisses, welches später in der Kolonialliteratur als Schlüsselerlebnis bei der Niederschlagung der so genannten Boxerbewegung heroisiert werden sollte.[1] Dazu gehörten nicht zuletzt auch die vielfachen Straßenbenennungen, neben Berlin z.B. auch in Köln [2], die diese Heroisierung im öffentlichen Raum festschrieben. Am 17. Juni 1900 griffen die vor Reede liegenden Marinetruppen ausländischer Mächte die Taku-Forts (heutige Umschrift: Dagu-Forts) an, um sie nach blutigen Kämpfen gegen die dort statio­nier­ten chinesischen Truppen schließlich zu besetzen. Zu den Angreifern gehörte das deutsche Kanonenboot „Iltis“ unter Führung seines Kapitäns Wilhelm Lans. Die „Iltis“ bombardierte die Forts, bevor sie von chinesischen Granaten außer Gefecht gesetzt wurde. Die Taku-Forts, an der Mündung des Beihe, dienten der Verteidigung des Flusses, der den Zugang zum Ver­trags­hafen Tianjin (Tientsin) ermöglichte und damit den Land- und Seeweg auch nach Peking öffnete. Ihre Eroberung machte nicht nur den Weg zur Besetzung Tianjins durch ausländische Truppen und zur Entsendung weiterer Truppenteile nach Peking frei.[3] Der Angriff war zu­gleich der Beginn des blutigen Kolonialkrieges von 1900/1901, der als „Niederschlagung der Boxerbewegung“ ein weiteres unrühmliches Kapitel deutscher Kolonialgeschichte eröffnen sollte.[4]

LansstraßeSeit Jahren kritisieren Nichtregierungsorganisationen die bloße Kommentierung der Lansstraße in Berlin-Steglitz/Zehlendorf (Dahlem) als unzureichend. Sie fordern die Neubenennung der Straße, die bis heute Wilhelm Lans (1861-1947), den Kapitän des deutschen Kriegsschiffes "Iltis", ehrt, das im Jahre 1900 den Angriff auf die chinesischen Dagu-Forts eröffnete. Im Ensemble mit der Iltis- und der Takustraße glorifiziert der Straßenname den Kolonialkrieg der alliierten Großmächte gegen China 1900/1901. Als neue Namensgeberin schlagen die NGO eine der zahlreichen chinesischen Widerstandskämpferinnen vor. (Foto: J. Zeller)


 

 

 

 

 

 

 

 

Die Besetzung chinesischen Territoriums durch die vor China kreuzende ausländische Marine sowie das kurze Zeit später in China eintreffende und eigens zu diesem Zweck entsandte In­ternationale Expeditionskorps – erstmals in der Weltgeschichte eine breite militärische Allianz von acht Großmächten zur aggressiven Durchsetzung ihrer wirtschaftlichen und politischen Ziele ge­genüber den ihnen militärisch unterlegenen Staaten – sind integrale Bestandteile deutscher Kolonialpolitik in China. Bereits 1897 hatten deutsche Truppen ein Gebiet in der Bucht von Jiaozhou (deutsch: Kiautschou) mit der Hafenstadt Qingdao (deutsch:Tsingtao) besetzt und dieses Gebiet unter Andro­hung weiterer militärischer Aggression dem Kaiserreich für 99 Jahre als „Pachtgebiet Kiau­tschou“ abge­presst. Im juristischen Sinne als „Pachtgebiet“ ausgewiesen und in der Kolonial­literatur häufig euphemistisch als „deutsches Schutzgebiet“ bezeichnet, wurde von 1897 bis 1914 das Gebiet um die heutige Stadt Qingdao de facto als deutsche Kolonie be­trieben und auch ein Teil der Provinz Shandong als direkte deutsche „Einflusssphäre“ mit wirtschaftlichen Sonderrechten behauptet und militärisch gesichert.

Bewegung der „Boxer"

Vergewissern wir uns noch einmal des historischen Kontextes:[5] Seit 1840 war China vorran­gig auf Grundlage direkter militärischer Aggression und Bedrohung sowie politischen Dru­ckes gezwungen worden, Teile seiner territorialen, politischen, finanziellen und wirtschaftli­chen Souveränität an die ausländischen Mächte abzugeben. Anders als afrikanische Gebiete blieb allerdings der chinesische Staat als Institution erhalten, so dass von einer „Halbkolonie“ China und von einer „informellen Beherrschung“ des Landes gesprochen wird.[6] Hier ist nicht allein der Verlust der politischen Souveränität in bestimmten Räumen und Politiksegmenten zu nennen, sondern vor allem die dramatische Finanzschwäche der Zentralregierung als Folge hoher Zins- und Entschädigungszahlungen [7] an die ausländischen Mächte, des immensen Rück­gangs der Zolleinnahmen durch die Kontrolle und Festsetzung der Niedrigzölle durch die Mächte sowie des hauptsächlich infolge des Opiumhandels gravierenden Handelsdefizits und eines dadurch bedingten kontinuierlichen Silberabflusses. Dies führte im Zusammenhang mit den einsetzenden Industrialisierungsbemühungen zu einer immer größeren Verelendung brei­ter Bevölkerungsschichten insbesondere in ländlichen Gebieten.

Die sich wiederholt auf aggressive militärische Mittel stützende weitere wirtschaftliche „Erschließung“ und Ausbeu­tung des Landes ging einher mit intensiven Missionierungsbestrebungen ausländischer Mis­sions­gesellschaften im Inneren des Landes. Die Missionare erschienen der Landbevölke­rung so als Verkörperung der ausländischen Machtfülle und unmittelbar als Verursacher ihrer Not. Ausländerfeindlichkeit machte sich unter der bäuerlichen Bevölkerung breit; in Nord­china bil­deten sich Gesellschaften, die als „Boxer“ bezeichnet wurden und in ihren paramilitä­ri­schen Übungen an traditionelle Qigong-Praktiken anknüpften.[8] Im Jahre 1898, ein Jahr nach der Besetzung Kiautschous durch deutsche Truppen, riefen diese Gruppen zum bewaffneten Kampf gegen die Ausländer und gegen die kaiserliche Qing-Regierung auf. Unterstützt durch Teile der politischen Elite gelang es den Boxern, denen sich Tausende verzweifelter Bauern anschlossen, weiter in Richtung auf die Hauptstadt Peking und der benachbarten Hafen­stadt Tianjin vorzurücken. Die bedrohten Ausländer flohen aus dem Landesinneren in die Groß­städte.

Situation in Peking

Angesichts dieser Situation forderten die Gesandten von der Qing-Regierung ein konsequen­tes militärisches Vorgehen gegen die Boxer und suchten zugleich, weitere eigene Marinetrup­pen, die seit dem Vorrücken der Boxertruppen vor der nordchinesischen Küste kreuzten, zu ihrem Schutz nach Peking zu ordern. Die Qing-Regierung, die in ihrer Haltung gegenüber den Boxern gespalten war, mobilisierte nicht einmütig gegen die Boxerbewegung und erklärte sich mit der Aufstockung der ausländi­schen Gesandtschaftswachen einverstanden. Am 31. Mai und am 3. Juni marschierte zu­nächst eine Verstärkung von 450 bewaffneten Seesoldaten in Peking ein. Es waren Soldaten eben der vor den Dagu-Forts liegenden Kriegsschiffe Eng­lands, Russlands, Frankreichs, Italiens, der USA, Öster­reichs und des Deutschen Reiches.

Ihr Vormarsch wurde von den Boxern als Provokation aufgefasst. Die Boxer griffen daraufhin – mit dem Ziel, die Entsen­dung weiterer ausländischer Truppenverbände in die Hauptstadt zu unterbinden – die Eisenbahnlinie Tianjin–Peking an und töteten sechs ausländische Missionare und Eisenbahningenieure. Beim weiteren Marsch Rich­tung Hauptstadt zerstörten sie auch die Telegraphenverbindung zwi­schen den beiden Städten und verwüsteten die im Besitz von Ausländern befindlichen Ge­bäude als Symbole kolonialer Macht. Im Gegenzug beorderten die Gesandten am 9. Juni weitere Truppen der Marine nach Pe­king, jetzt ohne Zustimmung der chinesischen Regierung. Die Kommandanten der Kriegsschiffe entsandten daraufhin eine Truppe von etwa 2.000 Mann, die allerdings von Boxer- und von Regierungstruppen zur Umkehr gezwungen wurde. Die Boxertruppen selbst marschierten am 13. Juni in Peking ein, An­griffe auf das Gesandt­schaftsviertel oder auf einzelne Ausländer blieben zunächst aus, zumal die chinesische Regie­rung zusätzliches Militär als Schutz für die Ge­sandtschaften einsetzte. Jedoch erschossen ein­zelne Ausländer, so auch der deutsche Gesandte Clemens von Ketteler, und Mitglieder der Gesandt­schaftswachen mehr als 100 Boxer, die sich ihnen gegenüber provokativ verhielten. Die Bo­xer ihrerseits begannen in der Stadt mit systematischer Brandlegung europäi­scher Gebäude und der Ermordung von Ausländern und insbesondere von chinesischen Christen.

Angriff auf die Dagu-Forts

Am 15. Juni erteilte der Guangxu-Kaiser ausdrückliche Or­der, gegen die Boxer vorzugehen: Am 16. Juni beschlossen die höchsten Regierungsvertreter, Peking und die Gesandtschaften gegen die Boxer zu verteidigen, auch um die Entsendung weiterer ausländischer Truppen­kontin­gente zu vermeiden. Noch am gleichen Tag wurde der Kommandant der Dagu-Forts von den alliierten Kommandeu­ren der Seestreitkräfte – mit Ausnahme des amerikani­schen – ulti­mativ und ohne Ab­sprache mit ihren Regierungen [9] zur Übergabe der Forts aufge­for­dert. Da jedoch der chinesische Kommandant aus Peking angewiesen worden war, die Forts unter allen Umständen zu verteidigen, lehnte er dies ab. Nun hatten die ausländi­schen Komman­deu­re einen Vorwand, die Forts am 17. Juni anzugreifen.

Und der Angriff erfolgte, unter Führung des deutschen Kanonenbootes „Iltis“ unter dem Kommando des Kapitän Lans. Nicht die Unterstüt­zung der diplo­mati­schen Vertretungen stand dabei im Vordergrund der Aggression, sondern letzt­lich weitere terri­toriale Eroberung und wirtschaftliche Ausbeutung. Denn ein weiterer Land­gang der Marine und ein Marsch nach Peking wären durchaus ohne eine Übergabe der Forts mög­lich ge­we­sen. Die Eroberung der Dagu-Forts wurde daher konsequenterweise von der chinesischen Regierung als Kriegs­erklä­rung begrif­fen und dementsprechend am 21. Juni erwidert. Die Gesandten wurden – ein noch heute übliches diplomatisches Mittel – zur sofortigen Ausreise aus Pe­king aufge­fordert, unter Zusicherung eines Begleitschutzes. Als die Abreise nicht erfolgte, begannen Bo­xer- und reguläre chinesische Truppen mit einer Belagerung des Gesandtschaftsviertels. Diese sollte, unterbrochen durch einen kurzen Waffenstillstand, bis zum 14. August dauern. An die­sem Tag marschierte ein 20.000 Mann starkes ausländisches Truppenkontingent in Peking ein, nachdem es bereits am 14. Juli Tianjin besetzt hatte. Es handelte sich um genau die Ver­bände, die die Dagu-Forts im Juni erobert hatten. Sie legten weite Teile der Stadt in Trümmer, raubten die Schätze des Kaiserpalastes, mit denen in der Folge der internationale Kunstmarkt seine Sinica-Bestände ergänzen sollte, und posierten als Sieger auf dem Kaiserthron.

Schulschlachtschiff "Iltis"Holzschulschiff "Iltis" im Berliner Grunewald, um 1910. Schiffsattrappen wie diese waren den Originalen nachgebildet und sollten die Begeisterung der Jungen für den Dienst in der Marine wecken. Die allgegenwärtigen Matrosenanzüge und -kleider der Jahre vor dem 1. Weltkrieg spiegeln die von Wilhelm II. nach Kräften unterstützte Flottenbegeisterung breiter Bevölkerungsschichten und den Grad der gesellschaftlichen Militarisierung. (Foto: BPK)


„Gemorde und Geschlachte“ – die Annexion Chinas

In den europäischen Großstädten waren seit Mitte Juni 1900 (Falsch-)Meldungen von der Er­mordung aller Ausländer in Peking kursiert. Zum Schutz der Gesandtschaften und letztendlich zur Aufrechterhaltung und Ausweitung ihrer Privilegien in China beschlossen die in China vertretenen ausländischen Mächte die Entsendung eines Internationalen Expeditionskorps. Die berüchtigte Hunnenrede Wilhelms II. beim Auslaufen der Truppen in Bremerhaven am 27. Juli 1900 gab einen Vorgeschmack auf das, was folgen sollte. In seinem aggressiven Vorge­hen, zumeist gegen die Zivilbevölkerung, setzte das Korps in den folgenden Monaten auf eine blutige Vergeltungspolitik.[10] Es wurde gemordet, vergewaltigt, geplündert und gefoltert – in einem solchen Ausmaß, dass die sozialdemokratische Presse Briefe deutscher Soldaten veröf­fentlichte, die dieses Vorgehen mit den Worten anprangerten: „...denn so ein Gemorde und Geschlachte ist geradezu toll (...) Laßt mich schließen in der Hoffnung, daß es nicht mehr so­lange dauert, denn sonst weiß man schließlich nicht mehr, oder vielmehr man vergißt es, ob man einmal Mensch war.“ Und August Bebel rief am 19. November 1900 den Abgeordneten im Reichstag zu: „Nein, kein Kreuzzug ist’s, kein heiliger Krieg; es ist ein ganz gewöhnlicher Eroberungskrieg und Rachezug, und weiter nichts.“ [11]

So ging es bei der gesamten deutschen Kolonialpolitik in China [12] um Eroberung, um einen mili­tärischen Stützpunkt in Asien, um die Sicherung von Absatzmärkten für die Industrie, um die Gewinnung von Rohstoffen, insbesondere der in der Provinz Shandong reichen Kohle­vorkommen für die deutsche Marine in Ostasien. Die Präventivannexion des Deutschen Rei­ches in China eröffnete zudem aus finanzpolitischer Perspektive rentable Anlagemöglichkei­ten für deutsches Kapital.

Der Mythos von der „Musterkolonie“ Kiautschou

Das koloniale Projekt Kiautschou sollte freilich – nicht zuletzt aus propagandistischen Grün­den – auch Fortschrittlichkeit und Modernität symbolisieren, kurz: eine „Musterkolonie“ sollte errichtet werden mit einer modernen städtischen Infra- und Verkehrsstruktur, mit medi­zinischen und Bildungseinrichtungen (Lazarette, Krankenhäuser, Schulen, Observatorium, Deutsch-chinesische Hochschule), auch für die chinesische Bevölkerung. Doch diese spezifi­schen Herrschaftsinstrumente ergänzten lediglich die aggressiven militärischen und politi­schen Formen der Anfangszeit. Dazu gehörten die Aufhebung der souveränen Rechte des chi­nesischen Staates, die Enteignungs- und Umsiedlungsmaßnahmen gegenüber der ländlichen und städtischen Bevölkerung, die Beschränkung chinesischer Handelsaktivitäten, die zweige­teilte Rechtsordnung und das Verbot der Ansiedlung chinesischer Bevölkerung im so ge­nannten Europäerviertel. Die chinesische Sozial- und Rechtsordnung wurde in Kiautschou de facto außer Kraft gesetzt. Rassismus und soziale Disziplinierung waren alltägliche Praktiken in der Kolonie, die auf der individuellen Ebene ihren stärksten Ausdruck in der Vergewalti­gung chinesischer Frauen durch deutsche Soldaten fanden.

Die chinesische Bevölkerung setzte dieser Herrschaft Widerstand entgegen. Sie verteidigte ihre Interessen gegenüber der deutschen Kolonialmacht auf unterschiedliche Weise. Wie die Boxer leisteten auch zum Teil Bauern und Lokalbeamte bewaffneten Widerstand, etwa gegen den Bau von Eisenbahnen, deren Linienverlauf den Interessen der bäuerlichen Bevölkerung entgegen lief. Die chinesischen Händler und Bergwerkseigner widerstanden den Deutschen auf besondere Art: Sie orientierten sich in ihren Ge­schäften um und modernisierten ihre Betriebe, um sich gegen die deutsche Konkurrenz be­haupten zu können.[13]

Die deutsche Kolonialherrschaft als territoriale Herrschaft wurde zu Beginn des Ersten Welt­kriegs 1914 mit der Besetzung Kiautschous durch japanische Truppen beendet. Die Wirkun­gen des Kolonialkrieges 1900/1901 dagegen dauerten länger und waren einschneidender. Das so genannte Boxerprotokoll, das am 7. September 1901 von den Vertretern Chinas und der beteiligten Mächte unterzeichnet wurde, beendete zwar formal den Krieg, doch in seinen Festsetzungen bestimmte es die Politik selbst noch der chinesischen Republik ab 1911 bis An­fang der 1940er Jahre.[14] Vor allem waren es die horrenden Reparationszahlungen, welche die chinesische Seite zu leisten hatte, die den finanziellen und politischen Handlungsspielraum für soziale Reformen einschränkten und nicht zuletzt Verteidigungsmaßnahmen gegen die japanische Aggression in den 1930er und 1940er Jahren wesentlich behindern sollten.

Baustein (post)kolonialer Erinnerungskultur

Zugleich begann international und besonders von deutscher Seite die Transformierung der Ereignisse zu Bausteinen einer kolonialen Erinnerungskultur. Dem Ort und den Akteuren der historischen Ereignisse wurden nun Erinnerungsorte geschaffen: Bereits unmittelbar nach dem Krieg wurde eine „Iltis“-Gedächtnishalle in Shanghai eingerichtet und eine Befesti­gungsanlage in Qingdao nach dem Schiff „Iltis“ benannt.[15] Straßen in Berlin, Köln und ande­ren Orten wurden nach dem Schiff, seinem Kapitän und nicht zuletzt dem Ort des „heroi­schen“ Geschehens, den Taku-Forts, benannt und damit ins Bewusstsein einer breiteren Be­völkerung geschrieben.[16]

Auch wenn heute manch ein Passant und Anwohner die Straßen­namen nicht konkret zuordnen kann, das Thema „Boxer“ gehört zu den wenigen chinesischen Themen und Namen, die nach wie vor Eingang in deutsche Schulbücher finden. Im kulturel­len deutschen Gedächtnis leben vor allem die Boxer fort, als grausame Krieger, die von den heroisch kämpfenden ausländischen Truppen für ihre Gräueltaten eine gerechte Strafe erhielten. Es ist zu hoffen, dass gerade die Auseinandersetzung um die Straßennamen und die Transformation dieser Orte in neue Bausteine einer Gedenkkultur an koloniales Unrecht eine größere Öffentlichkeit erreicht und ein breites antikoloniales Bewusstsein mit prägen wird.

Infostele LansstraßeNach jahrelangen Diskussionen weihte der Bezirk Berlin-Steglitz/Zehlendorf in 2011 eine historische Informationsstele zur Lans-, Taku- und Iltisstraße in Dahlem ein. Die Tafel wirft ein kritisches Licht auf Deutschlands Führungsrolle beim Überfall der imperialistischen Mächte auf China zu Beginn des 20. Jahrhunderts. (Foto: J. Zeller)

 

[1] S. dazu Leutner, Mechthild: Kiautschou – Deutsche „Musterkolonie“ in China?, in: van der Heyden, Ulrich/ Zeller, Joa­chim (Hrsg.): „... Macht und Anteil an der Weltherrschaft“. Berlin und der deutsche Kolonialis­mus, Münster 2005, S. 203-207.

[2] Die Hauptargumente dieses Beitrags habe ich bereits auf der Webseite http://www.kopfwelten.org/kp/orte/taku/index.html ausgeführt.

[3] Eine Schilderung der Vorgänge findet sich in: von Müller, Alfred: Die Wirren 1900/1901, in: China. Schilde­run­gen aus Leben und Geschichte, Krieg und Sieg. Ein Denkmal den Streitern und der Weltpolitik, hrsg. v. Jo­seph Kürschner, Berlin 1901, S. 51ff.

[4] Eine umfassende Auseinandersetzung mit der Thematik findet statt in: Leutner, Mechthild/Mühlhahn, Klaus (Hrsg.): Kolonialkrieg in China. Die Niederschlagung der Boxerbewegung 1900-1901, Berlin 2007 (mit aus­führlicher Literaturliste), sowie Kuß, Susanne/Martin, Bernd (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Boxer­auf­stand, München 2002.

[5] Zu den geschichtlichen Hintergründen s. Klaus Mühlhahn: China und der westliche Imperialismus. Sowie ders. : China als Halbkolonie. Die kolonialen Stützpunkte und Pachtgebiete der europäischen Großmächte, in: Leutner/Mühlhahn 2007 (s. Anm. 3), jeweils S. 15-26 und S. 27-31.

[6] S. Leutner, Mechthild/Mühlhahn, Klaus: Interkulturelle Handlungsmuster: Deutsche Wirtschaft und Mission in China in der Spätphase des Imperialismus. In: Leutner, Mechthild/Mühlhahn, Klaus (Hrsg.): Deutsch-chine­sische Beziehungen im 19. Jahrhundert: Mission und Wirtschaft in interkultureller Perspektive. Münster 2001, S. 9-42, hier S. 15.

[7] Die Zinszahlungen dienten der Finanzierung ausländischer Anleihen, die wiederum dazu dienten, die chinesische Armee eben gegen die ausländischen Angriffe aufzurüsten. Entschädigungszahlungen wurden jeweils von der Zentralregierung und den lokalen Behörden verlangt, falls bei Widerstandaktionen der Bevölkerung oder auch der chinesischen Streitkräfte fremdes Eigentum oder Leib und Leben betroffen waren. Sie waren ein probates Mittel, auch die Kosten ausländischer Interventionen finanzieren zu lassen.

[8] Zu den Boxern s. die Beiträge von Sabine Dabringhaus: Die Boxer: Motivation, Unterstützung und Mobili­sie­rung, Sun Lixin: Die religiösen und sozialen Ursprünge der Boxerbewegung; Kai Filipiak: Geschicht­li­che Hintergründe und inhaltliche Ausprägung der „Boxer-Kampfkunst“, in: Leutner/Mühlhahn 2007 (s. Anm. 3), jeweils S. 60-68, S. 69-80 und S. 81-86.

[9] Ob eine Absprache mit den Gesandten in Peking stattgefunden hat, konnte bisher nicht geklärt werden; vgl. zur Situation des Gesandtschaftsviertels auch Mechthild Leutner: Die Belagerung der Gesandtschaften oder: Wie der Krieg begann, in Leutner/Mühlhahn 2007 (s. Anm. 3), S. 102-110.

[10] S. dazu die Beiträge von Susanen Kuß: Deutsche Strafexpeditionen im Boxerkrieg; James L. Hevia: Ein „Volksfest“. Die Plünderung Pekings und ihre Folgen; Dietlind Wünsche: Feldpostbriefe aus China. „Jeden Zehnten mindestens Kopf ab in den aufrührerischen Gegenden…“, in Leutner/Mühlhahn 2007 (s. Anm. 3), jeweils S. 135-146, S. 147-152 und S. 153-161.

[11] Zitiert nach Leutner, Mechthild: „Yihetuan – Für Gerechtigkeit und Frieden“. Boxeraufstand und Kolonialkrieg in China, in: Fin de siècle. Hundert Jahre Jahrhundertwende, Redaktion: Georg Fülberth/ Gabriele Dietz, Berlin 1988, S.146-149.

[12] S. ausführlich zur deutschen Kolonie: „Musterkolonie Kiautschou“: Die Expansion des Deutschen Reiches in China. Deutsch-chinesische Beziehungen 1897 bis 1914. Eine Quellensammlung, hrsg. v. Mechthild Leutner u. bearbeitet v. Klaus Mühlhahn, Berlin 1997 sowie Klaus Mühlhahn: Herrschaft und Widerstand in der „Muster­kolonie“ Kiautschou. Interaktionen zwischen China und Deutschland, 1897-1914, München 2000.

[13] S. ausführlich dazu vor allem Mühlhahn 2000 (s. Anm. 10)

[14] S. Dazu Mechthild Leutner: Das Boxerprotokoll, in: Leutner/Mühlhahn (s. Anm. 3), S. 200-203.

[15] S. Justin Corfield: The Australian Illustrated Encyclopaedia of the Boxer Uprising, McCrae 2001, S. 89.

[16] S. zur Perzeption der Boxer in Deutschland: Lu Yixu: Die Boxerbewegung in der Popularliteratur, in: Leut­ner/Mühlhahn 2007 (s. Anm. 3), S. 192-198.