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Das größte Dinosaurierskelett der Welt

Annika Butz

 

Betritt man das Museum für Naturkunde in Berlin, blickt man schon in der Eingangshalle durch die Glasfenster hindurch auf das riesige Skelett eines Dinosauriers, neben dem alle Besucher wie kleine Püppchen wirken. 13,27 Meter hoch ist der „Brachiosaurus brancai“. Damit ist es das „weltgrößte Dinosaurierskelett“. Wer das Eintrittsgeld gezahlt hat und sich in der Ausstellungshalle umsieht, wird zu Füßen des Brachiosaurus das vom Museum stolz aufgestellte Zertifikat für diesen Guiness-Rekord entdecken. Kein Wunder also, dass die imposanten Tierknochen zum Wahrzeichen des Museums für Naturkunde geworden sind. Auf jedem Museumsfaltblatt prangt das Skelett des Saurus, der Museumsshop ist angefüllt mit kleinen und großen, süßen und gruseligen Stoff- und Plastik-Dinos – sein Abbild findet man auf Plakaten, Postkarten, T-Shirts, Butterbrotdosen und zum Verzehr in Form saurer Gummis!

Zertifikat für das "weltgrößte Dinosaurierskelett" im Museum für Naturkunde BerlinGuiness-Rekord: Stolz präsentiert das Berliner Museum für Naturkunde zu Füßen des "Brachiosaurus brancai" das Zertifikat für das "weltgrößte Dinosaurierskelett" (Foto: Annika Butz, 2011)

 

Das Museum für Naturkunde in Berlin – ein Ort der Aufklärung?

In die Vermittlung ihres Wissens über die Lebensweisen der hier ausgestellten Dinosaurier, die vor etwa 150 Millionen Jahren lebten, hat das Museum einiges investiert. Kleine Animationsfilme zeigen, wie die Lebewesen ausgesehen haben könnten, man erfährt, was die Saurier gegessen haben und kann ihre sorgfältig präparierten Zähne bewundern. In den folgenden Ausstellungshallen wird die Evolutionsgeschichte weiterverfolgt.

Unter der Überschrift „Dinosaurierjagd am Tendaguru“ wird dem_der Museumsbesucher – scheinbar- auch ein kleiner Einblick darin vermittelt, wie die Ausgrabungsarbeiten verliefen. Eine Vitrine zeigt einen noch halb im Boden versteckten Knochen; die Ausgrabungswerkzeuge wie eine Schippe und ein Pinsel sind daneben drapiert. Auf dem nebenstehenden Täfelchen kann der_die Interessierte lesen:

Zwischen 1909 und 1913 fand die Deutsche Tendaguru Expedition des Geologisch-Paläontologischen Instituts und Museums der Berliner Universität statt. Am Berg Tendaguru in Ostafrika (Tansania) wurden tausend Skelettreste von Dinosauriern aus Schichten der späten Jura-Zeit ausgegraben. (…) Mehr als 100 Fundstätten mit Saurierknochen wären ohne die tatkräftige Hilfe der bis zu 500 einheimischen Grabungshelfer nicht möglich gewesen. Träger transportierten die schweren Knochenlasten mühevoll durch unwegsames Gelände zum Seehafen von Lindi, was oft drei bis vier Tage dauerte. Alles in allem gelangten 5000 Traglasten mit einem Gesamtgewicht von etwa 250 Tonnen nach Deutschland.[1]

Abtransport der Saurierknochen Ostafrikanische Träger beim Abtransport der Saurierknochen zur Küste, von wo aus sie nach Berlin verschickt wurden, 1909-1913 (Foto: Koloniales Bildarchiv Frankfurt/Main)

 

„Am Berg Tendaguru in Ostafrika“? Kolonialer Kontext von Ausgrabung und heutiger Ausstellung

Wie aus Verlegenheit scheinen die Ausstellungsmacher sich darauf geeinigt zu haben, den Fundort der Knochen auf der Tafel mit „Ostafrika“ zu umschreiben und Tansania in Klammern ergänzend hinzuzufügen. Ostafrika bezeichnet eine riesige Region eines Kontinents. Die Funde wurden jedoch, wie die Tafel richtig wiedergibt, allein im Süden des heutigen Tansania gefunden. Während der Grabungsarbeiten existierte allerdings kein Staat namens „Tansania“. Offiziell nannte man das Gebiet „Deutsch-Ostafrika“ - eine Kolonie des Deutschen Reiches, die das Festland des heutigen Tansania und die Gebiete Burundis und Ruandas umfasste. Elegant verschleiert das Museum hier die Tatsache, dass die Ausgrabungsarbeiten unter dem Schutz der Deutschen Kolonialherrschaft stattfanden.

Und tatsächlich wurden diese Ausgrabungen durch die Kolonialverwaltung unterstützt und vor Ort durchgesetzt : „Als die erste Kunde von der Wichtigkeit der Knochenfundstellen in die Welt gegangen war, hatte das Gouvernement in dankenswerter Fürsorge das Gebiet, in dem zunächst Funde bekannt geworden waren, zum Kronland erklärt, d.h. den Eingeborenen für Anlage ihrer Felder gesperrt.“[2], schrieb einer der Grabungsleiter, Dr. Edwin Hennig (1882-1977), in seinem 1912 veröffentlichten Bericht über die Tendaguru Expedition. „Da lag uns unser Königreich zu Füßen! (…). Hier sollte es sich zwei Jahre wohl leben lassen, das war der freundliche Eindruck beim ersten Überblick auf unser Herrscherreich,“ hielt er später den Moment fest, in dem er zum ersten Mal auf das enteignete Gebiet der späteren Ausgrabung blickte[3], und betonte im Rückblick, nur „angenehmste(r ) und dankbarste(r) Erinnerungen“ an das „Zusammenwirken mit [seinen] Landsleuten“[4] in Deutsch-Ostafrika zu hegen.

Aus der Perspektive des Weißen Deutschen verlief die Expedition tatsächlich „angenehm“ und reibungslos. Doch diese aus seiner Sicht „freundliche“ Situation wurde seit Beginn der Kolonialherrschaft immer wieder gewaltvoll und äußerst blutig erzwungen: Nur zwei Jahre vor dem Beginn der Ausgrabungsarbeiten wütete im Süden des heutigen Tansania noch der blutigste und größte Krieg unter deutscher Kolonialherrschaft, der Maji-Maji-Krieg (1905 – 1908). Über mehr als zwei Jahre hinweg leisteten mehrere ostafrikanische Bevölkerungsgruppen – in unmittelbarer Nähe der späteren Ausgrabungsstätte – erbitterten Widerstand gegen die Deutsche Kolonialherrschaft.

 

Karte DOA Maji Maji KriegKarte der ehemaligen Kolonie "Deutsch-Ostafrika", die das (südöstliche) Gebiet des Maji-Maji-Krieges (1905-07) und die Verteilung der deutschen Truppen kennzeichnet. Die Ausgrabungsstätte des Berliner Museums für Naturkunde bei Tendaguru liegt etwas westlich der Hafenstadt Lindi im Süden des Landes. (Karte aus Götzen, Adolf Graf v.: Deutsch-Ostafrika im Aufstand 1905/1906. Berlin 1909)

 

„Die Deutschen behandeln uns schlecht und unterdrücken uns sehr, weil dies ihr Wille ist“[5]

Auslöser für den Maji-Maji-Krieg waren zahlreiche Gesetzeseinführungen und –veränderungen, die zu einer massiven Verschlechterung des Lebens und zu Verschiebungen innerhalb der Arbeitsteilung und der bis dahin geltenden gesellschaftlich geprägten Geschlechterordnung führten.[6] Unter anderem waren die ostafrikanischen Gesellschaften dazu gezwungen worden, kommunale Baumwollfelder anzulegen und sie in Zwangsarbeit, 28 Tage pro Jahr und pro Person, zu bewirtschaften. Ein Drittel des Ertrages sollte dann nach dem Verkauf in Europa, d.h. mit zeitlicher Verzögerung, an die Zwangsarbeiter ausgezahlt werden. Zwei Drittel des Profits ging an die Weiße Kolonialverwaltung. Der Schwarzen Bevölkerung setzte zudem eine Verschärfung der „Hüttensteuer“ zu. Diese war 1898 eingeführt worden und wurde 1905 de facto vervierfacht. Außerdem war es nun nicht mehr wie bisher möglich, sie in Naturalien zu zahlen. Damit zwangen die Weißen Kolonialherren die Ostafrikaner faktisch zur Lohnarbeit auf den Plantagen Weißer Besitzer.[7] Die Arbeitsbedingungen waren dort so miserabel – körperliche Züchtigungen, rassistische Diskriminierungen, unmenschliche Arbeitszeiten[8] - dass etwa 7-10% der Arbeitenden hier jährlichen verstarben, auf einzelnen Plantagen sogar 26% bis 50%.[9] Nur ausgeklügelte Zwangsarbeitssysteme konnten die Produktion einigermaßen am Laufen halten.[10]

Vor diesem Hintergrund brach 1905 der Maji-Maji-Krieg aus. Die „Deutschen Schutztruppen“ gingen dabei äußerst brutal vor – nicht nur gegen die Schwarzen Kämpfenden, sondern auch gegen die gesamte Bevölkerung:

Wie in allen Kriegen gegen unzivilisierte Völkerschaften (…) war auch im vorliegenden Fall die planmäßige Schädigung der feindlichen Bevölkerung an Hab und Gut unerlässlich. Die Vernichtung von wirtschaftlichen Werten, wie die Abbrennung von Ortschaften und Lebensmittelbeständen erscheint wohl dem Fernstehenden barbarisch. Vergegenwärtigt man sich aber einerseits, in wie kurzer Zeit afrikanische Negerhütten wieder erstehen und wie rasch die Üppigkeit der tropischen Natur neue Feldfrüchte hervorbringt, andererseits, dass in den meisten Fällen wie auch dieser Krieg bewiesen hat, dass ein solches Vorgehen einzig und alleine den Gegner zu Unterwerfung zu zwingen vermag, dann wird man zu einer milderen Auffassung dieser >dira necessitas< gelangen.[11]

So beschrieb Gouverneur Graf von Götzen (1901- 1906) das militärische Vorgehen, unter dem vor allem Kinder, alte Menschen und Frauen litten. Gleichzeitig waren „seit Beginn der Kämpfe allerorten [die Bedingungen der Kapitulation für die Krieger] publik gemacht worden: Auslieferung aller Anführer, die außer dem Strang nichts zu erwarten hatten, Abgabe aller Waffen und Zahlungen von Strafgeldern, welches die deutschen Offiziere in beliebiger Höhe festsetzen konnten. Wo kein Geld vorhanden war, verhängten die Besatzer Zwangsarbeit.“[12]

Gefecht"Überfall auf dem Marsch" ist das Propagandabild des am Maji-Maji-Krieg beteiligten Kolonialmalers Wilhelm Kuhnert betitelt. Es idealisiert den deutschen Kolonialoffizier, verweist aber durchaus realistisch auf die waffentechnische Überlegenheit der kolonialen "Schutztruppe". (Abb. aus Götzen, Adolf Graf v.: Deutsch-Ostafrika im Aufstand 1905/1906. Berlin 1909)

Durch die Kriegshandlungen und die Taktik der „verbrannten Erde“, die um so schärfer zum Tragen kamen, als in der ersten Jahreshälfte 1907 der Regen ausfiel[13], kamen Schätzungen zu Folge zwischen 200 000 – 300 000 Schwarze Menschen ums Leben – etwa ein Drittel der im Kriegsgebiet lebenden Bevölkerung. Camelius Kiango, ein Zeitzeuge des Krieges, berichtete 1967 rückblickend:

Es kamen drei Jahre der Hungersnot. (…) Nie hatte es vor oder nach dem Maji-Maji-Krieg etwas Derartiges gegeben. (…) Die Menschen starben in Massen und die Leichen wurden zum Verwesen liegen gelassen, weil niemand in der Lage war, sie zu beerdigen. Die Menschen schliefen im Freien, denn es gab keine Häuser mehr und die Löwen fraßen einen nach dem anderen. Es gab kein Saatgut, um zu pflanzen. (…) Vor dem Krieg war die Besiedlung sehr dicht und es war sehr schwierig ein Stück Land zu finden, auf dem Nahrung wachsen konnte. Wenn Du ein kleines Stück Land hattest, danktest Du Gott – es gab zu viele Menschen. Ach weh – jetzt siehst Du überall nur Busch.[14]

Während die Bevölkerung der betroffenen Region noch unter den Auswirkungen dieses traumatischen Erlebnisses litt[15], spielte der Krieg für die Wahrnehmung und den Aufenthalt der „Expedition“ kaum eine Rolle. Der Maji-Maji Krieg taucht in der bereits erwähnten Niederschrift des Ausgrabungsleiters Hennig wenn, dann nur als Randbemerkung auf: So beschrieb er beispielsweise, wie er einem Kriegstanz zusah, in dessen begleitenden Gesang immer wieder „Maji-Maji“-Kriegsrufe eingeflochten waren[16] oder – im Anschluss an Erzählungen über seine sonntäglichen Jagdfreuden - wie in einem benachbarten Dorf bereits zehn Menschen durch Löwen ums Leben gekommen waren, da der Schwarzen Bevölkerung „nach dem letzten großen Aufstand alle Gewehre abgenommen“ worden waren.[17] Auch die Unterernährung der Bevölkerung bemerkte er, jedoch ohne dabei über die Ursachen zu reflektieren.[18]

Randnotiz fertig – und weiter geht’s. Für Herrn Dr. Hennig.

„Tatkräftige Hilfe einheimischer Grabungshelfer“? Ausbeutung und Rassismus während der Grabungsarbeiten

Die Weißen Ausgrabungsleiter koordinierten derweil die Ausgrabungsarbeit vor Ort. Weil diese sorgfältig erledigt werden sollten und eine hohe Aufmerksamkeit von den Arbeitskräften verlangten, mussten diese notwendigerweise anders organisiert werden als auf den Plantagen: „Die Arbeitszeit der Leute begann (…) zwischen 5 und 6 Uhr morgens, und dauerte ohne Unterbrechung bis 2 Uhr. Gewisse Abweichungen von dem Betrieb auf Pflanzungen waren durch die ganz andere Art der Arbeit bedingt, Akkordarbeit kam nicht in Frage, da es sich für uns um Qualitätsarbeit handelte“.[19] Dies ist vermutlich ein Grund dafür, dass der Leiter im Gegensatz zu den Plantagenbesitzern an keiner Stelle über Arbeitskräftemangel klagte und nicht von Sabotageakten oder Flucht vom Arbeitsplatz berichtete. Auch wurden die Arbeiter der Ausgrabung wenn nötig ärztlich versorgt. „Verletzungen, Erkältungen, wie sie schon die Arbeit mit sich brachte, Zahn-, Kopf-, Brustschmerzen, waren durchaus an der Tagesordnung (…)“ notierte er später.[20]

Grabungshelfer an AusgrabungsstelleOstafrikanische Grabungshelfer an der Ausgrabungsstelle nahe des Tendaguru in der ehemaligen Kolonie "Deutsch-Ostafrika", heute Republik Tansania, 1909-1913 (Foto: Koloniales Bildarchiv Frankfurt/Main)

 

Hennig gefiel sich in seinem teilweise tagebuchartig geschriebenen Rückblick in der Rolle des vermeintlich „fairen Weißen Arbeitgebers“:

Wir duldeten schweigend auch in unserer Gegenwart einige Minuten des Ausruhens oder eine kurze Eßpause, wenn etwa die Frauen oder Kinder den Männern ein wenig Essen zur Arbeitsstelle brachten. Um so mehr durften wir auf Wirkung rechnen, wenn wir wegen ungenügend erscheinender Leistung während unserer Abwesenheit gelegentlich ein Weiterarbeiten bis 4 Uhr oder bis zum Abend bezw. (…) am Sonntag befehlen mussten.[21]

Der monatliche Lohn lag zwischen 9 (für die normalen Arbeiter) und 10 /11 Rupien (für Aufseher und Präparatoren). Das entsprach einem Gegenwert von etwa 12 bzw. 13,30 - 14,60 (Reichs-)Mark[22], - also umgerechnet etwa einem Stundenlohn von 0,04 (Reichs-) Mark.[23] Dies ist vermutlich vergleichbar mit dem, was die Weißen Kolonialherren und - frauen auch anderswo in Deutsch-Ostafrika zahlten.

In der Position der „einfachen“ Arbeitskräfte – und eben nicht in Leitungsposition - sollten und mussten die Ostafrikaner Hennig zufolge auch verbleiben: „In der Hand des Europäers liegt vor allem die Organisation und auch nach unserer Erfahrung kann er darin durch Schwarze nie ersetzt werden“.[24] Auch an anderer Stelle beschrieb der Ausgrabungsleiter sein dualistisches Gedankenkonstrukt:

Einem Kulturmenschen ist eine stärkere Selbstbeherrschung seit langen Generationen eingeimpft, die dem Naturkinde im gleichen Maße nicht gegeben ist. Ohne zielbewußte Leitung durch die Allgemeinheit – sie mag durch die Person eines einheimischen Sultans sprechen oder durch einen Fremdherrscher, der an seine Stelle tritt – scheint die Angehörigen der Stämme, die ich kennen zu lernen Gelegenheit hatte, gewissen Versuchungen gegenüber die sittliche Kraft zu verlassen.[25]

„Rassen“ werden konstruiert, Schwarz und Weiß (sprich Europäer) mit Konnotationen versehen: Kultur, erwachsen, Ratio, beherrscht = Weiß und Natur, Kind, Physis, triebhaft = Schwarz. Sein Rassismus legitimierte die gewaltvollen Kolonialverhältnisse und die privilegierte, angenehme Stellung, die Hennig selbst darin einnahm.

„Warum sollte das Dinosaurierskelett nicht in Tansania [ausgestellt] sein?“[26]

Rückblickend resümierte Hennig:

In der Berechnung vom Werte unserer deutschen Kolonien für das Mutterland muss zweifellos als wichtiger Faktor die Bereicherung eingestellt werden, die unserer nationalen Wissenschaft und unserer heimischen Sammlungen und Museen aus diesem Besitze zufließt (…). Zurzeit hat die größte der deutschen Kolonien, Deutsch-Ostafrika einen unerwarteten Schatz hergegeben, dessen materieller Wert gewiss nur durch sechsstellige Zahlen auszudrücken wäre. In Gestalt einer Unzahl versteinerten Knochen (…) ist er dem Berliner Naturkundemuseum einverleibt worden (…). Mit einem Schlage ist durch diesen Zuwachs die geologisch-paläontologische Abteilung des Berliner Museums den berühmten nord-amerikanischen Sammlungen ebenbürtig geworden (…).[27]

Das Skelett des Brachiosaurus im Museum für NaturkundeHaupthalle des Berliner Museums für Naturkunde mit dem Skelett des "Brachiosaurus brancai". (Foto: Annika Butz, 2011)

 

Dr. Paul Msemwa, Direktor des National Museums Tansanias in Dar-es-Salaam, sagt dazu in einem Interview: “In dieser Zeit gab es zahlreiche Forschungsarbeiten. Diese Sammlungen wurden außerhalb des Landes gebracht.“[28] Der Museumsdirektor findet - ebenso wie einige tansanische Politiker und Wissenschaftler der Universität Dar-es-Salaam - dass die rechtliche Grundlage für den Verbleib der Ausstellungsobjekte, die aus Tansania heraus geschafft wurden, nicht mehr die der gewaltvollen kolonialen Fremdherrschaft sein kann: „Diese Sammlungen haben im Moment keine rechtliche Grundlage, weil sie im kolonialen Kontext außer Landes geschafft wurden“. Prinzipiell scheint auch das Ministerium für Natürliche Ressourcen und Tourismus an einer Rückgabe der Sammlung der Dinosaurierknochen interessiert zu sein.[29] Weiter führte er aus er: „Die Idee, die Sammlungen zurück zu bekommen, kam vor ein paar Jahren auf – sie wurde insbesondere durch Diskussionen von Politikern initiiert, die das Bedürfnis hatten, dass Tansanias Erbe, das in verschiedenen Zeiten außer Landes gebracht worden ist – ins Land zurückgebracht werden sollte.“ Dr. Msemwa zu Folge sollte es daher Verhandlungen geben: „Der beste Weg, sich der tansanischen Sammlungen zu versichern, (…) ist über Verhandlungen, über Diskussionen. Eine erfolgreiche Diskussion sollte, so denke ich, über UN-Abkommen vermittelt werden.“

Noch sieht der Direktor die Zeit für diese Gespräche allerdings nicht für gekommen: „ Aber es gibt auch eine Anzahl von Dingen, die Tansania erfüllen müsste – wahrscheinlich am besten, bevor wir in Verhandlungen z.B. mit Deutschland, Großbritannien oder anderen Ländern gehen. Zuerst, denke ich – und ich spreche hier als Fachmann – wäre sicherzustellen, dass wir eine gute Infrastruktur haben für eine angemessene Konservierung der Kostbarkeiten, wenn sie zurück nach Tansania gebracht werden.“ Zur Zeit wären weder die Räumlichkeiten gegeben noch die finanziellen Mittel zur Erhaltung der Ausstellungsobjekte vorhanden. Trotzdem kommt Msemwa nicht zu der Schlussfolgerung, dass alles so bleiben solle, wie es ist. Er fordert im Gegensatz dazu eine Auseinandersetzung mit der Thematik - auch von seinen deutschen Kollegen:

Aber was so wichtig ist und ich denke, das ist entscheidend, ist das gesellschaftliche Bewusstsein. Wir müssen dringend darin investieren, dass die Tansanier den Wert und die Wichtigkeit dieses Erbes erkennen. Wenn die Öffentlichkeit die Wichtigkeit dieses Erbes nicht sieht, werden wir den politischen Willen nicht haben, die Sammlungen zurück nach Tansania zu holen (…). Aber das öffentliche Bewusstsein – das gilt für beide Seiten, d.h. für den tansanischen Standpunkt, als auch für unsere Kollegen aus Deutschland und Großbritannien – ist nötig, um zu verstehen, warum die Menschen hier wütend sind. Auch wenn es um ein Welterbe geht, identifizieren sich auch die Tansanier damit. Warum sollte es [das Dinosaurierskelett, A.B.] nicht in Tansania [ausgestellt, A.B.] sein? Ich würde also sagen, das öffentliche Bewusstsein ist der Schlüssel – für beide Partner. Also, lasst uns hart daran arbeiten – in Deutschland und in Tansania, so, dass sich beide Seiten, wenn sie diskutieren, verstehen. Das ist wirklich von Nöten!

Obwohl die Verantwortlichen des Museums für Naturkunde in Berlin die „Kommunikation mit Gesellschaft und Politik“ als „zentrale Aufgaben aller Mitarbeiter des Museums“[30] ansehen, scheinen sie – dem Programmtext und den Medienberichten zu Folge - selbst den 100. Jahrestag des Ausgrabungsbeginns nicht dazu genutzt zu haben, einen kritischen Blick auf die Hintergründe der Ausstellung zu werfen. Das zu diesem Anlass eigens veranstaltete Fest schien eher den gegenteiligen Charakter zu haben: So wurde zu einer Führung in den „Knochenkeller" eingeladen, wo man einem „einmaligen Ereignis beiwohnen [konnte]: Eine Transportbox der Tendaguru-Expedition, noch originalverpackt, wird vor Ihren Augen geöffnet. Selbst unsere Paläontologen wissen nicht genau, was sich in dieser Box verbirgt!“[31] Weiter heißt es: „Abends begleiten wir die Forscher auf ihrer Expedition nach Afrika - in Auszügen lesen Wissenschaftler des Museums aus den Tagebüchern und Expeditionsberichten, präsentieren alte Fotos sowie Zeichnungen und zeigen Fundstücke, die teils noch originalverpackt in unseren Sammlungen lagern.“ Gemeint ist hier u.a. der auch in diesem Artikel zitierte Bericht Hr. Dr. Hennigs.[32] Damit setzt das Berliner Museum seine ungebrochen eurozentristische Perspektive auf die Geschichte der Expedition fort.

Was bleibt ist ein „stechende[r] Schmerz des Gedächtnisses“.[33]

Dino-VermarktungVerkaufsschlager Dino: Ob aus Plastik, Gummi oder Stoff, das Museum für Naturkunde bietet Dinosaurier in allen Farben und Größen an. (Foto: Annika Butz, 2011)

 


 

[1] Zitiert von der Ausstellungstafel im Museum; gesehen Nov. 2011.

[2] Hennig, Dr. Edwin: Am Tendaguru. Leben und Wirken einer deutschen Forschungsexpedition zur Ausgrabung vorweltlicher Riesensaurier in Deutsch-Ostafrika. E. Schweizerbart‘sche Verlagsbuchhandlungen; Stuttgart 1912, S.24f..

[3] ebenda, S.20.

[4] ebenda,S.9.

[5] Agnes Achitinao, 18-jähriges Schulmädchen aus Chiwata, 1898, zitiert aus: Gwassa, G. C. K., Iliffe, John (Hrg.): Records of the maji maji rising. Part one, East African Publishing House, Nairobi 1968; S.5; Übersetzung aus dem Englischen: A. Butz.

[6] Eine Diskussion der verschiedenen Forschungsansätze und der damit verbundenen Interpretationen für die Hintergründe des Krieges in Butz, Annika: Das Gedenken an die Deutsche Kolonialvergangenheit am Beispiel des Maji-Maji-Krieges hundert Jahre nach seinem Ausbruch. Chancen und Grenzen eines gemeinsamen deutsch-tansanischen Gedenkens, Diplomarbeit, 2008, S.19ff..

[7] Da ganz überwiegend Männer die Plantagen besaßen wird hier durchgehend die männliche Form benutzt.

[8] Siehe dazu auch Tetzlaff, Dr. Rainer: Koloniale Entwicklung und Ausbeutung. Wirtschafts- und Sozialgeschichte Deutsch-Ostafrikas 1885 – 1914, S. 249ff. Der Autor zitiert dort auch Gouverneur Rechenberg: “Wenn ein Jumbe gebunden und geprügelt wird, ein anderer mit 15 Stockschlägen traktiert, ein dritter mit einer Portion Ohrfeigen regaliert wird, wenn ein Plantagenleiter sich sogar vergisst, die Weiber zweier angesehene Wasuaheli vier Stunden bei sich im Zelt zurückzubehalten und die nachher…geschlechtlich gebraucht, so werden sich die Betreffenden nicht wundern dürfen, wenn sie… nur wenig oder einen geringe Arbeiterzuzug zu verzeichnen haben.“ (S. 250) (Jumbe: Angestellter der deutschen Kolonial-Administration, untere Hierarchie, meinst Schwarze; Wasuaheli: Ostafrikaner; Anmerkung: A. Butz); daneben nennt er geringe Löhne und das koloniale Verhältnis zwischen Plantagenbesitzer und Arbeitenden als wichtigste Ursachen für den dauerhaften Mangel an Arbeitskräften.

[9] ebenda, S. 253.

[10] Zu den verschieden Methoden der erzwungenen Rekrutierung Schwarzer Arbeitskräfte vgl. Tetzlaff, Dr. Rainer: Koloniale Entwicklung und Ausbeutung, S. 234. Diese führten auch zu einer „‘nicht unbedeutenden Auswanderung‘ nach Britisch-Ostafrika“ (S.235f.) .Tetzlaff zitiert hier auch einen Schutzgebietsarzt: „Ein blühender, junger Mann zog fort zur Arbeit – ein elender, gealterter Mann kehrte heim – Hütte und Acker findet er verwahrlost, die Familie im Elend, nur all seine Krankheiten schleppt er mit sich und infiziert damit Familie und Volk“ (S.254).

[11] Gwassa, G. C. K.; Iliffe, John (Hersg.): Records of Maji-Maji Rising. S. 27.

[12] Becker, Felicitas: Von der Feldschlacht zum Guerillakrieg; in: Becker, Felicitas, Beez, Jigal (Hrgs.): Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika. 1905-1907; Ch.Links Verlag, Berlin 2005, S. 84.

[13] Vgl. Wimmelbücker, Ludger: Verbrannte Erde. Zu den Bevölkerungsverlusten als Folge des Maji-Maji-Krieges. In: Becker, Felicitas, Beez, Jigal: Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika, S. 99.

[14] Gwassa, G. C. K.; Iliffe, John: Records of Maji Maji Resing, S. 27.

[15] Der neue Gouverneur Deutsch-Ostafrikas, Freiherr Albrecht von Rechenberg (1906-1912), versuchte sich mit einer „reformierten“ Kolonialpolitik und erwirkte einige Gesetzesänderungen und Neueinführungen, die u.a. die „Rechte“ und den „Arbeitsschutz“ von „Wanderarbeitern“ betrafen. Aus verschiedenen Gründen – u.a. wegen fehlender Kontrolle – wirkten sich diese Neuerungen faktisch kaum oder gar nicht auf die Lebenssituation der kolonisierten Bevölkerung aus. Ziel dieser „Reformpolitik“ war, wegen der hohen Kosten weitere kriegerische Widerstandshandlungen der Bevölkerung zu vermeiden und eine „weitere Entvölkerung Deutsch-Ostafrikas (….) und somit eine Verminderung des wertvollsten Produktionsmittels“ zu verhindern und die Weiße Herrschaft über die Schwarze Bevölkerung nicht zu gefährden. Vgl. hierzu Tetzlaff, Dr. Rainer: Koloniale Entwicklung und Ausbeutung, S. 222ff..

[16] Hennig, Dr. Edwin: ebenda, S. 14f..

[17] ebenda, S. 18.

[18] ebenda, S.39.

[19] ebenda, S. 38.

[20] ebenda, S. 29

[21] ebenda, S. 39.

[22] Vgl. ebenda. S. 41.

[23] Berechnet nach einer 6 Tage-Woche und einem 8 Stunden Tag.

[24] Hennig, Dr. Edwin: Am Tendaguru, S. 39.

[25] ebenda, S. 33.

[26] Interview von A. Butz mit Herrn Dr. Paul Msemwa im September 2009, Übersetzung aus dem Englischen A. Butz.

[27] Hennig, Dr. Edwin: Am Tendaguru, S. 7.

[28] Dieses wie alle weiteren Zitate ist dem oben erwähnten Interview entnommen.

[32] ebenda, (10/2011)

[33] Soyinka, Wole: Die Last des Erinnerns. Was Europa Afrika schuldet – und was Afrika sich selbst schuldet; Patmos Verlag GmbH & Co.KG 2.Aufage 2001, S. 37.