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UMBENENNUNG DER PETERSALLEE 

Bündnis "Decolonize Berlin" fordert Senat und Bezirk Mitte zur Umbenennung der Petersallee auf

 

NGO-Bündnis „Decolonize Berlin“

c/o Berlin Postkolonial e.V.

Projektbüro

Kameruner Straße 1

13351 Berlin

 

An den Regierenden Bürgermeister von Berlin

Michael Müller

 

An den Senator für Kultur und Europa

Dr. Klaus Lederer

 

An den Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte

Stephan von Dassel

30. Mai 2017

OFFENER BRIEF

zur Umbenennung der Petersallee im „Lern- und Erinnerungsort Afrikanisches Viertel“

 

Sehr geehrter Herr Müller,

sehr geehrter Herr Dr. Lederer,

sehr geehrter Herr von Dassel,

nach Jahrzehnten der wachsenden öffentlichen Kritik, die zuallererst von den in Berlin lebenden Nachfahren Kolonisierter geäußert wird, hat die BVV von Berlin Mitte am 19.05.2011 beschlossen, „das Afrikanische Viertel zu einem Lern- und Erinnerungsort über die Geschichte des deutschen Kolonialismus, seine Rezeptionsgeschichte sowie über den Unabhängigkeitskampf der afrikanischen Staaten“ zu entwickeln (Drucksache 2110/III).

Auf dem Weg dorthin wurde 2012 eine erste kritische Informations-Stele errichtet und 2012-2015 durch Expert_innen der Afrikanischen/Schwarzen Community das bundesweit einzigartige Bezirksprojekt „Lern- und Erinnerungsort Afrikanisches Viertel – LEO“ erfolgreich realisiert. Im Rahmen von zahlreichen Bildungsveranstaltungen des LEO-Projekts und mehr als 100 Stadtführungen durch unsere Bündnisgruppen wurden in den vergangenen Jahren jeweils Hunderte von Besucher_innen und Bewohner_innen Berlins kritisch über den deutschen Kolonialismus und über die persönliche Verantwortung der drei Begründer der deutschen Kolonien in Afrika informiert, die hier in Deutschlands größtem kolonialpropagandistischen Flächendenkmal während der Kolonial- bzw. NS-Zeit durch Straßenbenennungen geehrt wurden.

Im Ergebnis dieses breitenwirksamen Aufklärungsprozesses hat die BVV am 17. März 2016 das Bezirksamt beauftragt, „Umbenennungsvorschläge für die Petersallee, die Lüderitzstraße und den Nachtigalplatz“ vorzulegen, um drei „Persönlichkeiten – insbesondere Frauen – der (post-) kolonialen Befreiungs- und Emanzipationsbewegung aus Ländern Afrikas“ zu ehren (Drucksache 2568/IV). Die Berliner Bevölkerung, die aufgerufen wurde, Namensvorschläge für die Neubenennung dieser drei kolonialen Erinnerungsorte einzureichen, hat dafür zahlreiche Persönlichkeiten vorgeschlagen. Die vom Bezirksamt beauftragte Jury arbeitet derzeit an einer Vorauswahl.

Berlin ist damit auf dem Weg, sein Kolonialviertel im Wedding zu einem Lern- und Erinnerungsort umzugestalten, der den bislang irreführenden Namen Afrikanisches Viertel wirklich verdient. Die Stadt hat die großartige Gelegenheit, ein europaweit einmaliges und beispielgebendes Flächendenkmal zu schaffen, in dem der deutsche und europäische Kolonialismus kritisch thematisiert und der afrikanische Widerstand gewürdigt wird.

Nicht zuletzt mit Hinsicht auf die aktuelle UN-Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft und auf die entsprechenden Koalitionsvereinbarungen der Berliner Regierungsfraktionen (S. 124) begrüßen das NGO-Bündnis „Decolonize Berlin“ und die hier unterzeichnenden Organisationen und Institutionen diesen Prozess, den sie selbst mit initiiert haben. Gerade deswegen müssen wir jedoch Einspruch erheben, wenn nun gerade die Straße mit dem unerträglichsten Namen – die 1939 von den Nazis nach dem berüchtigten Kolonialverbrecher Carl Peters (1856-1918) benannte Petersallee – von der bereits beschlossenen Umbenennung wieder ausgenommen werden soll.

In Würdigung des antikolonialen Widerstands hatten Die Grünen (damals AL) bereits 1986 die Umbenennung der Allee zu Ehren einer Persönlichkeit des afrikanischen Unabhängigkeitskampfes gefordert. Der Bezirk lehnte die vorgeschlagene Ehrung von Afrikaner_innen damals ab und reagierte stattdessen mit einer „Umwidmung“ der Straße, begleitet von der Anbringung einzelner Zusatzschilder mit der Aufschrift „Prof. Dr. Hans Peters - Stadtverordneter“. Ein solches Vorgehen ist in dieser Stadt wohl einzigartig und uns weder von den zahlreichen Straßenumbenennungen mit nationalsozialistischen noch mit kommunistischen Namensgeber_innen bekannt.

Mit Blick auf die Schaffung eines dekolonisierten „Lern- und Erinnerungsortes Afrikanisches Viertel“ hat sich die Mehrheit der Bezirksverordneten nun endlich zur Korrektur dieses fragwürdigen Beschlusses entschieden. Überzeugend begründet wurde dies eher pragmatisch als prinzipiell damit, dass sich die bloße „Umwidmung“ der Allee als nicht hinreichende Distanzierung von der NS-Glorifizierung des Kolonialverbrechers Carl Peters erwiesen hat, über die heute weit mehr Menschen im Bilde sind als noch vor 30 Jahren.

So wird der Beschluss des Bezirkes von 1986 von den meisten Teilnehmenden der Bildungsrundgänge durch den Lern-und Erinnerungsort schon jetzt als äußert fragwürdiger Umgang mit der deutschen Kolonial- und NS-Geschichte sowie als Widerstand gegen die Ehrung verdienter afrikanischer Persönlichkeiten in Berlin bewertet. Wieviel eher wird die Umwidmung der Petersallee aber erst im räumlichen und historischen Kontext des zu gestaltenden „Lern- und Erinnerungsortes Afrikanischen Viertel“ als historisch verantwortungsloser Etikettenschwindel beurteilt werden, wenn die Allee neben den Straßen für zwei afrikanische Persönlichkeiten zu finden ist?

Als weitere Begründung für eine Umbenennung der Petersallee wurde zu Recht angeführt, dass Prof. Dr. Hans Peters (1896-1966), verdienter Widerständler gegen den Nationalsozialismus, mit einer aus der Not geborenen „Umwidmung“ der Allee alles andere als die ihm zustehende Würdigung erfährt. In der Tat kann doch wohl nicht ernsthaft von einer Ehrung die Rede sein, wenn der für verfolgte jüdische Mitbürger_innen eintretende Staatsrechtler als Ersatzmann für ein rassistisches NS-Idol gleichen Nachnamens herhalten muss.

Den von der zuständigen Bezirksstadträtin auf der Sitzung des Ausschusses für Bildung und Kultur am 10.5.2017 vorgebrachten Einwand, dass die Umbenennung der Petersallee laut Ausführungsvorschrift zum Straßengesetz nicht möglich wäre, weil dem jetzigen Namensgeber Prof. Dr. Hans Peters nichts vorzuwerfen sei, halten wir daher für absurd. Für uns lässt sich dies nur als Ausdruck fehlenden politischen Willens zur vollständigen Umsetzung der BVV-Beschlüsse von 2011 und 2016 interpretieren.

Wir rufen den Berliner Senat und das Bezirksamt von Berlin Mitte nachdrücklich dazu auf, die Beschlüsse der BVV Berlin Mitte zur konsequenten Dekolonisierung des „Lern- und Erinnerungsortes Afrikanisches Viertel“ umzusetzen und den Widerständler Prof. Dr. Hans Peters noch vor der Bundestagswahl im September 2017 mit der Benennung einer neu angelegten Straße außerhalb des Viertels zu ehren.

 

Bündnis „Decolonize Berlin“

AfricAvenir International

Amnesty International, Themengruppe Antirassismus

BER | Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag

Berlin Postkolonial

glokal

ISD | Initiative Schwarze Menschen in Deutschland

Tanzania-Network.de

 

Unterstützt von:

Akademie der Künste der Welt, Köln

ADEFRA roots

AfricAvenir International, Windhoek

afrika-hamburg.de

AK Kritische Theaterpädagogik

AKS | Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit Berlin

Annemie Vanackere (Intendantin HAU Hebbel am Ufer) und das Team des HAU Hebbel am Ufer

anti-bias-netz Berlin

Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin des Türkischen Bundes in Berlin-Brandenburg

Art Labour Archives

ARiC | Antirassistisch Interkulturelles Informationszentrum Berlin

Barnimer Kampagne „Light me Amadeu“, Eberswalde

BE.BOP. BLACK EUROPE BODY POLITICS

Bündnis gegen Rassismus

Bündnis „Hände weg vom Wedding“

Bündnis „No Humboldt 21!“

Bündnis „Völkermord verjährt nicht!“

Carpus

DAFRIG | Deutsch-Afrikanische Gesellschaft

Decolonize Bremen

Dresden Postkolonial

Flinn Works

freedom roads! koloniale straßennamen | postkoloniale erinnerungskultur

GSE | Gesellschaft für Solidarische Entwicklungszusammenarbeit Berlin-Brandenburg

hannsjana

Initiative Barnim für alle

Initiative Intersektionale Pädagogik

Inssan

IPW | Initiative Perspektivwechsel

Initiative ZusammenLeben

IDB | Institut für diskriminierungsfreie Bildung

Interkulturelles Frauenzentrum S.U.S.I.

KiK | Kolonialismus im Kasten?

Kontakt- und Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt, Bernau

Label Noir

MAKSA | Mainzer Arbeitskreis Südliches Afrika

MEPa | Migration, Entwicklung, Partizipation

Migrationsrat Berlin-Brandenburg

Move Global – Berliner Verband migrantisch-diasporischer Organisationen in der Einen Welt

[muc] münchen postkolonial

NARUD

Redaktion der Zeitschrift „PERIPHERIE. Ökonomie * Politik * Kultur“

Phoenix

Postcolonial Potsdam

Projekt „Nicht ohne meinen Glauben“

Roter Stern Berlin 2012

Sabisa – performing change

schwarzweiss

SOS Rassismus Barnim

SoWi Fachschaft der Humboldt-Universität Berlin

Stiftung Nord-Süd-Brücken

Studierendenkreis Postkoloniales Berlin

SDHG | Schwarze Diaspora Hochschulgruppe Uni Potsdam

Theaterwerkstatt KURINGA

Transnational Decolonial Institute