Einweihung des Namibia-Gedenksteins in Berlin (Joachim Zeller)

Am Freitag, den 2. Oktober 2009 ist auf dem Garnisonfriedhof am Columbiadamm in Berlin-Neukölln ein Gedenkstein für die Opfer der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia eingeweiht worden. An diesem Tag jährte sich zum 105. Mal der berüchtigte Vernichtungsbefehl von General Lothar von Trotha vom 2. Oktober 1904. Der Gedenkstein fand seinen Platz am Afrika-Stein, früher Herero-Stein genannt, der aus dem Jahr 1907 stammt und einige deutsche Schutztruppensoldaten memoriert, die im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika im Kolonialkrieg gegen die Herero und Nama gefallen sind.

Der neue Gedenkstein für die „Opfer der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia“ auf dem Garnisonfriedhof in Berlin-Neukölln. (Foto: J. Zeller)

Auf der neuen steinernen Tafel mit den Umrissen des Staates Namibia ist folgende Inschrift eingelassen: "Zum Gedenken an die Opfer der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia 1884-1915, insbesondere des Kolonialkrieges von 1904-1907. Die Bezirksverordnetenversammlung und das Bezirksamt Neukölln von Berlin. ‚Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft' (Wilhelm von Humboldt)". Zur Einweihungsfeier versammelten sich rund 70 Teilnehmer in der Kapelle des Friedhofes, darunter der Bezirksbürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD), der Botschafter der Republik Namibia, Neville Gertze, Repräsentanten der Parteien in der Bezirksverordnetenversammlung, des Auswärtigen Amtes, der Kirchen und zivilgesellschaftlicher Organisationen. Nach den Ansprachen gingen die Teilnehmer zum Gedenkstein, wo Botschafter Gertze die Enthüllung vornahm.

Die Teilnehmer der Gedenkfeier bei der Enthüllung des Namibia-Gedenksteines. (Foto: J. Zeller)

Schon seit Jahren hatte es heftige Auseinandersetzungen um die Inschriftengestaltung gegeben. Auch die jetzige Formulierung blieb nicht ohne Kritik vor allem von Seiten zivilgesellschaftlicher Gruppen, zu denen der Afrika-Rat, der Berliner Entwicklungspolitische Ratschlag (BER), Berlin Postkolonial, die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD), p.art.ners berlin-windhoek, der Solidaritätsdienst-International (SODI) und die Werkstatt der Kulturen gehören. Deren Vertreter, denen es nicht gestattet war, bei der Gedenkfeier zu sprechen, monierten in einer Presseerklärung, dass in der Inschrift lediglich von einem "Kolonialkrieg" die Rede ist. Dies komme einer Verharmlosung des Genozids an den Herero und Nama gleich und sei nicht für die Versöhnung mit Namibia geeignet. Sie erinnerten daran, dass vom Trägerkreis "Erinnern - Deutsche Kolonialgeschichte aufarbeiten" bereits im Jahr 2004 eine provisorische (allerdings kurze Zeit später gestohlene) Tafel am Afrika-Stein aufgestellt wurde, die unmissverständlich von den "Opfern des deutschen Völkermordes" sprach. Im Übrigen hätten sich auch die Inschriftenprogramme anderer Monumente nicht um die Verwendung des Völkermord-Begriffs herumgedrückt, so die ergänzende Gedenktafel am Düsseldorfer Kolonialkriegerdenkmal und das erst kürzlich errichtete Namibia-Mahnmal in Bremen.

Jahrelang war in Berlin um die Inschriftengestaltung des neuen Namibia-Gedenksteines gestritten worden. Eine erste Gedenktafel hatte man im Jahr 2006 fertig gestellt, die jedoch nicht an ihrem Bestimmungsort zur Aufstellung kam, sondern anschließend in einem Flur der Neuköllner Friedhofsverwaltung verstaubte. Die Inschrift, die man für diese Tafel wählte, lautet: "Hundert Jahre nach der blutigen Niederschlagung antikolonialer Aufstände durch die deutsche Kolonialtruppe in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika gedenken wir der ungezählten, vermutlich mehr als 60.000 Opfer. Bezirksverordnetenversammlung und Bezirksamt Neukölln Berlin 2006." (Foto: Johannes Wendt)

In der Tageszeitung (taz) vom 29.9.2009 wird der Neuköllner Baustadtrat Thomas Blesing (SPD) zitiert, der darauf hinwies, dass der Inschriftentext des neuen Gedenksteins mit dem Auswärtigen Amt, der namibischen Botschaft, der Senatskanzlei und der Bezirksverordnetenversammlung Neukölln abgestimmt worden sei. Das Auswärtige Amt habe "dringend davon abgeraten", den Terminus Völkermord zu verwenden. "Ich kann in Neukölln nicht etwas auf einen Stein schreiben, was das Auswärtige Amt nicht absegnet", sagte Blesing weiter. Welche Möglichkeiten tatsächlich bestanden haben, gegen den Druck des Auswärtigen Amtes einen alternativen Inschriftentext politisch durchsetzen zu können, muss dahin gestellt bleiben. Jedenfalls verwendete der namibische Botschafter Gertze den Genozid-Begriff in seiner Rede zwei Mal.

Der Namibia-Gedenkstein ist das dritte koloniale Mahnmal in der Bundeshauptstadt. Seit Ende des Jahres 2004 erinnert eine Gedenkstele in der Wilhelmstraße an die Westafrika-Konferenz von 1884/85 und seit 2007 gibt es in der Brunnenstraße in Berlin-Mitte einen „Stolperstein“ für Mahjub bin Adam Mohamed. Der Deutsch-Afrikaner war 1944 im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet worden. Abzuwarten bleibt, wie viele Besucher ihren Weg zum Namibia-Gedenkstein auf dem abgelegenen Garnisonfriedhof in Neukölln finden werden.

Links:

Berliner Gedenkveranstaltung zur Waterbergschlacht 1904 (2004)

(Post-)Koloniale Monumente

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