Stolperstein für einen "treuen Askari" (Susanne Torka)
Mitte September wurde der erste "Stolperstein" für ein afrikanisches oder afro-deutsches Opfer - gleichzeitig auch ein muslimisches Opfer - nationalsozialistischer Gewalt vor dem Haus Brunnenstraße 193 in der Rosenthaler Vorstadt verlegt. Eine Gedenktafel aus Messing auf einem Pflasterstein - im Gehweg eingelassen.
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Die Idee des Kölner Künstlers Günter Demnig mit diesen Steinen an die Millionen Opfer der Nationalsozialisten zu erinnern, stammt schon aus dem Jahr 1993. Die Umsetzung dieses Erinnerungs-projekts scheiterte zunächst am Widerstand von Stadtverwaltungen und Tiefbauämtern. Die ersten 51 Stolpersteine wurden in der Kreuzberger Oranienstraße verlegt - erst etwas illegal, später legalisiert, wie Demnig berichtet. Im Jahr 2000 wurden in Köln die ersten wirklich von der Stadtverwaltung genehmigten Steine verlegt - als Geschenk der Bürger an die Stadt. Mittlerweile gibt es europaweit etwa 12.500 Stolpersteine. Sie erinnern an Opfer der NS-Gewaltherrschaft vor deren jeweils letztem selbstgewählten Wohnort. Schlichte Messingschilder mit Name, Geburtsdatum, sowie Todesdatum und Ort, soweit sie bekannt sind. Beim zufälligen Darüberlaufen machen sie aufmerksam auf das, was geschehen ist und nicht vergessen werden darf. Die Initiative geht von Bürgern aus, die eine Patenschaft für einen Stolperstein übernehmen. Die kostet 95 Euro. Mehr Informationen dazu unter: www.stolpersteine.com
Die Patenschaft für den Stein für Mahjub bin Adam Mohamed, der sich später B. Mohamed Husen nannte, hat der Verein KopfWelten aus Köln übernommen. Die Idee hatte Jürgen Hahn, der mit seiner Familie ein paar Häuser weiter in der Brunnenstraße wohnte und dessen Bruder Klaus mit Bodo, dem ältesten Sohn Husens, in die Schule ging. Zeitgleich ist Husens Biographie erschienen, die viele unbekannte Aspekte deutsch-ostafrikanischer Kolonialsgeschichte ins Gedächtnis zurückruft. Ein äußerst facettenreiches Buch. Das Thema hat die Autorin, Marianne Bechhaus-Gerst, viele Jahre nicht mehr losgelassen, nachdem sie im Bundesarchiv auf ein Schreiben der Gestapo an die Friedrich-Wilhelm Universität von 1941 gestoßen war. Das besagte, dass Husen nicht der Rassenschande angeklagt werden könne, aber ins KZ Sachsenhausen überstellt worden sei. "Ein Ostafrikaner im KZ! Ich war schockiert. Weil ich mir als Afrikanistin noch nie Gedanken darüber gemacht hatte, was mit Afrikanern oder Afro-Deutschen im Dritten Reich passierte," eerklärt sie ihre hartnäckige Recherche, die sie sogar in Kontakt mit einem Neffen Husens in Tansania gebracht hat.
Mahjub wurde 1904 in Daressalam im damaligen Deutsch-Ostafrika in eine Soldatenfamilie hineingeboren. Sein sudanesischer Vater gehörte der afrikanischen Söldnertruppe an - Askaris genannt, die erst mit dafür sorgte, dass das Deutsche Reich Kolonien unterwerfen konnte. Als der erste Weltkrieg ausbricht und wird Mahjub mit gerade mal 10 Jahren Kindersoldat. Es überrascht zu erfahren, dass Kindersoldaten in Afrika kein Phänomen der heutigen Zeit sind, sondern vor fast 100 Jahren die Deutschen afrikanische Kinder für ihre Kolonialtruppe rekrutierten. Die Jungen wurden damals "Signalschüler" genannt, was harmlos klingt, für die Aufgaben, die sie hatten. Sie mussten nicht nur Nachrichten durch Lichtsignale über weite Strecken verbreiten, sondern waren auch Gewehrträger und bauten unter Beschuss die Geschütze auf. Mahjub wurde durch einen Oberschenkelschuss verwundet. Der erste Weltkrieg ging für Deutschland verloren, wie auch die Kolonien. Damit verlor Mahjub seine Existenzgrundlage, denn Soldaten, die für die Deutschen gekämpft hatten, waren weder bei der einheimischen afrikanischen Bevölkerung noch bei den jetzt britischen Kolonialherren besonders gerne gesehen. In den Zwanziger Jahren heuerte er auf verschiedenn Schiffen der Woermann-Linie als Steward an, die regelmäßig afrikanische Häfen anlief.
Als Mahjub hört, dass das Deutsche Reich elf Jahre nach Kriegsende noch Sold an ehemalige Soldaten ausgezahlt hat, geht er 1929 nach Berlin. Dort versucht er, den nicht ausgezahlten Sold für sich und seinen Vater zu bekommen, was ihm nicht gelingt. Er bleibt, findet Arbeit als Kellner im Haus Vaterland, einem beliebten Vergnügungslokal, das zum Unternehmen Kempinski gehört.Er heiratet eine Sudetendeutsche und bekommt mit ihr zwei Kinder. Sein ältester Sohn, ein uneheliches Kind mit einer anderen Frau, lebt auch in der Familie. Nach der Machtübernahme der Nazis wird das Leben schwieriger, Husen und seine Frau bekommen Fremdenpässe, 1935 wird er bei Kempinski gefeuert. Jetzt bleibt ihm nur noch der Job als Kisuaheli-Lehrer am Orientalischen Seminar der Universität, und Auftritte als Kleinschauspieler oder Komparse in Filmen. Bemerkenswert ist, wie er immer wieder offensiv für seine Rechte eintritt, er klagt gegen die Entlassung, verlangt das Frontkämpferabzeichen. Er muss die Behörden ziemlich genervt haben.
Hier soll nicht die ganze Geschichte erzählt werden. Nur soweit: letztlich sind es seine Affären, die ihn ins KZ bringen. Obwohl die Rechtslage eine Anklage nicht zulässt, wird er 1941 in Sachsenhausen eingeliefert und stirbt dort drei Jahre später. Sein Grab wie auch das seines ältesten Sohnes sind im Norden der Stadt erhalten.
Erschienen in stadt.plan.moabit, Nr. 53 Oktober 2007Weitere Informationen:
Interview mit einer Initiatorin von Inforadio Berlin Marianne Bechhaus-Gerst: Treu bis in den Tod. Von Deutsch-Ostafrika nach Sachsenhausen - eine Lebensgeschichte, Chr. Links Verlag Berlin, 2007