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"Wollen sie uns verhöhnen?"

 Menschliche Überreste namibischer Kolonisierter bei der Übergabe an die Nachfahren in der Charité 2014 (Foto: Berlin Postkolonial)

Bis heute werden in den Sammlungen deutscher Museen die Gebeine zahlreicher Kolonisierter erforscht. Ein Gespräch zwischen Mnyaka Sururu Mboro und Christian Kopp über die Gründe für diesen unerträglichen Zustand.

Christian Kopp: Mboro, Du engagierst Dich seit Jahrzehnten für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus und seinen Kontinuitäten. Du setzt Dich unter anderem für die Umbenennung von Straßen ein, die Kolonialverbrecher ehren, und leitest Fortbildungsrundgänge durch das postkoloniale Berlin. Was treibt Dich an?

 Mnyaka Sururu Mboro: Ich habe die britische Herrschaft über Tanganjika und die Zeit der Unabhängigkeitsbewegung noch persönlich erlebt. Meine Großmütter haben mir viel über die Zeit der deutschen Fremdherrschaft bis 1918 erzählt. Abends hörte ich Geschichten über Hermann Wissmanns Kriegszüge und über die „Bluthand“ Carl Peters, aber auch über den Widerstand unter Mangi Meli, dem legendären Anführer der am Kilimanjaro lebenden Wachagga. So etwas brennt sich tief ein.

Und wenn Du dann hier in Berlin stehst und siehst, dass es noch immer zwei Wissmannstraßen und eine Petersallee gibt, und dass die Stadt von Kolonialismus und Rassismus nichts zu wissen vorgibt, dann liegt es nahe, selbst zu erzählen: Von der Zwangsarbeit, von Boykott und Schlägen, von Kolonial- und Widerstandskriegen, von der Verteufelung unserer Kulturen und Religionen durch die Missionare. Für mich ist dieser Einsatz also selbstverständlich. Was aber bewegt Dich als Weißer, Dich über so viele Jahre hinweg mit diesem Thema zu beschäftigen?

 Christian Kopp: Ich habe bezeichnenderweise erst lange nach meinem Geschichtsstudium, vor etwas mehr als zehn Jahren, von Dir und anderen Tansaniern mehr über unsere „geteilte“ Kolonialvergangenheit erfahren. Es war nicht schwer zu erkennen, dass uns diese verdrängte Gewaltgeschichte eher trennt als verbindet. Ihr habt mir jedoch klar zu verstehen gegeben, dass mein persönlicher Umgang mit dieser Vergangenheit darüber entscheidet, ob dieser historische Abgrund zwischen uns überbrückt werden kann.

Seitdem setze ich mich mit dem Thema auseinander und unterstütze das Engagement der Nachfahren Kolonisierter für symbolische und materielle Reparationen. Mir scheint dieses Engagement nirgendwo dringlicher als bezüglich des skandalösen Umgangs westlicher Museen mit ihren riesigen Sammlungen sterblicher Überreste von Menschen aus ehemaligen Kolonien. Du selbst hast ja eine ganz persönliche Beziehung zu diesem Thema. 

Mnyaka Sururu Mboro: Das kann man wohl sagen! Als meine Großmutter hörte, dass ich nach Deutschland gehen würde, musste ich ihr versprechen, nach dem Kopf unseres hingerichteten Widerstandsführers Mangi Meli zu suchen und mich um dessen Rückführung zu kümmern. Meli wurde im März 1900 gemeinsam mit 18 Gefolgsleuten erhängt, und die Wachagga sind sich sicher, dass sein Haupt danach abgetrennt und nach Deutschland verschickt wurde. Für uns, die wir alle auf dem Land der Familie beigesetzt werden, ist es unerträglich, dass Melis Kopf niemals beerdigt werden konnte, zumal die Häupter der Verstorbenen bei uns eine besondere Rolle spielen. So werden diese immer nach dem Kibo, dem höchsten Berg des Kilimanjaro-Massivs, ausgerichtet. Die Schädel der Familienoberhäupter werden zudem nach einem Jahr ausgegraben und unter einem heiligen Baum, dem Isale, erneut feierlich beerdigt.

Schon seit den 1960er Jahren haben sich die Wachagga und speziell die Nachfahren Mangi Melis daher immer wieder bemüht, seinen Kopf in Deutschland ausfindig zu machen. Viele betrachten dessen Abwesenheit als Grund für jedes Unglück, das die Wachagga seitdem befallen hat. Erst kürzlich gab es eine erneute Anfrage an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Fällt es Dir schwer, das nachzuvollziehen?

 Kampagnenposter "Set them free" (Copyright: Y. Le Gall / Berlin Postkolonial)

Christian Kopp: Nicht im Geringsten, ich würde doch auch nicht wollen, dass die sterblichen Überreste meiner Vorfahren am anderen Ende der Welt auf ewig in einem Schuhkarton liegen! Für mich ist es absolut nachvollziehbar, dass Menschen, die herausfinden, dass ihre verstorbenen Vorfahren für rassistische Forschungszwecke nach Europa verschleppt wurden, die Gebeine ihrer Ahnen zurückhaben und würdevoll bestatten wollen.

So wünschen sich ja nicht nur Mangi Melis Kindeskinder den Kopf ihres Ahnen zurück. Auch der Nama Timothy Frederick aus Namibia hat hier in Berlin im Juli 2015 in bewegenden Worten von Deutschland die Rückgabe des Schädels seines Vorfahren Cornelius Fredericks gefordert. Der legendäre Widerstandsführer ist 1906 im Konzentrationslager in der Lüderitzbucht ermordet und der Nama-Überlieferung nach enthauptet worden.

 Mnyaka Sururu Mboro: Die Gebeine von prominenten Widerstandsführern haben natürlich auch eine große politische, kulturelle und spirituelle Bedeutung für die gesamte Community – auch aus diesem Grund sind sie ja häufig verschleppt worden. Das berüchtigtste Beispiel dafür ist wohl die Geschichte vom Kopf des 1898 in den Tod getriebenen Wahehe-Herrschers Mkwawa.

Sein Haupt wurde von den Deutschen vor Ort als Symbol für den gebrochenen Widerstand der Wahehe ausgestellt und später von Rudolf Virchow in Berlin gründlich untersucht. 1954 musste er entsprechend einer britischen Forderung im Versailler Vertrag von Deutschland zurückgegeben werden. Die Gebeine seines Vaters und die Schädel seiner ebenfalls ermordeten Brüder sind nach meinen Informationen jedoch bis heute in Berlin.

 Christian Kopp: Ja, die Akten des Ethnologischen Museums in Berlin deuten darauf hin, und es ist unverzeihlich, dass die Sammlungsverantwortlichen hier nicht längst aktiv geworden sind. Vergegenwärtigt man sich den Rummel um die Gebeine katholischer Heiliger oder der preußischen Herrscher wie Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II., die von den Nazis vor den Alliierten versteckt wurden, scheint es mir ausgeschlossen, dass man die Bedeutung der Rückgabe für die Mkwawa-Familie und für die Wahehe hier nicht erkennen kann.

Es sollten aber auch die Gebeine von weniger bekannten Personen und auch anonyme menschliche Überreste aus der Kolonialzeit schnellstmöglich zur Rückgabe angeboten werden, wenn ihre Herkunft bekannt ist. Dies sollte proaktiv geschehen, das heißt die Initiative muss – anders als bislang üblich – von den Museen selbst ausgehen. Das gebietet der Respekt vor den Nachfahren, die ja in der Regel nicht wissen können, wohin die sterblichen Überreste ihre Ahnen verschleppt wurden. Auch westliche Staaten wie die USA repatriieren ihre im letzten Jahrhundert gefallenen Kriegstoten ja im großen Stil. Wenn nicht mehr dokumentiert ist, als dass die Überreste aus Afrika stammen, sollte meiner Meinung nach an die afrikanische Community hier in Deutschland herangetreten werden, um eine würdevolle Bestattung zu ermöglichen.

Mnyaka Sururu Mboro: Ich fürchte, da sind wir trotz der von Australien, Neuseeland und Namibia erwirkten Rückgaben aus Deutschland noch lange nicht, zumal sich die Regierungen anderer Länder – darunter auch die Tansanias – nicht annähernd so einsetzen für die Rechte der Nachfahren. Schaut man sich die aktuellen Erklärungen der deutschen Museen zum Thema genauer an, wird auch deutlich, dass sich die Einrichtungen noch immer als rechtmäßige Besitzer unserer Vorfahren betrachten. Sie betonen darin, dass sie lediglich in Einzelfällen, in denen ein „Unrechtskontext“ nachgewiesen werden kann, verhandlungsbereit sind.

Die Definition dieses „Unrechtskontextes“ behalten sie sich allerdings selbst vor. Die koloniale Fremdherrschaft an sich kann ihrer Meinung nach nicht als ein solcher betrachtet werden. Was wollen uns die Verantwortlichen damit erzählen? Dass unsere Vorfahren die Gebeine ihrer eigenen Verwandten aus freien Stücken verschenkt oder verkauft hätten? Wollen uns die Deutschen zu allem Überfluss noch verhöhnen?

 Christian Kopp: Besonders besorgt mich, dass es bei alldem um mehr als um den weiteren Verbleib der menschlichen Überreste geht. Die rassenanthropologischen Sammlungen sind ja nicht nur im kolonialen Unrechtskontext sondern auch nach den Kriterien einer menschenverachtenden Wissenschaft angelegt worden. Diese fand ihren grausigen Tiefpunkt nur wenige Jahrzehnte später in der Auswahl und Tötung von Juden zur Ergänzung der bestehenden Lehr- und Forschungssammlungen.

Ich finde es daher mehr als fragwürdig, wenn heute auf den unschätzbaren Wert rassenanthropologischer Sammlungen für eine nun angeblich dem Menschen dienende Wissenschaft verwiesen wird. Nicht nur steht dazu die jahrzehntelange Vernachlässigung der außereuropäischen Gebeine und ihrer sorgfältigen Dokumentation durch die Museen im Widerspruch. Vielmehr macht diese Begründung deutlich, dass weiße deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die sterblichen Überreste von kolonisierten Schwarzen Menschen und People of Color auch in Zukunft als „Forschungsobjekte“ missbrauchen wollen.

Mnyaka Sururu Mboro ist Ingenieur und Berufschullehrer, Referent, Aktivist und Vorstandsmitglied bei Berlin Postkolonial.

Christian Kopp ist Historiker, Aktivist und Vorstandsmitglied bei Berlin Postkolonial.

Im Rahmen des Projekts „Just Listen – Globalgeschichte von unten und zivilgesellschaftlicher Dialog“ bereiten sie für den Herbst 2017 eine Konferenz vor, auf der die Postionen der Nachfahren Kolonisierter zum Thema des Gesprächs im Mittelpunkt stehen werden.

Der Artikel erschien im Südlink 176 (Juni 2016): Körper und Politik: Einverleibte Macht und gelebte Widerstände