ereignisse

"...dass die Kultur der N... gehoben werde!" - Erinnerungen (nicht nur) an Kolonialdebatten im Deutschen Reichstag *

Henning Melber

 

Merkwürdiges trug sich am 4. April 2001 in der deutschen Hauptstadt zu, als die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen zur Präsentierung eines „Millennium Africa Renaissance Program“ durch die Botschafter Südafrikas und Nigerias in Anwesenheit des deutschen Außenministers lud. Da erinnerte der nigerianische Botschafter, Senator Emeka Patrick Echeruo, in seiner Ansprache daran, dass sein Staatsoberhaupt Obasanjo anlässlich eines Aufenthaltes in Berlin im Dezember 1999 für die Einberufung einer „Neuen Berliner Konferenz“ zur Neubestimmung der europäisch-afrikanischen Beziehungen plädierte.

Er teilte weiterhin die Auffassung, dass Deutschland wie schon beim Berliner Kongress 1878 und der Berliner Konferenz 1884/85 historisch und moralisch gut positioniert sei, um in der Beförderung eines neuen Dialogs eine Führungsrolle einzunehmen. Der Botschafter schlussfolgerte daraus, dass „Die Neue Berliner Konferenz“, auf der die afro-europäischen Beziehungen geprüft und neu definiert würden, einer der größten Beiträge zur Unterstützung der emanzipatorischen Bemühungen auf dem afrikanischen Kontinent selbst sein könnte.[1]

Dies wurde vom Bundestagsabgeordneten Ströbele in seiner Funktion als Vorsitzender der Veranstaltung in den Schlussbemerkungen zustimmend aufgegriffen. Den Hinweis auf die Berliner Konferenz quittierte er mit der Feststellung, „dass Deutschland das Glück hatte, sehr früh aus der Kolonialisierung gewaltsam herausgetrieben worden zu sein. (…) Dies ist eine Chance und das, was Sie, Herr Botschafter uns hier sagen, habe ich von vielen Gesprächspartnern (…) gehört. (…) Deutschland kann eine Rolle übernehmen, die unbelastet ist und die deshalb eine Vorreiterrolle sein kann.“[2]

Kolonialismus als integraler Bestandteil der deutschen Geschichte

Solch Grad an kollektiver Amnesie in puncto deutscher Kolonialgeschichte ist verblüffend – dazu noch in einer Stadt, in der diese Kolonialpolitik konzipiert, diskutiert und beschlossen wurde. Dass dies der Vergessenheit anheim fiel, kann keinem mangelnden Zugang zu entsprechenden Informationen geschuldet sein. Die gibt es zuhauf und spätestens seit der hundertjährigen Wiederkehr der Berliner Afrika-Konferenz und dem fast zeitgleichen Beitritt Deutschlands zum Kreise der Kolonialmächte auch in relativ aktueller Form leicht erhältlich.[3] Der damalige Jubel in den deutsch-nationalen Zirkeln über den ergatterten „Platz an der Sonne“ wurde seither umfassend dokumentiert.[4] Ausreden sollte weder der Bundestagsabgeordnete Ströbele noch der Botschafter Echeruo geltend machen können.

Auch eine Public Relations für das afrikanische „Policy Paper“ kann schwerlich für die Verteidigung der allzu pragmatischen Formel herhalten, dass der Zweck die Mittel heilige und deshalb jedes Argument recht sei, wenn es letztlich einer „guten Sache“ diene. Das scheint ein wenig zu einfach und rückt in gefährliche Nähe zu den Denkansätzen der damaligen Kolonialbefürworter und deren Apologetik hinsichtlich der „zivilisatorischen Mission“. Ebenso schlimm ist an dieser verkürzten Sichtweise, dass sie Geschichte negiert, die erinnerungswürdig ist und zum kollektiven Gedächtnis gehört.

Dass der „Kolonialgedanke“ keinesfalls nur eine Randerscheinung des deutschen Kaiserreichs war, sondern als konstitutives Merkmal einer Kontinuität totaler Herrschaft begriffen werden kann, zeigt Hannah Arendt in ihrer bahnbrechenden Studie auf.[5] Peter Schmitt-Egner hat diesen Ansatz gründlich vertieft, indem er die Erklärungsversuche des deutschen Nationalsozialismus an den historischen Wurzeln rassistischer deutscher Kolonialherrschaft ansetzte.[6] Die Implikationen und Konsequenzen der kolonialen Herrschaftspraxis und ihres weltanschaulichen Grundverständnisses lassen sie als einen integralen Aspekt der deutschen Gesellschafts-, Mentalitäts- und Kulturgeschichte verstehen. In Anknüpfung an dieses von der Kritischen Theorie beeinflusste Verständnis eines historisch und tiefenpsychologisch geprägten Kontinuums totalitärer Strukturen kann argumentiert werden, „dass sich aus dem frühen ‚Verlust‘ der Kolonien keinesfalls folgern lässt, der Kolonialismus sei ohne größere Relevanz für die deutsche Geschichte gewesen“.[7]

Kulturimperialistischer Konsens im Deutschen Kaiserreich

Diese Kolonialideologie teilte jenseits unterschiedlicher politisch-ideologischer Ausrichtungen eine eurozentrische Weltsicht, die parteipolitische Barrieren trotz markanter Differenzen über die Formen kolonialer Praxis transzendierte. So dokumentieren die Kolonialdebatten im Deutschen Reichstag, dass - ungeachtet kolonialpolitisch unterschiedlicher Auffassungen - das dem Kolonialgedanken zugrundeliegende Zivilisationsmodell auf breite Zustimmung stieß. Dies illustriert das Plädoyer des sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Henke gegen die Vorurteile der Kolonisatoren, bei den Afrikanern handele es sich um nicht entwicklungsfähige Menschen. In der Reichstagsdebatte vom 29. April 1912 bemühte er Beispiele, die er gegen die konservative Lesart wendete, dass die Afrikaner "nur Arbeitstiere sind, dass sie so rückständig sind, wie sie von den deutschen und anderen Herrenmenschen geschildert werden“. Er wertete sie vielmehr als Beleg dafür, „dass sie sehr entwicklungsfähige Menschen sind, die zu einer höheren Kulturstufe emporsteigen können! Deswegen hat jedes Kolonialreich, das sich christlich nennt, im Rahmen des Rechts der höheren Kultur die Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Kultur der Neger gehoben werde!“[8]

 Mit dieser Auffassung reihte sich die Sozialdemokratie im philosophischen Gehalt ihres Evolutionsverständnisses in den Kreis derjenigen ein, die Kolonisation als zivilisatorische Aufgabe deuteten. Am 6. März 1913 führte dies Dr. Solf als Staatssekretär des Reichskolonialamts im Reichstag folgendermaßen aus:

Die Völker, mit denen die Kolonisationsarbeit uns in Berührung bringt, stehen auf niedriger Kultur, auf viel niedrigerem Standpunkte als wir zivilisierten Weissen, teilweise tief unter uns. Nicht nur die legale Verpflichtung, die uns als den Schutzherren obliegt, - nein, meine Herren, unsere Stellung als Kulturstaat zwingt uns, mit den selbstverständlichen Argumenten der zivilisierten Weltanschauung diesen Völkern zu helfen und zu versuchen, ihnen bessere Lebensbedingungen zu verschaffen, als sie selbst in ihrer Beschränktheit bisher sich haben verschaffen können. Kolonisieren ist Missionieren, und zwar Missionieren in dem hohen Sinne der Erziehung zur Kultur. (…) Die Eingeborenen sind unwissend – sie müssen unterrichtet werden. Sie sind faul – sie müssen arbeiten lernen. Sie sind schmutzig – sie müssen gewaschen werden. Sie sind krank, mit allerlei Gebrechen – sie müssen geheilt werden. Sie sind wild, grausam und abergläubisch – sie müssen besänftigt und erleuchtet werden. Alles in allem, meine Herren: sie sind grosse Kinder, die der Erziehung und der Leitung bedürfen.“[9]

Dass zum „pädagogischen Instrumentarium“ im Falle der Renitenz auch die Bestrafung bis zum Tode gehörte, wurde dabei häufig nicht ausdrücklich erwähnt.

Bürgerliche Kolonialbegeisterung

Die Berliner Vorkommnisse jener Zeit belegen auch, dass die Kolonialbegeisterung keinesfalls vor den privilegierten Schichten des deutschen Volkes Halt machte, sondern vielmehr gerade auch in Kreisen des Bildungsbürgertums auf große Resonanz stieß. So berichtete die „Deutsche Kolonialzeitung“ über eine Kolonialkundgebung, die am 8. Januar 1907 in Berlin „von über 1500 Männern“ besucht wurde. Sie war im Zuge der Kampagne um die bezeichnenderweise als „Hottentottenwahl“ deklarierten Neuwahlen zum Reichstag von einem Ausschuss von Hochschullehrern und Künstlern einberufen worden und verabschiedete nach Reden u. a. mehrerer Professoren „mit grosser Begeisterung“ eine vor Chauvinismus strotzende Erklärung mit dem Beschluss, „ein Komitee einzusetzen mit dem Auftrage, ohne unmittelbares Eingreifen in das Parteigetriebe das Verständnis für die Kolonial- und Weltpolitik in den Kreisen der Wählerschaft zu erweitern und zu vertiefen“.[10]

So zeigte sich gegen Ende der deutschen Kolonialära in der mehrtägigen Kolonialdebatte zwischen dem 4. und 8. März 1913 im Reichstag ein Maß an Übereinstimmung, die dem offiziellen Organ der Deutschen Kolonialgesellschaft in der bilanzierenden Berichterstattung Worte der Genugtuung entlockte: „Es lässt sich nicht leugnen, dass die diesjährigen Kolonialdebatten fruchtbarer gewesen sind. Sie zeigten die gesamten bürgerlichen Parteien einig bestrebt, an der Erschließung unserer deutschen Schutzgebiete mitzuarbeiten. Auch die Vertreter der äussersten bürgerlichen Linken haben wacker mitgearbeitet“. Selbst die Sozialdemokratie strengte sich an, nicht als „Vaterlandsverräter“ dazustehen, wenngleich sie von der „Deutschen Kolonialzeitung“ kaum überraschend wenig wohlwollend bedacht wurde: „Herr Noske mühte sich umsonst, das, was er und seine Freunde Kolonialpolitik nennen, zu verteidigen. Er nahm sogar für sich in Anspruch, ein knappes, klares, einwandfreies, menschliches Kolonialprogramm der Sozialdemokratie geliefert zu haben.“[11]

Tatsächlich ist gerade auch die Analyse der sozialdemokratischen Kolonialkritik in den Reichstagsdebatten der ersten Jahre des 20. Jahrhunderts ein aufschlussreiches Indiz für den Grad der Verinnerlichung des eurozentrischen Zivilisationsmodells innerhalb des gesamten politischen Spektrums im deutschen Kaiserreich.[12] Die Reichstagprotokolle stellen so eine Fundgrube für die Erforschung des kulturimperialistischen Bewusstseins dar, das mithilfe eines inszenierten Kolonialenthusiasmus von den inneren Widersprüchen gegen Ende des 19. Jahrhunderts zumindest teilweise erfolgreich abzulenken vermochte.

Dass der Verlust der deutschen „Schutzgebiete“, wie der Kolonialbesitz euphemistisch umschrieben wurde, durch den Ersten Weltkrieg eingeleitet und den darauffolgenden Versailler Vertrag besiegelt wurde, beraubte die Deutschen keinesfalls ihrer Herrenmenschenideologie. Der Kolonialgedanke überdauerte im deutschen Wesen erheblich länger.

Aktualität der deutschen Kolonialgeschichte

An der neuerlichen Auseinandersetzung mit dieser Phase deutscher Geschichte, die sich nicht nur mit der Berliner „Kongo-Konferenz“ von 1884/85 verbindet, werden wir demnächst kaum vorbei kommen. Im Jahre 2004 jährt sich die Wiederkehr der kolonialen Vernichtungsstrategie gegen die Herero und Nama im ehemaligen „Deutsch-Südwestafrika“ zum hundertsten Male. Anlässlich der aktuellen Debatte um Reparationen, die im Rahmen der Weltkonferenz gegen Rassismus in Durban/Südafrika Anfang September 2001 angesichts unüberbrückbarer Interessengegensätze vergeblich um allgemein akzeptierte moralisch-ethische Positionen rang, kündigte die in Namibia ansässige Hosea-Kutako-Stiftung der Herero an, mit Unterstützung der deutschen Gesellschaft für bedrohte Völker vor einem US-Bundesgericht die deutsche Regierung und deutsche Firmen auf Entschädigungszahlungen in Höhe von mehreren Milliarden US-Dollar zu verklagen. Selbst wenn der juristische Bestand solcher Forderungen zweifelhaft sein mag: es bleibt die Herausforderung, sich der Verantwortung für die Geschichte und Schuld für einen Völkermord vor hundert Jahren zu stellen.[13]

Schließlich gibt es Gründe, weshalb eine Bundestagsentschließung des Jahres 1989 eine besondere Verantwortung der Bundesrepublik Deutschland gegenüber Namibia erklärte. Seinerzeit geschah dies noch im Bonner Bundeshaus. Im April 2001 legten Bundestagsabgeordnete von SPD und Bündnis 90/Die Grünen einen gemeinsamen Antrag zur deutschen Namibia-Politik vor, der auch weiterhin unter Verweis auf die Beschlussfassung von 1989 eine besondere Verantwortung der Bundesregierung gegenüber Namibia (dem ehemaligen „Deutsch-Südwestafrika“) betont.[14] Dies geschah nunmehr an dem Ort, an dem die damaligen Beschlüsse deutscher Kolonialpolitik sowie deren Auswirkungen von den Reichstagsparteien diskutiert wurden. Das ebenfalls wieder in der einstigen Reichshauptstadt beheimatete Auswärtige Amt bekräftigte kaum eine Woche später in einem Strategiepapier und ersten Regionalkonzept für das südliche Afrika diese „besonderen Beziehungen“ zu Namibia.

Dies führt uns nach all den Erinnerungen an die Geschichte nochmals in die deutsche Gegenwart im Berlin des 21. Jahrhunderts zurück. Es sei abschließend erneut auf die eingangs geschilderte Begebenheit verwiesen: Im Rahmen der Veranstaltung zum „Millennium Africa Renaissance Program“ philosophierte der Bundestagsabgeordnete Ströbele in seinen Schlussbemerkungen auch über sein ureigenstes Verhältnis zu Afrika. Er stellte sich vor dem anwesenden Publikum die Frage, warum er so sehr von diesem Kontinent emotional beeindruckt sei, wenn er sich dort als Mitglied mit dem Arbeitsbereich Afrika im Ausschuss für Wirtschaftliche Zusammenarbeit des Deutschen Bundestages befände. Er bemühte dabei auch seinen zeitweiligen Tischnachbarn während dieser Veranstaltung, Außenminister Fischer, als zustimmende Autorität hinsichtlich seines spontanen Erklärungsversuchs: „Vielleicht gibt es so eine Art genetische Erinnerung, weil wir wissen, dass sich möglicherweise auch unsere Herkunft aus Afrika zurückleiten lässt. Lang, lang ist es her, aber irgend etwas in uns scheint sich da zu erinnern.“[15] – Es wäre zu wünschen, das (relative) Kurzzeitgedächtnis deutscher Politiker würde dabei nicht zu Schaden kommen.

 

Nachtrag des Autors vom Juli 2011:

Wer meint, dass die vor fast einem Jahrzehnt beklagte Amnesie hinsichtlich der deutschen Kolonialvergangenheit nunmehr – zumal nach den Gedenkveranstaltungen anlässlich der hundertjährigen Wiederkehr des Genozids an den Herero im Jahre 2004[16] – mittlerweile ad acta gelegt werden könnte, sieht sich leider enttäuscht. Fairerweise muss dem Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele gemessen an den seinerzeit zitierten „Ausrutschern“ erhebliche Lernfähigkeit konzediert werden. Er hat sich seither mehrfach durch inner- und außerparlamentarische Äußerungen und Initiativen (u.a. in Form von Anfragen im Bundestag) aktiv rehabilitiert. Auch äußerte die damalige Ministerin für entwicklungspolitische Zusammenarbeit Heidemarie Wieczorek-Zeul anlässlich einer Gedenkfeier im August 2004 am Waterberg in ungewöhnlich offener und emotioneller Form Reue für die von den „Schutztruppen“ begangenen Verbrechen. Sie räumte ein, dass diese nach dem heutigen Verständnis einem Völkermord gleich kamen und bat „im Sinne des Vaterunsers“ um Vergebung. Die Hoffnung, dass solchen Worten auch entsprechende Taten folgen würden, wurde jedoch enttäuscht.

Die deutsche Außen- und Entwicklungspolitik legte im Juni 2011 ein neues programmatisches Dokument „Deutschland und Afrika: Konzept der Bundesregierung“ vor.[17] Wohlfeile Absichtserklärungen finden sich darin zuhauf. Doch Worte genügen nicht. An deren Umsetzung in Taten sollte sich eine deutsche Afrikapolitik messen lassen. Und daran, dass auch vor der eigenen Haustür gekehrt wird. „Deutschland und Afrika verbindet eine lange gemeinsame Geschichte“, heißt es darin (S. 7). Dass die nicht besonders partnerschaftlich begann, bleibt unerwähnt. Der gegenwärtige Auftrag wertegeleiteter deutscher Politik definiert sich da wohltuend anders: „Deutsche Menschenrechtspolitik kämpft in Afrika gegen die Straflosigkeit schwerer Menschenrechtsverletzungen wie Völkermord oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (S. 11). – Schade nur, dass die eigene Völkermordvergangenheit zu Beginn des 20. Jahrhunderts im südwestlichen und östlichen Teil des Kontinents vornehm verschwiegen wird. Als ob das mit heutigen Beziehungen nichts zu tun hätte. Das ist bestenfalls eine verpasste Chance, sich zu besinnen. Sie hat leider System.

Am 10. Juni 2011 (etwa eine Woche vor der Veröffentlichung des afrikapolitischen Grundsatzpapiers) beantwortete die Bundesregierung eine Kleine Anfrage der Fraktion „Die Linke“ im Bundestag.[18] Zur Frage nach dem Völkermord im damaligen Deutsch-Südwestafrika reagierte sie mit dem Verweis, dass die Völkermordskonvention von 1948 für die Bundesrepublik 1955 in Kraft getreten sei und nicht rückwirkend gelte. Die Bundesregierung habe sich „wiederholt zu der historischen und moralischen Verantwortung Deutschlands gegenüber der Republik Namibia bekannt.“ Sie komme dieser Verantwortung „insbesondere durch eine verstärkte bilaterale Zusammenarbeit – auch auf dem Gebiet der Entwicklungszusammenarbeit – nach“. Der identische Satz findet sich auch in der fünf Tage später erfolgten Beantwortung einer ähnlichen Frage[19] der SPD-Abgeordneten Heidemarie Wieczorek-Zeul. Semantische Spitzfindigkeit oder euphemistische Abtreibung der Völkermordgeschichte? Wie ernst lässt sich das Bekenntnis im neuen afrikapolitischen Konzept nehmen, wenn es mit der Heuchelei hinsichtlich der mangelnden Aufarbeitung eigener Kolonialvergangenheit in Bezug gesetzt wird?

Auch die gleichzeitige Debatte um die Rückführung von Schädeln, die in bislang noch unbekannter Zahl in der Berliner Charité, im Freiburger Universitätsarchiv und möglicherweise auch noch anderswo einlagern und Kriegsrelikte aus der Völkermordzeit in Namibia sind, lässt sich nur schwerlich mit der reklamierten „Wertepolitik“ in Einklang bringen. Die besondere Verantwortung der Bundesregierung wird im konkreten Falle in der Beantwortung der Kleinen Anfrage bequemerweise zur Angelegenheit der Bundesländer und deren kultureller Autonomie deklariert indem erklärt wird, die Bundesregierung könne „aufgrund der Kompetenzverteilung zwischen Bund und Ländern sowie der diversifizierten Trägerschaften in der deutschen Universitäts- und Museumslandschaft nicht selbst über eine Rückgabe entscheiden“. So muss sich die Berliner Zentralregierung halt auch nicht darum kümmern, was in Freiburg und anderswo passiert (oder auch nicht), wenn die namibischen Nachfahren der damals als Beuteobjekte mit Leichenschändung zu „Wissenschaftszwecken“ nach Deutschland verfrachteten Schädel und Gebeine sowie um die Geschichtsaufarbeitung bemühte Bürger in Deutschland vergeblich um detaillierte Aufklärung bitten. Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen. – Die Gegenwart einer wertegeleiteten bundesdeutschen Afrikapolitik schafft durch Verdrängung diese Geschichte nicht aus der Welt.

 


* Der Text erschien zuerst in: Van der Heyden, Ulrich & Zeller, Joachim (Hrg.) Kolonialmetropole Berlin - Eine Spurensuche (Berlin, 2002), S. 67-72

[1] Vortrag des Botschafters der Bundesrepublik Nigeria, Senator Emeka Patrick Echeruo, in: Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen (Hrsg.), Ein ‘Millennium Africa Renaissance Program’. Afrikanische Vision für eine selbstbestimmte Entwicklung. Dokumentation der Anhörung vom 04.04.2001 in Berlin, S. 18-21 (hier: S. 20).

[2] Zusammenfassung und Ausblick von Hans-Christian Ströbele, MdB, in: Ebenda, S. 52-56, hier 55.

[3] Vgl. Henning Melber: Am deutschen Wesen… Kontinuitäten kolonialen Denkens am Beispiel des deutsch-afrikanischen Verhältnisses, in: Rassismus und Migration in Europa, Hamburg und Berlin 1992, S. 247-258; ders.: Der Weissheit letzter Schluss. Rassismus und kolonialer Blick. Frankfurt/M. 1992.

[4] Siehe z.B. die Fallstudie von Henning Melber/Mary Melber/Werner Hillebrecht (Hrsg.), In Treue fest, Südwest! Eine ideologiekritische Dokumentation von der Eroberung Namibias über die deutsche Fremdherrschaft bis zur Kolonialapologie der Gegenwart. Bonn: Informationsstelle Südliches Afrika 1984.

[5] Hannah Arendt: Elemente totaler Herrschaft. Frankfurt/M. 1958.

[6] Peter Schmitt-Egner: Kolonialismus und Faschismus. Eine Studie zur historischen und begrifflichen Genesis faschistischer Bewusstseinsformen am deutschen Beispiel, Giessen und Lollar 1975.

[7] Andreas Eckert in einer Besprechung von Pascal Grosse, Kolonialismus, Eugenik und bürgerliche Gesellschaft in Deutschland 1850-1918, Frankfurt/Main und New York 2000, in: Frankfurter Rundschau, 4. September 2001.

[8] Reichstag, 50. Sitzung, 29. April 1912, Protokoll: S. 1520. Vgl. ausführlicher hierzu Henning Melber: „Es sind doch auch Menschen!“ Die Kolonisierten aus der Sicht deutscher Reichstagsabgeordneter, in: Nangolo Mbumba/Helgard Patemann/Uazuvara Katjivena (Hrsg.): Ein Land, eine Zukunft. Namibia auf dem Weg in die Unabhängigkeit, Wuppertal 1988, S. 119-131.

[9] Reichstag, 127. Sitzung, 6. März 1913, Protokoll: 4335.

[10] Deutsche Kolonialzeitung 1907, S. 10.

[11] Ebenda 1913, S. 172 u. 171.

[12] Henning Melber: Rassismus und eurozentrisches Zivilisationsmodell: Zur Entwicklungsgeschichte des kolonialen Blicks, in: Nora Räthzel (Hrsg.): Theorien über Rassismus, Hamburg 2000, S. 131-163 (zuerst 1989).

[13] Vgl. Henning Melber: Kontinuität totaler Herrschaft: Völkermord und Apartheid in „Deutsch-Südwestafrika“. Zur kolonialen Herrschaftspraxis im Deutschen Kaiserreich, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 1/1992, S. 91-116; Werner Hillebrecht/Henning Melber: Von den Deutschen verschleppt. Spurensuche, in: Nangolo Mbumba/Helgard Patemann/Uazuvara Katjivena (Hrsg.), a.a.O., S. 132-150.

[14] Vgl. hierzu Bundestagsdrucksache 11/4205 vom 15. März 1989 bzw. Deutscher Bundestag – Drucksache 14/5796 vom 4. April 2001.

[15] Zusammenfassung und Ausblick von Hans-Christian Ströbele, MdB, a.a.O., S. 52.

[16] Siehe dazu die Beiträge in Henning Melber (Hg.), Genozid und Gedenken. Namibisch-deutsche Geschichte und Gegenwart. Frankfurt/Main: Brandes & Apsel 2005.

[17] Deutschland und Afrika. Konzept der Bundesregierung. Berlin 2011.

[18] Bundestagsdrucksache Nr. 17-6011 vom 30.05.2011.

[19] Nr. 6-44 für den Monat Juni 2011.